„Cronofobia"
Starker Debütfilm zwischen Kammerspiel und Film Noir

Er fährt im Kleinbus durch die nächtliche Schweiz, sie räumt das Geschirr ihres toten Mannes nicht weg. Die beiden finden zusammen, verstricken sich in ein Spiel mit den Identitäten. In Francesco Rizzis nachtfinsterem Drama wird erst spät klar, was sie verbindet.

Donnerstag, 20.02.2020, 14:56 Uhr aktualisiert: 20.02.2020, 16:42 Uhr
Anna (Sabine Timoteo) und Michael (Vinicio Marchioni) sind durch geheime Umstände miteinander verbunden.
Anna (Sabine Timoteo) und Michael (Vinicio Marchioni) sind durch geheime Umstände miteinander verbunden. Foto: Perlenfilm/Imago Films/dpa

Man steht eingangs etwas ratlos vor diesen beiden einsamen Menschen: Michael, der in einem mit Wohnkabine ausgestatteten Kleinbus immer auf Achse und nie zu Hause ist, und Anna, die in einer modernistischen Villa wohnt, nicht schlafen kann und viel Wut in sich herumträgt. Michael scheint Anna zu stalken, parkt in ihrer Straße, fährt ihr beim Joggen hinterher. Ist dies ein Thriller?

Erst allmählich gibt der Schweizer Regisseur Francesco Rizzi mehr von beiden Figuren preis: Michael testet, als solventer Kunde verkleidet, Ladenverkäufer, die in Verdacht geraten sind, ihre Arbeitgeber zu betrügen; ein schreckliches Ereignis treibt ihn richtungslos und Charles-Bukowski-Gedichte-hörend von Tankstelle zu Autobahnraststätte, von Unort zu Nichtort.

Starkes Kammerspiel

Anna hingegen hat ihren Mann verloren und kann sich nicht überwinden, das Geschirr und das Besteck wegzulegen, das seit seinem Tod noch auf dem Esstisch steht. An der titelgebenden „Chronophobie“, der Angst vor der verstreichenden Zeit, scheinen sie beide zu leiden.

Erst spielerisch, dann fast unterwürfig übernimmt Michael, der geborene Stellvertreter, die Rolle des Toten, auch optisch verwandelt er sich ihm an – bis das Rollenspiel an seine Grenzen stößt und klar wird, was beide verbindet.

Bewertung

„Cronofobia": Drama mit Vinicio Marchioni, Sabine Timoteo, Leonardo Nigro (90 Minuten)

Bewertung: 4 von 5 Sternen 

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Rizzi inszeniert seinen ersten Spielfilm, überwiegend angesiedelt in einem winterlich-finsteren Tessin, als verblüffend stilbewusstes Noir-Drama, das über weitere Strecken als Kammerspiel für zwei brillante Darsteller funktioniert: Vinicio Marchioni (aus der italienischen Gangsterserie „Romanzo Criminale“) und die sowieso immer sehenswerte Sabine Timoteo („Der freie Wille“) halten die Spannung in diesem Spiel um Verlust, Unbehaustheit und fragwürdige Identitäten bis zum Schluss.

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