Eine Kulturgeschichte
Von den Wikingern bis Hygge: «Die Erfindung des Nordens»

Der Norden war lange das große Unbekannte, dann ein Ort der Sehnsucht und Inspiration. Der Kulturwissenschaftler Bernd Brunner erforscht das Geheimnis einer Himmelsrichtung.

Dienstag, 18.02.2020, 15:20 Uhr aktualisiert: 18.02.2020, 15:22 Uhr
Bernd Brunner hat die Kulturgeschichte einer Region geschrieben: «Die Erfindung des Nordens».
Bernd Brunner hat die Kulturgeschichte einer Region geschrieben: «Die Erfindung des Nordens». Foto: dpa

Berlin (dpa) - Der Norden war einst ein Phantom, eine geschwungene Linie, die auf einer antiken Karte das Ende der bekannten Welt markierte. Der Norden war ein vages Gebilde, das man mit Kälte und Dunkelheit assoziierte.

Später verband man ihn mit phantastischen Vorstellungen von einem geheimnisvollen Magneteisberg am Nordpol, der Schiffe ins Verderben leiten würde. Oder von einem Meeresschlund, der Seefahrer in die Tiefe riss. Auch viel später noch war der Norden für Mittel- und Südeuropäer eine Projektionsfläche für Ängste, Sehnsüchte, ja sogar für größenwahnsinnige Fantasien.

Genau davon handelt Bernd Brunners mitreißendes Buch «Die Erfindung des Nordens. Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung», mit dem er seine Reihe sehr erfolgreicher kulturgeschichtlicher Bücher fortsetzt. Es ist ein wunderbarer Schmöker für lange Winterabende. Auch in dieses Werk hat Brunner wieder eine Vielzahl von Quellen einfließen lassen, von Seefahrern, Forschern, Kaufleuten und Schriftstellern, die dem hohen Norden in Neugier und Sehnsucht, aber nicht selten auch in Misstrauen und herzlicher Abneigung verbunden waren. Sie alle prägten das Bild vom Norden so wie heute skandinavische Krimischriftsteller, wohlige Hygge-Kultur oder die abschmelzenden Polargletscher.

Die ersten furchterregenden Botschafter des Nordens waren die Wikinger. Über Jahrhunderte verbreiteten sie mit ihren Raubzügen Angst und Schrecken bei europäischen Küstenbewohnern. Noch heute spukt das raue Kriegervolk mit - historisch keineswegs belegten - behörnten Helmen durch Filme und Comics. Während es die Wikinger in ihrem Wunsch nach Beute nach Süden zog, war der umgekehrte Weg für Forscher und Entdecker lange Zeit wenig erfolgreich. Der Wunsch, über den Norden eine eisfreie Passage nach Asien zu finden, war treibende Kraft für zahlreiche Expeditionen, die meist im Verderben endeten. Der Norden blieb somit ein schwarzer Schlund. Erst heute wird der Traum von der eisfreien Passage Wirklichkeit, allerdings mit tragischen Konsequenzen für alle Erdbewohner.

Das überwiegend schlechte Image des Nordens änderte sich schlagartig, als im 18. Jahrhundert altisländische Schriften entdeckt wurden. Die Edda-Lieder mit ihrer altnordischen Götterwelt galten als literarische Sensation und wurden etwa von Johann Gottfried Herder mit Enthusiasmus aufgenommen. Wie er ließen sich viele Intellektuelle von den nordischen Mythen begeistern und vereinnahmten sie im aufkommenden Nationalismus als eine Art Bibel der Germanen, also auch der Deutschen. Manche machten sich nun auch in den Norden auf, wo sie eine Art reine, ursprünglich gebliebene Welt zu finden hofften.

Rilke und Thomas Mann outeten sich als begeisterte Nordländer. «Ich glaube, wir brauchen (trotzdem Italien sein Wohltun hat) doch bald wieder Norden, Weite, Wind!», forderte Rilke. Noch weniger subtil klang es bei Thomas Mann: «Ich bin nordisch gestimmt, bin es mit der ganzen Bewusstheit, die heute überall in der Sache der Nationalität und Rasse herrscht.» Hier klingt schon eine ungute Entwicklung an, nämlich wie die nordische Tradition Anfang des 20. Jahrhunderts von der Rassenkunde vereinnahmt und pervertiert wurde.

Dieser problematische Aspekt wird von Brunner aufgegriffen, ohne ihn jedoch überzubetonen. Man stolpert in diesem Zusammenhang über bizarre Begriffe wie «Blondheitskult», «Aufnordung» und liest von einer «Nordischen Bewegung», die von einer «Einigung der Völker germanischer Sprache mit dem Ziel nordischer Wiedergeburt» fantasierte.

Nebenbei erwähnt Brunner genüsslich, wie befremdlich es für die Germanenschwärmer war, als sie bei einer Reise in das bewunderte Skandinavien keineswegs archaische Völker antrafen, sondern moderne, stark demokratisch orientierte Gemeinwesen mit emanzipierten Frauen. Was für ein Schock! Der Norden, so Brunners Quintessenz, «unterliegt dem historischen Wandel - und wird dabei immer wieder neu erfunden und konstruiert.» Der Norden steht auch heute noch für eine einzigartige raue Natur. Und doch hat sie ihre Unschuld verloren, ist gefährdet und fragil geworden und damit ein Symbol für den Zustand des gesamten Planeten.

- Bernd Brunner: Die Erfindung des Nordens. Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung, Galiani Verlag, Berlin, 320 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-86971-192-8.

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