Schaurige Szenen
«Haarmann»: Serienmörder-Roman als Sittenbild der 1920er

Preisgekrönt mimte Götz George den «Totmacher» Fritz Haarmann. Doch wie nagelte die Polizei den Serienmörder damals fest? Dirk Kurbjuweits Roman «Haarmann» raubt gehörig den Atem - und ist doch viel mehr.

Dienstag, 18.02.2020, 14:57 Uhr aktualisiert: 18.02.2020, 15:00 Uhr
Schaurige Szenen erwarten die Leser in Dirk Kurbjuweits «Haarmann».
Schaurige Szenen erwarten die Leser in Dirk Kurbjuweits «Haarmann». Foto: -

Berlin (dpa) - In den Adamsapfel hat er sie gebissen. Bis sie tot waren. Von «widernatürlicher Unzucht» ist die Rede, von einzelnen gefundenen Körperteilen und dem abgelösten Fleisch der Leichen, das womöglich in den Handel gelangte.

Es sind schaurige Szenen, die im Prozess gegen den Massenmörder Fritz Haarmann 1924 ans Licht kommen.

Begonnen hat die spektakuläre Mordserie in den Wirren unmittelbar nach der Barbarei des Ersten Weltkriegs. Sechs Jahre lang tötet der zunächst als kleinkriminell geltende Haarmann mehr als zwei Dutzend junge Männer und Jungen. «Schlächter», «Vampir», «der Kannibale von Hannover» - seine Beinamen zeigen, mit welcher Brutalität der homosexuelle Täter vorging.

Eindrucksvoll verkörperte Schauspieler Götz George vor 25 Jahren im preisgekrönten Psycho-Kammerspiel «Der Totmacher» den Serienmörder. Ein dunkler Raum und das gewiefte Wechselspiel zwischen Angeklagtem und Gerichtspsychiater. Grausame Dialoge in weichem Sepia.

«Von da an hat mich der Stoff fasziniert», lässt Dirk Kurbjuweit wissen. In seinem nun erschienenen Roman «Haarmann» lenkt der Berliner Autor den Blick auf die komplizierte Polizeiarbeit.

Zehn Akten hat der leitende Kommissar Robert Lahnstein anfangs auf dem Tisch liegen, zehn vermisste Jungen zwischen 13 und 18 Jahren. Tote wurden bisher keine gefunden. Das Katz-und-Maus-Spiel beginnt. «Seine Hoffnung war der nächste Fall», heißt es, «dass dieser eine Spur offenbarte, ihm eine Leiche lieferte, irgendwas, an das er anknüpfen konnte. Abscheulicher Gedanke, aber wahr.» Der Kommissar, ein von den Kollegen zwielichtig beäugter Neuankömmling aus Berlin, soll die Fahndung nach dem Täter endlich auf Erfolgsspur bringen.

Neben der schwierigen Fahndung und den polizeiinternen Intrigen muss sich der leitende Ermittler genauso Ränken in der zerrissenen Gesellschaft der Weimarer Republik stellen. «Was mich an dem Fall interessiert hat, sind die politischen Bezüge», so Kurbjuweit.

Der 57-jährige Leiter des «Spiegel»-Hauptstadtbüros ist einer der renommiertesten Journalisten in Deutschland. Daneben gehört er mit Sachbüchern (etwa über Kanzlerin Angela Merkel) und Romanen wie dem Psychothriller «Angst» (2013) zu den rasantesten Buchautoren hierzulande. «Haarmann» ist Kurbjuweits achter Roman.

Die Mordserie an den «Puppenjungs», wie der Schlächter seine Opfer nannte, birgt denn auch ein politisches Element in sich. Kann Lahnstein mit demokratischen und rechtsstaatlichen Mitteln die Gewalt beenden? Denn je mehr Akten vermisster Jugendlicher auf seinem Schreibtisch landen, desto aggressiver erklären Rechtsextremisten und Feinde der Weimarer Demokratie den bekennenden Sozialdemokraten zum Sündenbock.

Kurbjuweit zeigt mit seinem Ermittler erneut seine Vorliebe für einsame Helden. Der verkrampfte Protagonist taumelt in dieser Halbwelt aus «Hundertfünfundsiebzigern», schambehafteten Hinterbliebenen, durchtriebenen Kollegen und einem schlitzohrig-schwerfälligen Täter immer weiter auf den alles entscheidenden Konflikt zu: Muss man bis zum Ende moralisch richtig handeln? Oder ist etwa Folter vertretbar?

«Der Schmerz aber kommt aus den alten Verhältnissen und passt nicht zu den neuen», muss sich der Kommissar einmal sagen lassen, als er Haarmann zum Verhör auf dem Präsidium hat. Das Menschenrecht gilt, auch für Mörder. Oder es gilt für keinen. Mit dieser Zerrissenheit geht Kurbjuweit mit seinem «Haarmann» weit über eine reine True-Crime-Story hinaus. Ein wahrer Roman Noir.

- Dirk Kurbjuweit: «Haarmann», Penguin Verlag, 320 S., 22,00 Euro, ISBN 978-3-328-60084-8.

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