Neuer Mercier-Bestseller
Philosophisch durch Triest und London

Mit «Nachtzug nach Lissabon» gelang Pascal Mercier ein Welterfolg. Auch sein neuester Roman spielt über Ländergrenzen hinweg. «Das Gewicht der Worte» behandelt die Frage, was wichtig ist im Leben. Vielleicht steht das Buch deswegen schon auf Bestsellerlisten.

Dienstag, 18.02.2020, 14:48 Uhr aktualisiert: 18.02.2020, 14:50 Uhr
«Das Gewicht der Worte» von Pascal Mercier.
«Das Gewicht der Worte» von Pascal Mercier. Foto: -

Berlin (dpa) - Was zählt im Leben? Für die einen ein Dach über dem Kopf. Für die anderen: ein Komma. «Ich bin - wie soll ich sagen - glücklich, dass du mit mir zusammen über dieses Komma nachgedacht hast», sagt Simon Leyland zu seinem Nachbarn, und da ist der Leser bereits mittendrin im neuen Roman von Pascal Mercier.

Der Titel «Das Gewicht der Worte» zeigt schon, wie wichtig Sprache dem Protagonisten Leyland ist - er ist Übersetzer. Wie ein ärztlicher Irrtum seinen Blick aufs Leben verändert, erzählt der Roman, der auf fast 600 Seiten ein kosmopolitisches Leben zwischen Triest und London nachzeichnet. Dabei fehlt natürlich auch die Liebe nicht.

Pascal Mercier, der eigentlich Peter Bieri heißt, 1944 in Bern geboren wurde und in Berlin lebt, hat in «Nachtzug nach Lissabon» einst einen Altphilologen durch Europa geschickt, auf der Suche nach seinem früheren Leben. Nun hat er wieder ein philosophisches Buch geschrieben, es steht auf Platz 1 der Bestsellerliste. «Das Gewicht der Worte» ist ein langsamer Roman, ein behutsamer, ein warmer. Die Geschichte nimmt sich Zeit für ihre Entwicklung. Nicht nur spielt sie in zwei Städten - Triest und London. Auch verschiedene Zeitebenen geben ihr Raum, sich zu entfalten.

Der Leser ist immer bei Simon Leyland, der zu Beginn der Geschichte nach London zurückkehrt. Ein älterer Mann, der als Übersetzer sein Leben in Sprachen und Büchern verbracht hat, viele Jahre davon in Triest. Hinter dem leisen Protagonisten liegen Wochen der Todesangst, eine Fehldiagnose. Hinter ihm liegen auch: ein voreilig verkaufter Verlag in Italien und eine schon länger tote Ehefrau. Hinter ihm liegt also ein Leben. Vor ihm aber auch. Eines, das er nun neu ordnen muss: «Jetzt, da er wieder eine Zukunft hatte, wollte er verschwenderisch mit seiner Zeit umgehen.»

Von da an folgt der Leser Leylands langsamem Neubeginn, der in London anfängt, weil er das Haus seines Onkels erbt. Zaghaft schließt er Freundschaft mit dem verschlossenen Nachbarn, zaghaft nähert er sich auch sich selbst wieder an. Immer noch hört er die Fragen, die er sich nach der Diagnose, nur noch wenige Wochen zu leben, gestellt hat: «Was habe ich mit der Zeit meines Lebens gemacht? Wen habe ich gekannt, wirklich gekannt? Und an wen habe ich mich nur gewöhnt?»

Das Buch kreist nicht nur um Leyland, dessen Leben in Briefen an seine tote Frau, Rückblenden und Erinnerungssequenzen geschildert wird. Es kreist auch um die Menschen, die ihn umgeben. Nach und nach entfaltet Mercier ein Beziehungspanorama. Und alle Figuren eint die Frage: Wer wollen sie sein im Leben?

Da sind Leylands erwachsene Kinder Sidney und Sophia. Oder seine Freunde - ein russischer Übersetzer mit krimineller Vergangenheit, ein literaturverliebter Ire, der kellnert. Oder die Mitarbeiter in dem Verlag, den seine Frau Livia einst erbte und das Paar überhaupt von England in den italienischen Nordosten führte.

Der rote Faden in Leylands Leben bleibt Livia. «Sie hörten an den Wörtern Dinge, die sonst niemand hörte, manchmal kam es ihnen vor, als lebten sie in einem eigenen Klang- und Bedeutungsraum, einem ganz privaten Raum, der für andere verschlossen blieb», heißt es. Der Leser folgt auch einer großen Liebe.

Mercier verwebt die Figuren und ihre Schicksale, und er tut das freundlich. Man kann das langatmig finden. Und seine Figuren zu nett. Und die permanenten Sinnfragen zu pathetisch. Andererseits: Ist es nicht schön, mal ein Buch zu lesen, das kein Stück zynisch ist? Nicht mal ironisch?

«È bello vivere perché vivere è cominciare, sempre, ad ogni istante», muss Leyland einmal aus den Tagebüchern des italienischen Autors Cesare Pavese übersetzen. Und er übersetzt: «Es ist schön, zu leben, weil leben anfangen ist, immer, in jedem Augenblick.»

«Das Gewicht der Worte» ist neben einer philosophischen Betrachtung ein Buch, das für die Kraft der Literatur plädiert.

- Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte, Hanser, 576 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-446-26569-1.

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