Fotoausstellung in Essen zeigt eindrucksvolle Porträts von Holocaust-Überlebenden
Eindringlich, nah, frontal

Essen -

Wenige Tage vor dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar wird in der Kokerei Zollverein eine Ausstellung eröffnet, die es in sich hat. „Survivors. Faces of Life after the Holocaust“ (Überlebende: Gesichter des Lebens nach dem Holocaust) heißt sie. Der Starfotograf Martin Schoeller hat dafür Überlebende des Holocaust auf großformatigen Fotos porträtiert. Eine eindringliche Begegnung mit Menschen, die das finsterste Kapitel der deutschen Geschichte erlebten und überlebten.

Dienstag, 21.01.2020, 19:42 Uhr aktualisiert: 21.01.2020, 19:56 Uhr
Der Künstler Martin Schoeller (r.) steht in der Ausstellung „Survivors – Faces of Life after the Holocaust“ in der Kokerei Zollverein in Essen. Er hat 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Au­schwitz 75 Holocaust-Überlebende in Israel besucht und porträtiert.
Der Künstler Martin Schoeller (r.) steht in der Ausstellung „Survivors – Faces of Life after the Holocaust“ in der Kokerei Zollverein in Essen. Er hat 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Au­schwitz 75 Holocaust-Überlebende in Israel besucht und porträtiert. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Eigentlich macht Naftali Fürst an diesem Dienstag nicht viel. Und doch ist es genug, um der Bundeskanzlerin die Schau zu stehlen. Allein die Tatsache, dass der 87-jährige Israeli nach Essen gekommen ist, genügt. Fürst hat Auschwitz überlebt. 75 Jahre nach der Befreiung des NS-Vernichtungslagers und wenige Tage vor dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar wird in der Kokerei Zollverein eine Ausstellung eröffnet, die es in sich hat. „Survivors. Faces of Life after the Holocaust“ (Überlebende: Gesichter des Lebens nach dem Holocaust) heißt sie. Einer der Porträtierten: Naftali Fürst.

Es ist ein Tag der bedeutungsvollen, besser: der bedeutungsschweren Worte. Weil das Thema es so will. Angela Merkel ist eigens gekommen, um die Ausstellung zu eröffnen. Der Starfotograf Martin Schoeller hat in Israel Überlebende fotografiert, 75 Männer und Frauen, die den Horror von Auschwitz überstanden. Es sind eindrucksvolle Bilder geworden. Eindringlich, nah, frontal. Direkt blicken die Betagten den Betrachter an. So entsteht ein stummer Dialog. „Wir schauen nun – all die Jahre nach dem großen Verbrechen – in Gesichter von Menschen, die nicht verschlungen wurden von der Tötungsmaschinerie“, erklärt Altbundespräsident Jo­achim Gauck im Vorwort zum Ausstellungskatalog. „Wir sehen in die Augen von Menschen, die von Schmerz oder vom Glück des Überlebens erzählen.“

Erzählen, das will auch Naftali Fürst. Er ist am Vormittag eigens mit einer Maschine der Luftwaffe von Tel Aviv nach Deutschland geflogen. Ein starkes Symbol. „Ich lebe im Schatten des Holocaust“, sagt der 87-Jährige, der von seiner Familie begleitet wird, in Essen. Noch immer sehe er die Gesichter der Mithäftlinge. „Ich werde die Angst nie vergessen.“ Fürst spricht nur wenige Sätze. Und erntet Standing Ovations.

Das Vergangene bewahren für eine bessere Zukunft. Das ist die Sentenz, die sich durch alle Beiträge zieht. „Ich empfinde tiefe Scham angesichts des Leids, das Ihnen angetan wurde“, sagt die Bundeskanzlerin an den 87-Jährigen gewandt. In Au­schwitz hätten die Deutschen mit der Zivilisation gebrochen. „Wir später Geborenen stehen vor der Geschichte und sind fassungslos.“

Es sei eine große Ehre, dass Fürst nach Essen gekommen sei, sagt der Vorstandsvorsitzende der RAG-Stiftung, Bernd Tönjes. Die Stiftung finanzierte das Projekt. Von der „Last der Erinnerung“, spricht Kai Diekmann, Vorsitzender deutschen Freundeskreises der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, der die Ausstellung zusammen mit der Stiftung für Kunst und Kultur Bonn initiiert hatte. Ein Weg, den aufgekeimten Antisemitismus in Europa zu bekämpfen, sei, die Geschichte der Zeitzeugen zu erzählen. Das meint auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Spätestens mit dem Angriff auf die Synagoge in Halle im vergangenen Oktober sei klar geworden, „dass der Antisemitismus in Deutschland nicht überwunden ist“.

Porträts als Statement, das funktioniert. Schoeller, einer der gefragtesten Fotografen weltweit, der schon Barak Obama, Bill Gates und Angela Merkel porträtierte, hat die alten Menschen so in Szene gesetzt, das von ihnen ein besondere Intensität ausgeht. Sie alle schauen ernst, ihre Augen ziehen den Betrachter in den Bann.

Bilder mit Botschaften, das verstärkt den Eindruck. Schoeller hat die Männer und Frauen einen Wunsch äußern lassen. „Wir müssen uns bemühen, gut und freundlich zu sein“, sagt beispielsweise Ruth Zuman. „Das Wichtigste, was wir tun können, ist zu lieben. Mehr zu lieben und alle zu lieben“, formuliert Sara Leicht. Sätze voller Wärme und Gefühl sind das, von Menschen, die die brutale Kälte und tödlichen Hass erlebt haben. Das macht sie so besonders.

In Essen ist die Ausstellung von diesem Mittwoch an bis zum 26. April täglich von 11 bis 17 Uhr zu sehen. Ein Eintrittspreis kann nach eigenem Ermessen gezahlt werden.

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