„1917”
In Echtzeit durch das Niemandsland

Sam Mendes schickt zwei britische Soldaten im Ersten Weltkrieg allein durch Feindesland – und dreht das scheinbar in einer einzigen Kamera-Einstellung. Der gefahrvolle Botengang hat die Anmutung eines Videospiels und wurde soeben für zehn Oscars nominiert.

Donnerstag, 16.01.2020, 15:06 Uhr aktualisiert: 16.01.2020, 16:12 Uhr
Soldat Schofield (George MacKay) erlebt das Grauen des Ersten Weltkriegs.
Soldat Schofield (George MacKay) erlebt das Grauen des Ersten Weltkriegs. Foto: imago images/Cinema Publishers C

Neues aus den Schützengräben! Ein aktueller Trend nicht nur in Kunst und Virtual-Reality-Technik, sondern auch im Kriegsfilmgenre ist die sogenannte Immersion: ein geradezu wirklichkeitsobsessives Eintauchen der Zuschauer in das, was ihnen vorgesetzt wird, in diesem Fall also ins Kriegsgeschehen. So ließ Christopher Nolan dem Publikum von „Dunkirk“ das Bombardement nur so um die Ohren fliegen, und Peter Jackson kolorierte für „They Shall Not Grow Old“ altes Filmmaterial aus dem Ersten Weltkrieg nach, womit er die Soldaten aus monochromer Fotoalbenverstaubtheit heraus- und verstörend nah an die Zuschauer heranholte.

„Skyfall“-Regisseur Sam Mendes geht nun noch weiter. Er erzählt die fiktive (aber auf Erzählungen seines Großvaters beruhende) Geschichte zweier junger britischer Unteroffiziere, die im April 1917 an der Westfront als Boten durchs Niemandsland zwischen den Linien stolpern, in Echtzeit und langen Plansequenzen, fast ohne sichtbare Schnitte. Permanent werden die jungen Männer von der Kamera umkreiselt, während sie ihrem Ziel entgegenmarschieren: einem von der Kommunikation abgeschnittenen Infanterieregiment mitzuteilen, dass das deutsche Heer, versteckt in der Siegfriedstellung, die Briten in eine tödliche Falle locken will.

Diese Filme sind für den Oscar nominiert

1/15
  • Die Oscar-Nominierungen 2020 in den wichtigsten Sparten

    Als BESTER FILM wurde nominiert: „1917“

    Foto: dpa
  • BESTER FILM

    „Le Mans 66 - Gegen jede Chance“

    Foto: dpa
  • BESTER FILM

    „The Irishman“

    Foto: dpa
  • BESTER FILM

    „Jojo Rabbit“

    Foto: dpa
  • BESTER FILM

    „Joker“

    Foto: dpa
  • BESTER FILM

    „Little Women“

    Foto: Sony Pictures
  • BESTER FILM

    „Marriage Story“

    Foto: dpa
  • BESTER FILM

    „Once Upon a Time in Hollywood“

    Foto: dpa
  • BESTER FILM

    „Parasite“

    Foto: dpa
  • BESTE REGIE

    • Martin Scorsese („The Irishman“)
    • Todd Phillips („Joker“)
    • Sam Mendes („1917“)
    • Quentin Tarantino („Once Upon a Time in Hollywood“)
    • Bong Joon Ho („Parasite“)
    Foto: dpa
  • BESTE HAUPTDARSTELLERIN

    • Renée Zellweger („Judy“)
    • Cynthia Erivo („Harriet“)
    • Scarlett Johansson („Marriage Story“)
    • Saoirse Ronan („Little Women“)
    • Charlize Theron („Bombshell“)
    Foto: dpa
  • BESTER HAUPTDARSTELLER:

    • Joaquin Phoenix („Joker“)
    • Antonio Banderas („Leid und Herrlichkeit“)
    • Leonardo DiCaprio („Once Upon a Time in Hollywood“)
    • Adam Driver („Marriage Story“)
    • Jonathan Pryce („Die zwei Päpste“)
    Foto: dpa
  • BESTE NEBENDARSTELLERIN

    • Laura Dern („Marriage Story“, l.)
    • Kathy Bates („Richard Jewell“)
    • Scarlett Johansson („Jojo Rabbit“)
    • Florence Pugh („Little Women“)
    • Margot Robbie („Bombshell“) 
    Foto: dpa
  • BESTER NEBENDARSTELLER

    • Tom Hanks („Der wunderbare Mr. Rogers“)
    • Anthony Hopkins („Die zwei Päpste“)
    • Al Pacino („The Irishman“)
    • Joe Pesci („The Irishman“)
    • Brad Pitt („Once Upon a Time in Hollywood“)
    Foto: Sony Pictures
  • BESTER INTERNATIONALER SPIELFILM (sogenannter Auslands-Oscar)

    • „Leid und Herrlichkeit“ (Spanien)
    • „Corpus Christi“ (Polen)
    • „Honeyland“ (Nordmazedonien)
    • „Les Misérables“ (Frankreich)
    • „Parasite“ (Südkorea)
    Foto: dpa

Wie von Level zu Level

Technisch ist das herausragend inszeniert, fast hat es die Anmutung eines Videospiels: Am Anfang bekommen Schofield (George Mac­Kay aus „Captain Fantastic“) und Blake (Dean-Charles Chapman aus „Game of Thrones“) ihren Missionsauftrag, dann rennen sie los. Wie von Level zu Level hüpfend müssen sie jede Menge Gefahren überstehen: abstürzende Flugzeuge, Heckenschützen, Flüsse voller Leichen, ein paar Überlebende.

Dabei hat Mendes durchaus Überraschungen parat, wozu auch gehört, dass die angekündigten Stars (darunter Colin Firth und Benedict Cumberbatch) nur winzige Auftritte haben. Der Film gehört ganz den beiden Soldaten auf ihrem Botengang – und den Zuschauern, die mit ihnen durchs verheerte Gelände pirschen. Wer großes Schlachtenscharmützel sucht, ist im falschen Film: „1917“ ist eher ein kammerspielhaftes Road-, nein: Walk-Movie, dessen formale Vorgabe, ohne erkennbare Schnitte auszukommen, nur anfangs wie ein Gimmick wirkt, gegen Ende dann aber, wenn sich die Erschöpfung auf die Betrachter überträgt, eine verblüffende Wirkung entfaltet. Sehenswert.

Bewertung

4 von 5 Punkten. Läuft im Cineplex Münster.

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7197947?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819391%2F819397%2F
Nachrichten-Ticker