Bücherfrühling
Eine Generation zwischen Resignation und Rebellion

Aktuelle literarische Neuerscheinungen zeichnen das Bild einer desillusionierten, aber auch kämpferischen Jugend in aufgewühlten Zeiten - ein thematischer Blick in den Bücherfrühling.

Dienstag, 07.01.2020, 11:13 Uhr aktualisiert: 07.01.2020, 11:18 Uhr
«Hawaii» von Cihan Acar.
«Hawaii» von Cihan Acar. Foto: -

Berlin (dpa) - Die Jugend spricht am besten für sich selbst. In ihren Romandebüts zeigen junge Autorinnen und Autoren gebrochene Helden ihrer Generation. Sie erzählen von gerade erwachsen gewordenen Frauen und Männern, die in einer polarisierten, verstörten Gesellschaft ihre Rolle suchen, nicht immer mit Erfolg.

Manche scheinen gar die Hoffnung auf eine gelingende Zukunft verloren zu haben.

Ausgerechnet ein Vertreter der älteren Autorengeneration liefert ein positives Gegenbild, ein kämpferisches Porträt der Generation Greta. Das schon im Vorfeld gelobte fiktionale Erstlingswerk von Cihan Acar trägt den Sehnsuchtstitel «Hawaii». Ein trügerischer Name, denn der Autor beschreibt hier kein Südseeparadies, sondern ein Problemviertel von Heilbronn. Es ist die Heimat von Kemal Arslan. Nach einem vielversprechenden Aufbruch steht der junge Mann vor den Trümmern seiner Existenz, da seine Karriere als Profilfußballer nach einem selbst verschuldeten Unfall abrupt endet. Nun treibt er orientierungslos vor sich hin. Acar schildert in diesem «rauschhaften Trip durch Heilbronn» (Benedict Wells) einen jungen Mann auf Sinnsuche, gefangen im Zwiespalt von Migrantenmilieu und deutscher Mehrheitsgesellschaft. Und während Heilbronn bei Kämpfen zwischen einem Heimatschutzverein und einer migrantischen Rockerbande verwüstet wird, entzieht sich Kemal einer klaren Positionierung durch Flucht in die Ferne.

Suche nach Identität vor dem Hintergrund einer multikulturellen Gesellschaft und neu entfachtem Rassismus ist auch das Thema von Olivia Wenzels Buch «1000 Serpentinen Angst». Ihre Heldin ist eine junge Frau, Tochter eines angolanischen Vaters und einer deutschen Mutter. Frühe Ausgrenzungserfahrungen werden wieder lebendig, als sie bedrohliche Nazigruppen beobachtet. Sie zieht ein bitteres Resümee: «Ich habe mehr Privilegien, als je eine Person in meiner Familie hatte. Und trotzdem bin ich am Arsch. Ich werde von mehr Leuten gehasst, als meine Großmutter es sich vorstellen kann.» Nach einem psychischen Zusammenbruch begibt sich die Frau in Therapie. Dem stark dialoglastigen Romandebüt merkt man die gelernte Theaterautorin an.

Mit reichlich Vorschusslorbeeren ausgestattet kommt aus Frankreich das Werk einer jungen Autorin zu uns, die dort bereits als Houellebecqs Erbin gefeiert wird. Marion Messinas schmales Buch «Fehlstart» gilt als virtuoses Debüt. Es ist eine kühle und messerscharfe Analyse der französischen Gesellschaft, deren Versprechen auf Wohlstand und Teilhabe sich für die junge Generation als leer und hohl erweisen. Erzählt wird die Geschichte von Aurélie, einer jungen Frau aus Grenoble, die die provinzielle Arbeiterbiografie ihrer Eltern hinter sich lassen will. Doch ihr Jurastudium scheitert genauso wie ihre erste große Liebe. Sie geht voller Hoffnung nach Paris, wird aber auch hier radikal ernüchtert, erweist sich doch die schillernde Metropole in Wahrheit als ausgrenzender «Lebensort für Privilegierte». Aurélie heuert als Empfangsdame an und führt wie viele andere ihrer Generation ein von Arbeit zerfressenes Leben am Rande der Armut. Pech für sie, sagt ihr kühl ein begüterter, älterer Lover, «du bist zwanzig Jahre zu spät geboren».

Einen resignativen Zug kennzeichnet auch das Werk ihres Landsmanns David Lopez. «Aus der Deckung» wird als «Roman über die verlorene Generation Frankreichs» beworben. Schauplatz ist eine Reihenhaussiedlung in der Provinz, eine Welt irgendwo zwischen Bürgertum und Gosse. Hier hängt eine Clique von Freunden ab. Jonas hat das Zeug zum Profiboxer, doch ihm fehlt der Elan, etwas aus sich zu machen. Kiffen, Alkohol trinken, Karten spielen, ab und zu mal eine Party schmeißen, so vergeht die Zeit. Eine Jugend im Wartestand, die die Hoffnung aufgegeben hat, jemals noch eine Chance zu bekommen. Das alles wird in einer harten, am Jugendjargon orientierten Sprache beschrieben. Neben Ernüchterung und Resignation gibt es aber auch Wut und Engagement.

Es ist ausgerechnet Altmeister John von Düffel, der diese Seite der jüngeren Generation zum Klingen bringt. In seinem hochaktuellem Roman «Der brennende See» geht es um die Klimakrise und Generationengerechtigkeit. Neben der mittelalten Protagonistin Hannah spielt die Klimaaktivistin Julia als Vertreterin der Fridays for Future-Generation eine herausragende Rolle. Sie versucht, mit kreativ-verstörenden Aktionen die Älteren wachzurütteln, damit sie den Klimanotstand ausrufen. Düffel, ein typischer Vertreter der Boomer, gibt damit der Generation Greta eine positive, kämpferische Stimme.

- Cihan Acar: Hawaii, Hanser Berlin, Berlin, 208 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-446-26586-8 (Erscheinungstag: 17.2.)

- Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 240 Seiten, 21,00 Euro, ISBN 978-3-10-397406-5 (Erscheinungstag: 4.3.)

- Marion Messina: Fehlstart, Hanser, München, 168 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-446-26375-8 (Erscheinungstag: 27.1.)

- David Lopez: Aus der Deckung, Hoffmann und Campe, Hamburg, 256 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-455-00824-1 (Erscheinungstag: 3.6.)

- John von Düffel: Der brennende See, Dumont Verlag, Köln, 320 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-8218122-2 (Erscheinungstag: 18.2.)

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