„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“
Kompetente Kerr-Verfilmung mit starker Hauptfigur

Abgesehen von einer längst vergessenen TV-Verfilmung von 1978 ist Judith Kerrs Kinderbuchklassiker noch nie verfilmt worden. Oscarpreisträgerin Caroline Link holt das nach – mit einer beeindruckenden Kinderdarstellerin und etwas zu viel Kitsch auf der Tonspur.

Donnerstag, 26.12.2019, 15:00 Uhr
Riva Krymalowski als Anna Kemper
Riva Krymalowski als Anna Kemper Foto: Frédéric Batier/Warner Bros./d

Regisseurin Caroline Link ist nicht nur für erfolgreiche deutsche Filme bekannt, sondern auch dafür, dass sie immer wieder herausragende Kinderdarsteller findet, die das emotionale Gewicht ihrer Filme mühelos durch die Gegend tragen. Das war schon bei ihrem Gehörlosenmelodram „Jenseits der Stille“ so, beim oscargekrönten „Nirgendwo in Afrika“ und erst recht im Jahr 2018, als sie für „Der Junge muss an die frische Luft“ den kleinen Julius Weckauf entdeckte.

Auch die Verfilmung von „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ kreist nun um ein derart talentiertes Kind: Riva Krymalowski spielt die Protagonistin Anna, das Alter Ego der Autorin Judith Kerr, zwischen Charme, Optimismus und einer durchschimmernden Ahnung dessen, was da gerade los war im Deutschen Reich, so selbstverständlich ausbalanciert, dass sie damit verblüffend genau den Ton der Vorlage trifft.

Abenteuerliche Flucht

In ihrem Jugendbuchklassiker von 1971 erzählt Kerr die Geschichte ihrer Flucht aus Berlin nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten konsequent aus einer kindlichen Perspektive heraus, die die lebensgefährlichen Umstände wie ein großes Abenteuer erscheinen lassen. Kerr ist die Tochter des berühmten jüdischen Theaterkritikers Alfred Kerr und seiner Frau, der Komponistin Julia Kerr.

Der Vater stand plötzlich auf der Abschussliste, aus dem geplanten temporären Exil wurde ein ständiges. Judith Kerr musste ihr geliebtes rosa Stoffkaninchen in der Villa in Berlin-Grunewald zurücklassen, von Zürich ging es für die Familie (die in Roman und Film „Kemper“ heißt) in ein Alpendorf, dann nach Paris, schließlich nach London. Aus einem Leben im Wohlstand wurde eines in Armut.

Kitschige Musik

Links Inszenierung übernimmt die Erzählhaltung des Romans: Die Weltpolitik bleibt im Hintergrund, und doch lassen Themen wie der wachsende Antisemitismus und die Situation von Geflüchteten Parallelen zu heutigen Entwicklungen erkennbar werden. Lästig ist der Hang des Films zu musikalischem Schwulst: Derlei kompositorischer Manipulationskitsch ist im deutschen Film zwar Usus, fährt den eher leisen Beobachtungen hier aber besonders ungut in die Parade.

Der strenge Fokus auf Anna hat zudem den Nebeneffekt, dass die Eltern (Oliver Masucci aus „Dark“ als Vater, Carla Juri aus „Feuchtgebiete“ als Mutter) blass bleiben – im Buch ging die Schilderung aus Kinderperspektive besser auf.

Bewertung

„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“: Drama von Caroline Link mit  Riva Krymalowski, Oliver Masucci, Carla Juri (119 Minuten)

Bewertung: 3 von 5 Sternen

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Kerr war übrigens über die Entwicklung des Films informiert, ohne das Ergebnis nun noch begutachten zu können: Im Mai starb sie, mit 95 Jahren.

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