Vom Kunstmarkt ignoriert
Rostocker Kunsthalle bietet ostdeutscher Kunst viel Raum

In den beiden deutschen Staaten haben sich unterschiedliche Kunstszenen entwickelt. Im Westen gab es viel abstrakte Kunst, im Osten war der sozialistische Realismus die Basis. Kontakte gab es wenige, das ist vielfach bis heute zu spüren.

Freitag, 11.10.2019, 09:03 Uhr
Ostkünstler sind nach der Wiedervereinigung häufig in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. In der Rostocker Kunsthalle tauchen sie wieder aus der Versenkung auf.
Ostkünstler sind nach der Wiedervereinigung häufig in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. In der Rostocker Kunsthalle tauchen sie wieder aus der Versenkung auf. Foto: Bernd Wüstneck

Rostock (dpa) - Die Wiedervereinigung ist fast überall im deutschen Leben angekommen, die bildende Kunst hat sie offensichtlich ausgelassen - zumindest nach Meinung des Chefs der Rostocker Kunsthalle, Jörg-Uwe Neumann.

«Es gibt eine deutsche Kunst und eine Ostkunst», sagt er. Dabei seien unter «deutsch» die Werke von westdeutschen Künstlern zu verstehen oder denen, die vor der politischen Wende den Sprung über die Grenze geschafft haben. Ostkünstler seien dagegen immer in einer Art Verteidigungs- oder Erklärungshaltung oder verschwanden in der Bedeutungslosigkeit.

Der 58-jährige Neumann verweist auf bekannte Künstler mit Ost-Wurzeln wie Georg Baselitz oder Gerhard Richter. «Sie müssen sich für nichts entschuldigen oder sich erklären. Sie sind im West-Verständnis Künstler», sagt er. Auch wer in der DDR als Oppositioneller galt, wird milder angesehen. «Aber vom Kunstmarkt auch häufig ignoriert.»

Dann aber gebe es die, die im DDR-Kontext wahrgenommen und als Auftragskünstler bezeichnet wurden. Willi Sitte, Wolfgang Mattheuer oder Werner Tübke, zählt Neumann auf - hoch geachtete Künstlerpersönlichkeiten der DDR.» Neumann hat sie schon mit Erfolg in der Kunsthalle ausgestellt. Wenn Künstler vom DDR-System unterstützt waren, seien sie nach der Wende häufig ad acta gelegt worden. Biografien wie etwa die von Fritz Cremer, ein überzeugter Kommunist und Antifaschist, seien zerstört worden.

«In der kleinen DDR-Kunstwelt galten andere Bezugssysteme», sagt der Kunstexperte und Chefredakteur von «Art - das Kunstmagazin», Tim Sommer. Künstler sei ein Beruf gewesen fast wie jeder anderer: «Wohlverhalten vorausgesetzt, war Einkommen und Aufmerksamkeit ein Leben lang garantiert.»

Nach der Wiedervereinigung habe es Versuche gegeben, mit Ausstellungen die Kunst aus beiden deutschen Staaten zusammenzubringen, eine gemeinsame Kunstgeschichte sei dabei nicht entstanden. Es habe zu wenig Berührungspunkte zur westlichen Nachkriegskunst gegeben. Das sei der Grund, warum tatsächlich fast kein Künstler und keine DDR-Kunst einen Platz im Kanon der Weltkunst gefunden habe. Sommer fügt aber hinzu: «Ich bin noch nirgends einem Künstler begegnet, der sich für seine Herkunft entschuldigt hätte. Warum auch? Die Kunst wird schließlich aus dem Leben gemacht.»

Vor zehn Jahren hatte Neumann die Kunsthalle, den einzigen Museumsneubau in der DDR, übernommen und mit Ausstellungen von Ostkünstlern begonnen. «Ich zeige die Kunst, ordne sie aber nicht ein. Ich möchte dem Besuchern den Freiraum geben, selbst Haltung zu beziehen.» Ein Coup ist ihm gerade mit der Schau von Kunstwerken und Ausstattungsstücken aus dem Palast der Republik gelungen.

«In der Kunst besteht eine große Tendenz, alles was aus der DDR kommt, mit spitzen Fingern anzufassen, als ob alles irgendwie kontaminiert ist», erklärt Mecklenburg-Vorpommerns Ex-Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). Deswegen seien hervorragende Werke einfach in den Depots verschwunden. Neumann habe viele davon, teils unter großer Kraftanstrengung an die Öffentlichkeit geholt und ihnen den Platz zugewiesen, der ihnen in der Kunstgeschichte Deutschlands zusteht.

Dass «Ostkunst» im Westen nicht anerkannt ist, hat laut Neumann Tradition. Viele im Westen hätten gesagt, dass Kunst nur in Freiheit entstehen kann. «Aus heutiger Sicht ist das Unsinn», kommentiert er, auch wenn klar war, dass es in der DDR auch in der Kunstszene Zensur gab. «Die Kunst hat sich trotzdem ihren Weg gebahnt.»

Höhepunkt des deutsch-deutschen Streits war die dokumenta 1977, als Künstler ihre Arbeiten zurückzogen, weil Tübke, Mattheuer und Bernhard Heisig ausgestellt wurden. Die «West-Künstler» wollten nach dokumenta-Darstellung nicht in die Nähe «offizieller DDR-Künstler» gebracht werden.

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