Ekstase und Todesqual
FKA Twigs in Berlin: Ein Wummern aus der Unterwelt

Den Spitznamen «Twigs» bekam Tahliah Barnett, weil sie ihre Knochen so laut knacken konnte wie Äste. Jetzt lässt die Sängerin ihre Beats in Berlin knacken und weckt Hoffnungen auf ein zweites Album.

Samstag, 25.05.2019, 17:37 Uhr aktualisiert: 25.05.2019, 17:40 Uhr
Die Fans von FKA Twigs warten auf «LP2».
Die Fans von FKA Twigs warten auf «LP2». Foto: Coda/Live Nation

Berlin (dpa) - Die Zuschauer johlen, als FKA Twigs im Berliner Admiralspalast hinter dem roten Samtvorhang hervorgeschlüpft ist. Die Sängerin verneigt sich, hebt beide Hände in Demut und setzt dann mit meditativer Miene zum Stepptanz an. Das Klicken und Klackern ihrer Schuhsohlen verschwimmt mit schleppenden Beats.

«Raum / Das erste, was ich jemals kannte», singt Twigs, die eigentlich Tahliah Barnett heißt, im Eröffnungstitel «Hide». In diesen Raum hatte die britische Musikerin sich mit der Single «Cellophane» erst vor einigen Wochen zurückgemeldet. Ihre Fangemeinde hofft, nach «LP1» von 2014 könnte bald das zweite Album folgen. In Berlin überrascht sie am Freitag mit mehreren noch unveröffentlichten Songs, im Internet ist schon von der neuen «LP2» die Rede.

FKA Twigs begeistert, weil sie so viele Stimmungslagen in ihren minimalistischen R&B-Kompositionen zu vereinen weiß. Mal spannt die 31-Jährige ihren Sopran über Vorschlaghämmer-Bässe, mal schickt sie ein sexualisiertes Zittern durch den Raum, mal scheint sie ihre letzten Atemzüge ins Mikrofon zu hauchen. Höchste Ekstase und Todesqual reichen sich die Hand - bei Twigs, die aus Gloucestershire im Südwesten Englands stammt, liegen beide Welten nah beieinander.

Etwas überladen kann das alles schon wirken: Im Video zu «Cellophane» stürzt Twigs wie ein gefallener Engel in eine blutrote Unterwelt, auch beim Berliner Konzert zeigt das Bühnenbild einen Wolkenhimmel, der dann in Flammen aufzugehen scheint. Ihre Tänzer erinnern an weiße Matadore oder ein Piraten-Ballett, gegen Ende greift Twigs für eine beeindruckende Choreographie zum Gummischwert. Ist sie die letzte Samurai im Kampf gegen die Apokalypse von morgen?

Doch ihre Musik lebt gerade davon, vom zarten Geflüster à la The xx in die große Endzeitstimmung zu springen. Die Struktur üblicher Popsongs aus Verse und Chorus bricht FKA Twigs auf, in Berlin wiegen sich ihre Zuschauer zu Titeln wie «Pendulum» und «Lights On» in Zeitlupe. Für Gelegenheitshörer mag es alles irgendwie nach «sad music» klingen, nach «trauriger Musik» eben. Wer genauer hinhört, findet Soul zum zusammen allein sein.

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