Fest ohne Festakt
150 Jahre Wiener Staatsoper

Ein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde und der Selbstmord des Architekten nach Presse-Kritik: Um die Wiener Staatsoper ranken sich viele Geschichten - auch die eines legendären Proteststurms.

Donnerstag, 23.05.2019, 18:13 Uhr aktualisiert: 23.05.2019, 18:16 Uhr
Fast endloser Jubel und tödliche Kritik - die Wiener Staatsoper feiert 150. Jubiläum.
Fast endloser Jubel und tödliche Kritik - die Wiener Staatsoper feiert 150. Jubiläum. Foto: Jens Kalaene

Wien (dpa) - Hochmut kommt vor dem Fall. «Ich denke nicht daran, meine internationale Karriere der Wiener Staatsoper zu opfern», diktierte Intendant Karl Böhm auf dem Flughafen einem ORF-Reporter ins Mikrofon.

Kurz darauf wollte er - nach fünfwöchiger Abwesenheit - Beethovens «Fidelio» dirigieren. Da brach in der Staatsoper die Hölle los. «Von der Galerie und aus den Stehplatzräumen tönten gellende Pfiffe, grelle Pfuirufe - die Wut des Publikums», notierte im März 1956 der «Bild-Telegraf». Der Intendant musste gehen. Herbert von Karajan folgte - und hievte das Haus dank internationaler Stars in die oberste Etage der Hochkultur.

Episoden wie diese umranken die nun 150-jährige Geschichte des Hauses, das in Österreich eine nationale Institution ist. Zum Jahrestag (25.5.) verzichtet die Oper auf einen klassischen Festakt und will lieber künstlerisch glänzen.

«Das dauert eine Stunde, drei Reden und es bleibt nichts übrig», sagt Intendant Dominique Meyer über die zweifelhafte Rolle von Festakten. Der 63-jährige Franzose, seit 2010 Chef der Oper mit ihren fast 1000 Beschäftigten und einem Jahresetat von 120 Millionen Euro, setzt dagegen auf die Magie einer Premiere: 100 Jahre nach der Uraufführung wird Christian Thielemann die Strauss-Oper «Die Frau ohne Schatten» dirgieren, die Regie bei der Neuinszenierung hat der eher unbekannte Vincent Huguet. Auf der Bühne: Stephen Gould (Kaiser), Camilla Nylund (Kaiserin), Evelyn Herlitzius (Amme), Nina Stemme (Färberin).

Thielemann habe gefragt, ob die Oper noch die Original-Partitur von 1919 habe. «Natürlich haben wir die noch», so Meyer. Der Jahrestag soll nicht nur ein Fest für die 2300 Premierengäste werden. Zum Programm gehört am Sonntag auch ein Gratis-Open-Air-Konzert vor dem Haus, für das die Ringstraße gesperrt wird.

Die Oper, alljährlich Schauplatz des prächtigen und für das Haus lukrativen Opernballs, gilt als das Haus mit dem weltweit größten Repertoire. Auf 120 Musikwerke und 62 Ballette können Meyer und sein Team zurückgreifen. Falls Sänger ausfielen und nicht ersetzt werden könnten, sei die Ausstattung für drei Opern («Tosca», «Liebestrank», «Don Pasquale») sofort verfügbar. «Wenn um 12 Uhr der Notfall eintritt, können wir diese drei Stücke um 19 Uhr spielen», sagt der Technische Direktor Peter Kozak.

Für die Mammut-Leistung, in der neuen Spielzeit 55 Opern und zehn Ballette auf die Bühne zu bringen, sind auch die 340 Mitarbeiter des technischen Personals nötig. Das Haus brauche Polsterer, Tischler, Maler, Schlosser und auch den Seiler, einen Knoten- und Schlaufenexperten, sagt Herbert Krammer von der Technischen Administration. «Wenn die Wirtschaft sehr gut läuft, dann bekommen wir sehr schlecht Leute», beklagt er mit Blick auf die oft als unattraktiv wahrgenommenen Dienstzeiten. Die größte Fluktuation habe es in den 1990er Jahren während der Produktion des «Ring des Nibelungen» gegeben. «Sehr viele Proben, sehr viele Überstunden, der 'Ring' hat alle ausgelaugt», erinnert sich Krammer. 150 Leute warfen in diesem Wagner-Jahr hin.

Für negative Schlagzeilen sorgte jüngst das Ballett. Vorwürfe lauten, dass eine inzwischen entlassene Ballettlehrerin den Nachwuchs in der hauseigenen Akademie getriezt und gequält haben soll. Demütigungen, Gewalt und Drill sollen unter ihrer Ägide geherrscht haben. Eine Affäre, die laut Meyer einen «Schleier» über das Haus wirft. Eine von der Regierung bestellte Sonderkommission ermittelt.

Die Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer sind derweil unumstritten. Mit einer Auslastung von 99,88 Prozent übertrifft die Sparte die Auslastung der Oper, die bei 99,37 Prozent liegt. Für einen Eintrag in das Guinness-Buch der Rekorde sorgte 1964 die Premiere von «Schwanensee». Die jubelnden Besucher ließen die Künstler nicht mehr von der Bühne - 89 Vorhänge bedeuteten Rekord.

Angesichts des Runs auf die Karten bleibt manchem Besucher nur die Chance auf einen der 500 Stehplätze. Die Tickets für höchstens zehn Euro erfordern Geduld. Stundenlang stehen die Enthusiasten an. Und wer sich auf die billigen Plätze begibt, ist umringt von Experten. «Niemals zuvor und niemals wieder habe ich so eine intensiv fachsimpelnde Gruppe erlebt, die so begeistert, so hingebungsvoll - aber zum Teil auch so unerbittlich war», erinnert sich Kammersänger Michael Schade mit zwiespältigen Gefühlen an seinen Besuch im Parterre-Stehplatz.

Von umstrittener Güte war Ende 2018 das Experiment, nach acht Jahren im Traditionshaus wieder einmal eine große Uraufführung zu wagen. Das Auftragswerk «Die Weiden», komponiert von dem Innsbrucker Johannes Maria Staud (Libretto: Durs Grünbein), sollte die Bedrohung der Demokratie durch rechtsextremistische und populistische Strömungen thematisieren - und verfing sich in vielen Klischees.

Folgenschwere Kritik markierte den Beginn des Hauses. Als der Monumentalbau am 25. Mai 1869 eröffnet wurde, lagen die beiden Architekten bereits im Grab. Eduard van der Nüll konnte die öffentliche Kritik an dem Prachtgebäude nicht verkraften. Die Straßen um das Haus waren einen Meter höher als ursprünglich geplant ausgefallen - und hatten dem eigentlich prestigeträchtigen Neubau den abfälligen Beinamen «versunkene Kiste» eingebracht. Van der Nüll erhängte sich noch vor der Eröffnung, sein Co-Architekt starb wenig später an einem Lungenleiden. Kaiser Franz Joseph I., ebenfalls einer der Kritiker, verzichtete künftig - so will es die Legende - auf scharfe Worte und flüchtete in die sanfte Floskel: «Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.»

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