«Achterbahn»
Ian Kershaw über Europas Nachkriegsgeschichte

In seiner Geschichte Europas ab 1950 zeichnet Ian Kershaw ein durchwachsenes Bild des Kontinents. Die Berg- und Talfahrt erweist sich als enorm anregende Lektüre.

Dienstag, 26.03.2019, 13:23 Uhr aktualisiert: 26.03.2019, 13:26 Uhr
Ian Kershaw zeichnet die Geschichte Europas nach dem Zweiten Weltkrieg nach.
Ian Kershaw zeichnet die Geschichte Europas nach dem Zweiten Weltkrieg nach. Foto: Oliver Berg

Berlin (dpa) - Ian Kershaw gehört zu den produktivsten Historikern heutzutage. Mit seiner zweibändigen Hitler-Biografie setzte er Maßstäbe. In seinem wuchtigen Bestseller «Höllensturz» zeichnete er die Geschichte Europas von 1914 bis 1949 als Schreckenspanorama nach.

Dass der Brite es nicht dabei belassen würde, lag auf der Hand: Mit «Achterbahn» hat sich Kershaw auf fast 800 Seiten nun die Entwicklung des Kontinents von der Nachkriegszeit bis heute vorgenommen. Das Bild einer Berg- und Talfahrt scheint in diesen Brexit-Tagen angemessen.

Schon am Ende von «Höllensturz» hatte Kershaw nach der Katastrophe der beiden Weltkriege Indizien für eine hellere Zukunft ausgemacht. Zwar deutete er ab 1945 auch das atomare Wettrüsten der Sowjetunion und der USA an. Unter dem nuklearen Schirm könnte aber auch eine neue Stabilität gedeihen.

Beide Mächte, so Kershaw, waren versessen auf Sicherheit und beide wollten verhindern, dass die jeweils andere Seite Europa beherrschte. Die Spannungen waren bedrohlich. Doch die Katastrophe wurde vermieden. Europa wurde allerdings auch Teil eines globalen Systemkonflikts.

Kershaw ist sich der Komplexität einer gesamteuropäischen Darstellung bewusst. Anders als in einem biografischen Werk, in dem Einzelheiten Aufschluss über das Ganze einer Persönlichkeit geben können, nimmt er in seiner Erzählung über das Nachkriegseuropa die Perspektive des Beobachters ein.

In eher konventioneller Weise stellt er die politische und kulturelle Entwicklung als Abfolge von «Wendungen und Windungen», «Auf und Abs» dar. Die Spannungen des Korea-Kriegs oder der Mauerbau - der Kontinent stürzt zunächst von einer Phase der Unsicherheit in die andere. Die immer wieder beschworene Einheit Europas ist alles andere als ausgemacht.

Ob die Spaltung des Kontinents mit der Herausbildung des liberalen Westeuropas und der sowjetischen Unterwerfung des Ostens, das deutsche «Wirtschaftswunder» oder die Kulturrevolution der 68er - der emeritierte Professor für moderne Geschichte an der Universität Sheffield verbindet chronologische Erzählung mit thematischen Schwerpunkten. Daten wie die Ölkrisen 1973 und 1979, der Mauerfall, der Untergang der Sowjetunion oder die Finanzkrise 2007/08 sind für ihn dramatische Wendepunkte. Kershaw verbindet in seiner Darstellung elegant Beschreibung und Analyse.

Fast schwärmerisch schreibt er über Willy Brandt und Helmut Kohl, distanziert sich von Margaret Thatcher, in der er eine Euro-Skeptikerin und frühe Brexit-Befürworterin sieht. Dass jemand wie die Eiserne Lady dann aber mit Michail Gorbatschow ins Gespräch kommt und den Gordischen Knoten der Teilung zerschlägt, gehört genauso zum europäischen Drama.

Populismus, zunehmende Ungleichheit und Europamüdigkeit zählt Kershaw zu den Bedrohungen des alten Kontinents. Die Fluchtbewegungen Großbritanniens von der EU, die er in dem 2017 fertiggestellten Buch beschreibt, deuten eine Zäsur an und zählen zu den Ungewissheiten, die Europa vor große Herausforderungen stellen.

Politische Desaster wie etwa die britische Zustimmung zum Irak-Krieg, aber auch den Aufstieg des Finanzkapitalismus sieht der Autor als Nährboden für die Abkehr von einer «elitären» Politik hin zur «Identitätspolitik». So ist nach diesem äußerst anregenden Gang durch das Europa der vergangenen 70 Jahre das Fazit durchwachsen: «Die einzige Gewissheit ist die Ungewissheit», schreibt der Historiker am Ende seines lesenswerten Buches.

- Ian Kershaw: Achterbahn - Europa 1950 bis heute, Deutsche- Verlags-Anstalt (DVA), 832 Seiten, 38,00 Euro, ISBN 978-3-4210-4734-2.

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