Leipziger Buchmesse
Fatma Aydemir stellt «Eure Heimat ist unser Albtraum» vor

Seit mehr als einem Jahr ist Horst Seehofer der erste deutsche Heimatminister. Dass er ein Amt hat, das so heißt, finden viele Migranten bedrohlich. Ein Buch nennt es gar «Albtraum» - und erklärt vielstimmig, warum.

Samstag, 23.03.2019, 16:42 Uhr aktualisiert: 23.03.2019, 16:44 Uhr
Fatma Aydemir auf der Leipziger Buchmesse.
Fatma Aydemir auf der Leipziger Buchmesse. Foto: Jens Kalaene

Leipzig (dpa) - Der Titel ist eine Provokation: «Eure Heimat ist unser Albtraum» heißt ein Sammelband, in dem 14 Autoren und Schriftstellerinnen über ihre Erfahrungen in einem Deutschland schreiben, das seinen Zusammenhalt sucht und dafür plötzlich auch ein Heimatministerium installiert.

Warum gerade dieser Schritt Teil des Alptraums ist, den die Beiträge von Schriftstellerinnen wie Olga Grjasnowa oder Sasha Marianna Salzmann meinen, erzählt Herausgeberin Fatma Aydemir im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Sie hat den Band auf der Leipziger Buchmesse präsentiert.

Frage: Schon beim Titel «Eure Heimat ist unser Albtraum» stellt sich die Frage: Was ist denn der Alptraum?

Antwort: Der Alptraum ist auf jeden Fall eine Gesellschaft, wo ein rechter Kampfbegriff zum Namen eines Ministeriums wird, in der seltsamen Hoffnung, dass das den Zusammenhalt stärkt. Es gab keine Diskussion über den Begriff und den Sinn eines Heimatministeriums, es war einfach da. Es wurde angekündigt mit Slogans wie «Der Islam gehört nicht zu Deutschland» oder Migration ist ein Problem, auf das wir alle anderen Probleme schieben können. Das beschreibt den Alptraum schon ganz gut, weil eine Gruppe gegen die andere ausgespielt wird. Menschen, die sich bedroht fühlen von Migration, denen wird politisch auch noch Recht gegeben, indem man sagt: Ja, stimmt, Migration ist das größte Problem - anstatt zu schlichten.

Frage: Immer wieder wird gesagt, man könne das Wort ja neu und positiv besetzen und die aufgeladene historische Luft ablassen. Glauben Sie, dass das die richtige Idee ist?

Antwort: Das finde ich nicht. Jeder kann eine Meinung haben, aber meist wird diese Haltung aus einer Position heraus vertreten, in der es einen selbst nicht betrifft. Es ist wichtig, dass wir Allianzen knüpfen, statt zu einer schweigenden Masse zu werden. Denn in dem Moment, wo Migration zum Problem erklärt wird, werden alle Menschen mit Migrationsgeschichte in diesem Land angegriffen und bedroht. In diesen verschärften Zeiten ist total wichtig zu gucken: Wie geht es Frauen, Queers, marginalisierten Menschen in dieser Gesellschaft? Weil daran ganz gut abzumessen ist, wie es um die Demokratie steht.

Frage: Weil gerade jeder, der nicht zur Mehrheitsgesellschaft gehört, neu kämpfen muss, dazuzugehören? Der Gegensatz Wir und Ihr spielt ja auch in Ihrem Buchtitel eine Rolle.

Antwort: Genau. Es ist ein provokant formulierter Titel, aber wir arbeiten mit Farben auf dem Cover, sodass «Eure» und «Unser» nicht in jedem Licht sichtbar sind. Im Vorwort schreiben wir, dass es nicht so ist, dass wir identitär definieren, wer wir sind und wer ihr seid, sondern es ist eher eine Aufforderung an den Leser, sich selbst zu positionieren: Bin ich Teil von einem Ihr oder einem Wir?

Frage: Es gibt ja derzeit viel Bewegung in der Debatte, auch durch MeToo. Was erhoffen Sie sich, was Ihr Buch beiträgt?

Antwort: Es geht darum, verschiedene Perspektiven sichtbar zu machen für alle Leser. Damit meine ich sowohl Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft, die wenig Berührungspunkte haben mit Minderheiten. Aber auch mehr Perspektiven für die Minderheiten untereinander greifbar zu machen. Ich hoffe, dass es in der Debatte mitbefeuert, dass wir das nicht so hinnehmen, wenn rechte Begriffe und rechte Positionen normalisiert werden. Ich würde mir erhoffen, dass das Buch dazu beiträgt, dass sich mehr Leute kritisch damit auseinandersetzen statt es gleichgültig hinzunehmen.

Frage: In der Literatur hat man schon das Gefühl, dass Migranten ein größeres Gewicht und Gehör haben. Haben Sie das Gefühl, es geht vorwärts - oder doch rückwärts, weil rechte Positionen normal werden?

Antwort: Es geht in beide Richtungen. Im Vergleich zu vor zehn Jahren sind viel mehr migrantische Autoren sichtbar und ihre Meinungen werden auch gewertschätzt. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass viele rechte und auch radikale Ansichten einfach stehen bleiben können. In Talkshows wird ernsthaft gefragt, ob Deutschland eine Heimat für alle sein kann oder nicht. Das ist sehr entlarvend, denn anders formuliert lautet die Frage: Deutschland den Deutschen oder nicht. Ich weiß nicht, ob sich beide Strömungen in der Mitte finden können. Ich hätte mir gewünscht, es wäre politisch in die vielfältige Richtung reagiert worden und nicht zugunsten ausgrenzender Rhetorik.

ZUR PERSON: Die Journalistin und Schriftstellerin Fatma Aydemir wurde 1986 in Karlsruhe geboren. Jetzt lebt sie in Berlin und arbeitet als Redakteurin bei der Tageszeitung «Taz». Ihr Debütroman «Ellbogen» wurde mit dem Franz-Hessel-Preis ausgezeichnet.

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