Virtuosen
Zwei Jazz-Supergroups: «4 Wheel Drive» und Rymden

Vier Namen, die Jazz-Fans elektrisieren: Landgren, Wollny, Danielsson, Haffner. Zusammen bilden sie mit «4 Wheel Drive» eine Art Supergroup. Ebenso wie drei Skandinavier im Bandprojekt Rymden - in der Nachfolge des legendären Esbjörn Svensson Trios.

Freitag, 15.03.2019, 08:00 Uhr aktualisiert: 15.03.2019, 08:04 Uhr
Nils Landgren (l-r), Michael Wollny, Wolfgang Haffner und Lars Danielsson sind 4 Wheel Drive.
Nils Landgren (l-r), Michael Wollny, Wolfgang Haffner und Lars Danielsson sind 4 Wheel Drive. Foto: Stephen Freiheit

Berlin (dpa) - Der Begriff «Supergroup» - in Rock und Pop längst verpönt - hat im Jazz weiterhin einen guten Klang. Jetzt gibt es gleich zwei neue Virtuosenprojekte: die Topmusiker Landgren/Wollny/Danielsson/Haffner mit «4 Wheel Drive» und das norwegisch-schwedische Trio Rymden.

Bei vielen Konzerten sind sie sich über den Weg gelaufen, haben sowohl live als auch im Studio in diversen Konstellationen miteinander musiziert. Nun schließen sich die Schweden Nils Landgren (Posaune, Gesang) und Lars Danielsson (Bass, Cello) mit den Deutschen Michael Wollny (Piano) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug) erstmals zu einer Traum-Kombo des europäischen Jazz zusammen.

Unter dem Albumtitel «4 Wheel Drive» (ACT) - also Vierradantrieb, was die kraftvolle Dynamik des Projekts hübsch zusammenfasst - setzen diese vier Solo-Cracks auf eine lässige, manchmal fast zu gefällige Mischung aus neuem Material und Pop-Mainstream. Ob eine weitere Aufnahme von «Another Day In Paradise» (Phil Collins), «Just The Way You Are» (Billy Joel) oder «That's All» (Genesis) wirklich zwingend ist, bleibt letztlich ebenso Geschmackssache wie Landgrens helle, freundliche Tenorstimme.

Von den acht Coverversionen gelingen das famos swingende Instrumental «Lady Madonna» der Beatles und «If You Love Somebody» von Sting am überzeugendsten. Für Jazz-Puristen wohl interessanter sind die Eigenbeiträge, ganz gerecht einer pro Mitstreiter. Besonders in diesen Stücken merkt man «4 Wheel Drive» - dem Projekt an sich und dem gemeinsamen Album - die Freude der vier fabelhaften Instrumentalisten an ihrer Teamplayer-Rolle an.

Wollnys funky Opener «Polygon», Haffners hochmelodische Drummer-Fingerübung «Lobito», Landgrens abwechslungsreiches «Le Chat Sur Toit» und das Titel-Prunkstück von Danielsson machen Vorfreude auf die gemeinsamen Konzerte im April. Während die Platte «4 Wheel Drive» noch als sehr ordentlich motorisierter Vierzylinder daherkommt, dürfte das Quartett live mit zusätzlichem Turbolader unterwegs sein.

Diesen Schubkraft- und Speedverstärker hat sich das Trio Rymden vor den mit Spannung erwarteten Live-Events im Frühjahr schon für sein Studio-Debüt gegönnt. «Reflections & Odysseys» (Jazzland Recordings Norway) ist als zweites Jazz-Supergroup-Album dieser Tage ein Meisterstück, wie es die deutsch-schwedische «4WD»-Truppe auf Anhieb noch nicht ganz hingekommen hat.

Rymden (zu deutsch: Raum)? Nie gehört? Aber diese Namen doch ziemlich sicher: Bugge Wesseltoft (Piano, Keyboards, Electronics), Dan Berglund (Bass), Magnus Öström (Schlagzeug)

Ja, es sind der norwegische Klavier-Virtuose und zwei Drittel des legendären Esbjörn Svensson Trios (e.s.t.), das vor gut zehn Jahren nach dem Unfalltod seines Frontmanns zerbrach. Wer also über Nachgelassenes wie das fantastische Livealbum «e.s.t. live in london 2006» hinaus (2018 posthum veröffentlicht) neue skandinavische Jazztrio-Musik auf Weltniveau erhoffte, wird bei Rymden nun fündig.

«Reflections & Odysseys» klingt wie eine Platte, die das Esbjörn Svensson Trio nach dem Schlusspunkt «Leucocyte» (2008) womöglich als nächste gemacht hätte. Bezwingende Melodien, atemberaubende Virtuosität, raffinierte Arrangements, eine schier unglaubliche rhythmische Wucht - und mit Wesseltofts Elektronik-Elementen doch genügend Eigenständigkeit, um nicht als e.s.t.-Abklatsch rüberzukommen.

Das Esbjörn Svensson Trio hatte sich 1993 formiert, kurz darauf gründete Wesseltoft in Oslo seine New Conception Of Jazz. Beide Bands wussten ein junges, Pop-affines Publikum für Jazz zu begeistern. Svensson, Berglund und Öström füllten gar große Hallen mit ihrem so zugänglichen wie intelligenten nordeuropäischen Jazz-Entwurf für das 21. Jahrhundert. Wesseltoft nahm elektronisch angehauchten Jazz auf und erweiterte sein Spektrum Richtung Ambient, Kammermusik oder Folklore.

Auf dem Rymden-Debüt fällt nun das - wie einst bei e.s.t. - stark Rock-orientierte Power-Drumming auf, etwa im Quasi-Opener «Rymden - The Odyssey» oder in «Pitter-Patter». «Es fühlt sich für mich natürlich an, sparsam und minimalistisch zu spielen. Aber im Trio entwickelt sich automatisch eine ganz andere Energie», sagte Wesseltoft in einem Interview über diese Neuorientierung.

Bis zum wunderschön lyrischen Closer «Homegrown» hält dieses Album die Spannung und dabei noch viele weitere Höhepunkte bereit - es ist schon jetzt ein Jazz-Referenzwerk für 2019. Das gilt vermutlich ebenso für die Live-Auftritte von Rymden. Wesseltoft freut sich darauf: «Das Album ist nur der Anfang. Wir haben das Potenzial, weite musikalische Reisen zu unternehmen.»

Konzerte 4 Wheel Drive: 07.04. Lüneburg, Libeskind Auditorium, 08.04. Hamburg, Laeiszhalle - großer Saal, 09.04. Bremen, Die Glocke, 10.04. Dortmund, Konzerthaus, 11.04. Kaiserslautern, Kammgarn (Int. Jazzfestival), 12.04. Frankfurt/Main, Alte Oper, 13.04. München, Prinzregententheater, 14.04. Zürich, Kaufleuten, 17.04. Berlin, Philharmonie, 18.04. Düsseldorf, Tonhalle, 19.04. Stuttgart, Theaterhaus (Int. Jazztage).

Konzerte Rymden: 30.03. Burghausen, 01.05. Innsbruck, 09.05. Dresden, 10.05. Berlin, 11.05. Essen, 12.05. Darmstadt, 18.05. Landsberg, 19.05. Neuhardenberg, 24.05. Genf, 26.05. Wien.

 

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