Das Jahr der Revolte
«68. Pop und Protest» in Hamburg

Das Jahr 1968 wird erschüttert von dramatischen Ereignissen: Menschen gehen auf die Straße und protestieren gegen Hunger, Krieg und Rassismus. Bis heute sind viele Probleme nicht gelöst.

Mittwoch, 17.10.2018, 09:40 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 17.10.2018, 09:38 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 17.10.2018, 09:40 Uhr
Das umgestürzte Denkmal von Hermann von Wissmann in der Schau «68. Pop und Protest» im Museum für Kunst und Gewerbe.
Das umgestürzte Denkmal von Hermann von Wissmann in der Schau «68. Pop und Protest» im Museum für Kunst und Gewerbe. Foto: Georg Wendt

Hamburg (dpa) - Vietnamkrieg, Rassenunruhen in den USA, der Prager Frühling und Studentenproteste: Gleich zu Beginn der Schau «68. Pop und Protest» im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg werden die Besucher mit den zu Ikonen gewordenen Bildern des Jahres 1968 konfrontiert.

Noch immer rühren die Bilder von hungernden Kindern in Afrika, dem nackten Mädchen, das vor einem Napalm-Angriff in Vietnam flieht und den schwarzen Bürgerrechtlern, die Plakate mit der Aufschrift «I am a Man» hochhalten. Doch das, was am meisten bewegt: «Die Probleme von damals haben sich nicht gelöst und es wichtig, weiter den Finger in die Wunden zu legen», sagte Direktorin und Kuratorin Sabine Schulze am Dienstag in Hamburg.

Rund 200 Objekte haben die Mitarbeiter des Museums zusammengetragen - darunter historische Dokumente wie das Banner «Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren», das Studenten in Hamburg aus Protest gegen ihre konservativen Professoren entrollten. In der Mitte der abgedunkelten Ausstellungsräume liegt die Bronzestatue des Kolonialbeamten Hermann von Wissmann. Das Denkmal gelangte 1922 von der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika nach Hamburg, wo es neben der Universität aufgestellt wurde. 1968 wird die Bronze von Studenten mit Farbe besprüht und in einer nächtlichen Aktion vom Sockel gestoßen - gegen die «ungebrochene Ausbeutung der Dritten Welt».

Aber auch die Künstler beziehen politisch Stellung: Pop-Art-Künstler Andy Warhol gestaltete wie viele andere Plakate - gegen die Apartheid in Südafrika oder den Mord an dem schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King. Die Studenten entwickeln kreative Ideen und entwerfen «Schah-Tüten», die sie sich aus Protest gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin über die Köpfe stülpen. Auch die Theater werden zu einem Ort der politischen Auseinandersetzung: Schauspieler sammeln Geld, um den Vietkong zu unterstützen, Peter Steins Schaubühne in Berlin schafft die hierarchischen Strukturen ab. In Hamburg kommt es zu tumultartigen Protesten bei der Uraufführung von Hans Werner Henzes Oratoriums «Das Floß der Medea» in Planten un Blomen.

Miniröcke, Hosenanzüge für Frauen und Ethnolook: Auch die Mode wird zum deutlich sichtbaren politischen Statement, vor allem für die Gleichberechtigung. Mit mutigen, unangepassten Outfits werden die Konsumgesellschaft, ihr Materialismus und ihre Konventionalität auf die Probe gestellt. In der Musik und in der Werbung feiert die Popmusik ihren Durchbruch, verschiedene Genres werden gemischt, die Festivalszene feiert mit Woodstock 1969 einen Höhepunkt.

Auch das Design ist geprägt von der Lust an gestalterischer Innovation: 1968 beauftragt der Spiegel-Verlag den dänischen Architekten Verner Panton mit der Innenausstattung des neuen Verlagsgebäudes. Von den Stockwerken in Regenbogenfarben bleibt am Ende nur die orange-farbene Kantine übrig, die sich seit 2011 dauerhaft im Museum befindet.

Die gewalttätigen Proteste zum G20-Gipfel in Hamburg, die aktuelle Metoo-Debatte oder das Wiedererstarken der Rechten: Die Ausstellung verstehe sich jedoch nicht als sentimentaler Rückblick, sondern als eine Ausstellung, die man mit Blick von heute betrachten soll. «Nicht alles ist damals richtig gemacht worden», betonte Schulze. «Die Diskussionsfreudigkeit und die Bereitschaft, Dinge in Frage zu stellen und sich selber immer in Frage zu stellen, die halte ich für ganz wichtig.»

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