Für das Exil-Museum
Bernd Schultz trennt sich von seiner Kunstsammlung

Schirmherrin ist Herta Müller: Ein neues Museum in Berlin soll an die Menschen erinnern, die vor den Nazis ins Ausland fliehen mussten. Grisebach-Gründer Schultz verkauft dafür seine hochkarätige Sammlung.

Dienstag, 16.10.2018, 18:04 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 16.10.2018, 18:02 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 16.10.2018, 18:04 Uhr
Der Kunstsammler Bernd Schultz in der Villa Griesebach vor einem Teil seiner Sammlung. Hier "La femme à la fenêtre" (l) "L’Égyptienne"von Pablo Picasso.
Der Kunstsammler Bernd Schultz in der Villa Griesebach vor einem Teil seiner Sammlung. Hier "La femme à la fenêtre" (l) "L’Égyptienne"von Pablo Picasso. Foto: Jens Kalaene

Berlin (dpa) - Mit einem Porträt von Thomas Mann fing es an, damals musste der Vater noch für Monate das Taschengeld vorstrecken. In den 60 Jahren seither hat der Berliner Kunsthändler Bernd Schultz eine einzigartige Sammlung von Werken auf Papier zusammengetragen.

Rembrandt und Watteau sind dabei, Kokoschka und Picasso, Baselitz und Bruce Nauman. Jetzt will der 76-Jährige seine «Kinder», wie er sie nennt, auf einen Schlag verkaufen - für ein Herzensanliegen.

«Wir werden ein Exilmuseum gründen, in dem wir die Geschichte der 500 000 Menschen wieder in Erinnerung rufen, die unser Land in der NS-Zeit aus dem deutschsprachigen Kulturkreis vertrieben hat», sagt Schultz der Deutschen Presse-Agentur. «Das ist zur Aufarbeitung unserer Geschichte unbedingt notwendig. Es soll gerade heute auch ein Zeichen gegen alle Formen der Vertreibung setzen.»

Schultz hat als Gründer des renommierten Berliner Auktionshauses Villa Grisebach bei seinen Reisen in alle Welt zahllose Emigranten aus Deutschland kennengelernt. «Ich bin diesen Schicksalen begegnet und habe gespürt, dass diese Menschen nie wieder eine Heimat gefunden haben», sagt Schultz. «So ist es zu meinem Lebensthema geworden.»

Schirmherrin des Projekts ist Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die wegen der Verfolgung durch das Ceausescu-Regime selbst ihre Heimat in Rumänien verloren hat. Sie hatte sich schon 2011 in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für ein Museum des Exils eingesetzt.

«Es ist bitter. Aber es liegt heute fast noch derselbe Schatten wie 1945 auf dem Thema Exil», schreibt die 65-Jährige in einem Vorwort zu den drei aufwendig kommentierten Auktionskatalogen, die Texte von zahlreichen prominenten Unterstützern enthalten.

Unter dem Titel «Sammlung Bernd Schultz - Abschied und Neuanfang» kommen am 25. und 26. Oktober in der noblen Villa Grisebach in der Nähe des Kurfürstendamms über 300 Handzeichnungen aus 500 Jahren Kunstgeschichte unter den Hammer. Gesamtschätzwert: rund fünf Millionen Euro. «Ich habe mich entschlossen, das Beste zu verkaufen, also auch das, was mir am meisten am Herzen liegt», sagt der Kunsthändler.

So kommen Blätter auf den Markt, nach denen sich jedes Kupferstichkabinett der Welt sehnen dürfte. Etwa Pablo Picassos Porträts «Die Frau am Fenster» (1952) und «Die Ägypterin» (1953), zusammen auf 300 000 bis 400 000 Euro geschätzt. Zeichnungen wie «Selbstbildnis» von Oskar Kokoschka, «La Persane» von Henri Matisse oder «Abschied» von Käthe Kollwitz sind jeweils auf 200 000 bis 300 000 Euro veranschlagt. Versteigert werden aber auch Werke, die sich im drei- und vierstelligen Bereich bewegen.

Der gesamte Erlös soll der Stiftung des künftigen Exilmuseums zugutekommen. «Ich möchte, dass wir das Projekt die ersten Jahre in großer finanzieller Unabhängigkeit auf die Beine stellen können», sagt Schultz. Seine Frau habe Verständnis für seine Entscheidung - «und meine Familie hat sich klaglos in ihr Schicksal gefügt», setzt der liebenswürdige weißhaarige Herr mit leisem Lächeln hinzu.

Schon jetzt hat, ebenfalls vor allem von ihm unterstützt, ein achtköpfiges Team umfangreiches Material zusammengetragen, die Stiftung hat ein eigenes Büro im Stadtteil Wilmersdorf. Spiritus rector ist der Kunsthistoriker Christoph Stölzl, einst Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, der mit einem Porträtband über deutsche Emigranten mit Fotografien von Stefan Moses die Initialzündung für das Museum gab. «Wir wollen nicht abstrakt vom Exil erzählen, sondern es am Schicksal einzelner Menschen wieder unmittelbar erfahrbar machen», sagt der 74-Jährige.

Als Standort war zunächst das bisherige Käthe-Kollwitz-Museum in Charlottenburg im Gespräch. Inzwischen werben die Initiatoren um einen Platz hinter dem Anhalter Bahnhof, dem einstigen Zentralbahnhof Berlins. «Von hier aus fuhren Zehntausende ins Exil, darunter auch Heinrich Mann, Alfred Döblin und George Grosz», sagt Stölzl. «Das wäre mit der verbliebenen Ruine des Portals ein guter Ort für uns.»

Von der Politik gibt es positive Signale. Und auch sonst hat die Stiftung gewichtige Mitstreiter. Vorstandsvorsitzender ist André Schmitz, der frühere Staatssekretär für Kultur in Berlin. Dem Kuratorium gehören etwa Springer-Chef Mathias Döpfner, Industriellenerbin Gabriele Quandt und Berlins graue Kunsteminenz, Rechtsanwalt Peter Raue, an. Deshalb hofft Schultz, sein neues Projekt zumindest bis zum 80. Jahrestag des Kriegsendes 2025 zum Leben zu erwecken.

Ob er selbst zur Versteigerung geht? «Ich bin mir noch nicht sicher», gesteht er. Er habe immer den Grundsatz gelebt, nach einer Entscheidung «alle Türen des Zweifels» zu schließen. «Die Türen sind ganz fest zu, aber die Gefühle sind natürlich noch da.»

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