Selbsterkundung
Gospel-Soul trifft Elektronik: Conor O'Briens Villagers

Er zählt zu den sensibelsten Songschreibern der «Generation 30 plus»: der Ire Conor O'Brien alias Villagers. Sein viertes Studioalbum versöhnt die Wärme von Folk, Soul, Gospel und Samba mit kühlem Elektro-Pop - und auch das funktioniert hervorragend.

Mittwoch, 26.09.2018, 06:02 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 26.09.2018, 06:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 26.09.2018, 06:02 Uhr
Warmer Gospel und kühle Elektronik sind bei Conor O'Brien kein Gegensatz.
Warmer Gospel und kühle Elektronik sind bei Conor O'Brien kein Gegensatz. Foto: Jens Kalaene

Berlin (dpa) - Vor komplexen Themen und spannenden Geschichten scheut Conor O'Brien nie zurück. Auf seinem neuen Album liefert er aber nicht nur weitere Beweise für sein Texter-Talent - diese neun Songs sind auch musikalisch so bezwingend wie selten zuvor.

Schon sein bemerkenswert reifes Debüt «Becoming A Jackal» (2010) war eine Art Werwolf-Saga über Identitätssuche, dargeboten zu ergreifendem Indie-Folk der Marke Conor Oberst/Bright Eyes. Und auch danach spannte der irische Singer-Songwriter mit seinem zum Teil aus alten Freunden bestehenden Bandprojekt Villagers große Storyteller-Bögen in ambitionierten Konzeptalben.

Das offiziell vierte, erneut brillante Werk «The Art Of Pretending To Swim» (Domino) macht da keine Ausnahme. Nach der Schilderung seines Coming-Out auf der noch etwas schüchternen Akustikballaden-Sammlung «Darling Arithmetic» (2015) und einem Live-im-Studio-Album behandelt O'Brien nun seinen (wiedergewonnenen) Glauben.

Lieder wie «Sweet Saviour», «Love Came With All That It Brings» oder der hinreißend schöne, zu Vogelgezwitscher federleicht schwebende Closer «Ada» funktionieren als sensible Selbsterkundungen des Mittdreißigers. «Für dieses Album habe ich viel Gospel und Soul gehört - Musik, von der ich glaubte, sie selber nicht hinzubekommen», sagte der Villagers-Frontmann in einem Interview. «Als ich dann versuchte, sie dennoch zu machen, fand ich meinen ganz eigenen Weg.»

Mit den neuen Liedern sei es ihm auch darum gegangen, das Wort Gott von der Kirche «zurückzufordern». Wer nun eine peinliche spirituelle Nabelschau befürchtet, liegt zum Glück falsch. «Man muss seinen Glauben nicht labeln, und man muss auch keiner organisierten Religion angehören», sagte O'Brien dem «Musikexpress». Er selbst fand über Umwege zum Glauben zurück, denn einst habe er «Nirvana für mich entdeckt und dachte: Yeah, dann ist das halt meine Kirche.»

Zurück zur Musik. Ausgetretene Soul- und Gospel-Pfade wählen die Villagers um den risikofreudigen Multiinstrumentalisten O'Brien selbstverständlich nicht. Der Mann hatte schließlich schon für die zweite, bislang beste Villagers-Platte «Awayland» (2013) nach Aufenthalten in der Techno-Weltstadt Berlin seinen Indie-Folk-Sound mit Elektronik aufgefrischt - irgendwo zwischen Nick Drake, Paul Simon, Radiohead und Bon Iver.

Diesen Weg setzt er nun fort. «The Art Of Pretending To Swim» ist daher bei aller Sanftheit (gerade auch des wunderbar waidwunden Gesangs) ein ausgesprochen modernes Songwriter-Album, das sogar mit einem euphorischen Pop-Samba wie «Long Time Waiting» überrascht. Er habe «Humor und Freude» erzeugen wollen, sagte O'Brien - obwohl es ihm eigentlich leichter falle, traurige Lieder zu schreiben.

Auch das vierte Villagers-Experiment ist also geglückt. Dieser Singer-Songwriter hat noch keinen Fehltritt hinter sich - und wird immer besser. Kein Wunder, dass ihn der große Paul Weller - als eine Art Ritterschlag! - für sein neues Album «True Meanings» zu einer Kooperation einlud, beim fantastischen Opener «The Soul Searchers». Die Suche nach Soul, nach Seele - das dürfte O'Brien gefallen haben. Beschreibt es doch sehr gut auch sein eigenes Streben auf und mit dem vierten Villagers-Werk.

Tourneedaten Villagers im November: 03.11. Frankfurt/Main, Zoom; 06.11. Hamburg, Grünspan; 08.11. Berlin, Kesselhaus; 27.11. Köln, Kulturkirche

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