Frankreich als Sehnsuchtsort
Intensives Leben - Romy Schneider vor 80 Jahren geboren

Die Deutschen liebten sie, die Deutschen hassten sie. Romy Schneider liebte Frankreich und schien ein geregeltes Leben zu hassen. Aber die von Süchten zerstörte «Femme fatale» hatte auch bürgerliche Seiten.

Sonntag, 23.09.2018, 00:04 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 23.09.2018, 00:01 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Sonntag, 23.09.2018, 00:04 Uhr
Ihr Sissi-Image ist Romy Schneider - hier mit Karlheinz Böhm als Kaiser Franz Joseph (2.v.r.) - nie mehr losgeworden.
Ihr Sissi-Image ist Romy Schneider - hier mit Karlheinz Böhm als Kaiser Franz Joseph (2.v.r.) - nie mehr losgeworden. Foto: Georg Göbel

Wien (dpa) - Würde Romy Schneider der «Sissi»-Pfad im Wiener Hofmobiliendepot gefallen? Dutzende Tische, Kommoden, Leuchter und Betten erinnern dort daran, dass die Möbel-Schatzkammer der Habsburger vor 60 Jahren die drei sensationell erfolgreichen «Sissi»-Filme ausstattete.

«Die Möbel wurden von den Filmemachern stilistisch ohne Hemmung durchgemischt. Ziel war es, den märchenhaften Charakter des Lebens der Kaiserin zu unterstreichen», sagt Markus Laumann vom Depot. Die Rolle der Kaiserin Elisabeth (1837-1898), die im romantisch-verklärten Film eine liebevolle Ehe mit Franz Joseph I. führte, war für Romy Schneider Segen und Fluch. Für die in Bayern aufgewachsene Wienerin und Wahl-Französin, die am 23. September ihren 80. Geburtstag feiern würde, war es der Start für eine große Karriere - und der Beginn des Kampfes gegen ein Image.

Welten liegen zwischen der kokett-fröhlichen jungen Frau, die im Film als Prinzessin aus Bayern mit 16 Jahren einen der mächtigsten Herrscher der Welt heiratet, und ihrer letzten Rolle als eine von Nazis verfolgte Animierdame in «Die Spaziergängerin von Sans-Souci». Der Streifen sei «das letzte Dokument des viel zitierten «gebrochenen Herzens», an dem Schneider aus Sicht vieler Fans kurz nach der Premiere starb», befand der «Spiegel». Romy Schneider wurde zehn Monate nach dem Unfalltod ihres Sohnes David am 29. Mai 1982 im Alter von 43 Jahren tot am Schreibtisch ihrer Wohnung in Paris gefunden.

Nach ihrem Tod wurden alle publizistischen Schleusen geöffnet. Bücher und Artikel thematisierten, «was man bis dahin - aus Takt oder Angst vor Klagen - zurückgehalten hatte: ihr Tabletten- und Alkokoholkonsum, ihre Bisexualität, ihre Ausbeutung durch Männer», schreibt ihre Biografin Alice Schwarzer. Schwarzer beschreibt die damals wohl berühmteste deutsche Schauspielerin als «sensibel», «ernsthaft» und «unsicher».

Frankreich war der Sehnsuchtsort der hochbegabten, aber nie als Schauspielerin ausgebildeten Schneider. «Ich fühle mich zu einem Viertel als Österreicherin und zu drei Vierteln als Französin», bekannte sie damals. Ihre Liebe zur kunstreichen Grande Nation drückte sich schon bei der Synchronisation der «Sissi»-Filme aus. In der ebenfalls höchst erfolgreichen französischen Variante sprach sie ihre Rolle selbst.

Mit Zuschauerzahlen zwischen 20 und 25 Millionen gilt die Trilogie der «Sissi»-Filme als eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Filmproduktionen. «Auch international brach bereits der erste Teil der Trilogie alle Rekorde», sagt der «Sissi»-Experte des Hofmobiliendepots, Herbert Gmoser. In den ersten drei Wochen seien in Paris im Kino mehr als 100.000 Zuschauer gezählt worden.

Die Deutschen hatten Ende der 1950er Jahre ein Problem damit, dass die von ihnen verehrte Verkörperung der Unschuld mit dem skandalumwitterten französischen Schauspieler Alain Delon nach Paris zog. «Wir sind die beiden meistbeschimpften Frauen Deutschlands», habe ihr Schneider in einem Interview 1976 gesagt, so die Feministin Schwarzer. Zuvor hatte Romy Schneider zusammen mit 374 Frauen im Magazin «Stern» mutig bekannt: «Wir haben abgetrieben».

Die Beziehung zum heute 82-jährigen Delon scheiterte 1963. Tief betroffen schilderte Schneider: «Da stand ein Rosenstrauß, daneben lag ein Zettel, da stand drauf: «Ich bin mit Nathalie nach Mexiko, alles Gute, Alain.»». Und: «Nach der Liebe mit Alain war ich verbraucht, verloren, geschunden.»

Schneider stürzte sich in die Arbeit, avancierte in den 1960er und 1970er Jahren zum bewunderten Star in Frankreich. 1968 drehte sie vielbeachtet den Krimi «Swimmingpool» mit Ex-Freund Delon. 1970 war sie an der Seite von Michel Piccoli im Liebesdrama «Die Dinge des Lebens» zu sehen, 1973 bis 1975 spielte sie in fünf Filmen, darunter «Das wilde Schaf», «Trio Infernal», «Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen». Für «Nachtblende» und «Eine einfache Geschichte» erhielt sie den Filmpreis Cesar. Insgesamt drehte sie 59 Streifen. Regisseur Claude Sautet beschrieb sie so: «Sie ist gleichzeitig Gefühl und Spannkraft, Panik und Heiterkeit.»

1966 heiratete sie den deutschen Regisseur Harry Meyen, kehrte vorübergehend nach Deutschland zurück. Ihr Sohn David wurde geboren. Nach der Trennung von Meyen sagte sie 1976 Ja zu ihrem Privatsekretär Daniel Biasini. Ihre Alkohol- und Tablettensucht steigerte sich so, dass sie oft in die bretonische Hafenstadt Quiberon zum Entzug fuhr. In «3 Tage in Quiberon» hat 2018 Marie Bäumer die weltberühmte Kollegin gespielt. Nach der Beschäftigung mit Schneider ist sie sich sicher: «Was mich gerührt hat, war, dass sie eigentlich sehr bürgerlich war und sich immer nach einem geregelten Leben gesehnt hat, wie jeder Mensch und vor allen Dingen jede Frau», sagte die Düsseldorferin der österreichischen Nachrichtenagentur APA.

Auch ihr Ex-Mann Biasini betont die eher an eine ganz normale Frau erinnernden Züge Schneiders: «Sie hing sehr an ihrer Familie, den Kindern, an ihrem Ehemann. Wir hatten ein Ritual: Wir haben jeden Sonntag bei meinen Eltern verbracht. Sie hatte wirklich nur diese beiden Leidenschaften: den Beruf und die Familie», so Biasini im Interview des Magazins «News». Schneider selbst sah sich kritischer: «Ich bin wohl recht unlebbar für mich selbst - und schon gar für andere.» Mit einer Szene zementierte die sich vor Einsamkeit fürchtende Schneider ihr Image als «Femme fatale». In einer Talkshow strich sie 1974 dem Bankräuber Burkhard Driest 1974 über den Arm und meinte: «Sie gefallen mir, Sie gefallen mir sehr.»

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