Literatur
Packend: «Der rote Hitlerjunge»

Der Vater Kommunist, die Stiefmutter glühende Hitler-Anhängerin. Günter Lucks erlebt eine Kindheit zwischen den Extremen. Sie endet fast in einer Katastrophe.

Dienstag, 11.08.2015, 10:32 Uhr

Das Buchcover «Der rote Hitlerjunge - Meine Kindheit zwischen Kommunismus und Hakenkreuz» der Autoren Günter Lucks und Harald Stutte .
Das Buchcover «Der rote Hitlerjunge - Meine Kindheit zwischen Kommunismus und Hakenkreuz» der Autoren Günter Lucks und Harald Stutte . Foto: Rowohlt

Hamburg (dpa) - Der Vater von Günter Lucks bleibt hart. «In diesem Verein melde ich dich nicht an.» Dabei will der kleine Günter doch einfach nur dazugehören, fast alle Klassenkameraden tragen schon die braune Uniform der Hitlerjugend. Lucks ist hin- und hergerissen zwischen seinen kommunistischen Eltern und dem nationalsozialistisch dominierten Umfeld in der Schule und auf der Straße.

Wer liegt richtig, wer falsch? Wer sind die Guten, wer die Bösen? Dass die neue Stiefmutter für Hitler schwärmt, macht es dem Jungen nicht einfacher. «Ich kam mir vor wie junger Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Es war ein schreckliches Gefühl», schreibt Lucks.

Mit «Der rote Hitlerjunge. Meine Kindheit zwischen Kommunismus und Hakenkreuz» gelingt Lucks ein eindrucksvoller Einblick in die Gefühlswelt eines Jungen zur Nazi-Zeit. Gekonnt verwebt er bekannte Ereignisse wie die Bombenangriffe der Alliierten auf Hamburg mit seiner Familiengeschichte. Sein Bruder stirbt 1943 im Feuersturm. Auch wenn viele bereits über ihr Leben während der NS-Zeit geschrieben haben, wird Lucks Lektüre nie langweilig. Das Buch hat er zusammen mit dem Journalisten Harald Stutte verfasst.

Immer wieder gelingt es Lucks, mit kleinen Episoden die Propaganda der Nationalsozialisten zu entlarven. Als ein sowjetischer Kriegsgefangener einige Monate im Gemüseladen seiner Tante hilft, freundet sich der Junge mit dem Russen an. «Unser Iwan» nennen sie ihn. Zunächst schickt die Tante den Russen zum Essen immer in den Schafstall. Lucks jedoch findet die Erzählungen des Russen, der leidlich Deutsch spricht, so interessant, dass er sein Essen ebenfalls im Stall zu sich nimmt. Schließlich hat die Tante ein Einsehen und bittet auch den Russen zu Tisch. Lucks lernt: Die von den Nazis als Untermenschen verunglimpften Russen sind Menschen wie alle anderen auch.

Trotzdem meldet sich Lucks wenige Monate vor Kriegsende freiwillig zum Volkssturm, jenem letzten Aufgebot aller 16- bis 60-Jährigen, die häufig sinnlos ihr Leben ließen. Sein Ausbilder bei der Post, der die Jungen jeden Morgen «für Führer und Vaterland» stramm stehen lässt, mag einen Teil dazu beigetragen haben. Nur mit Glück überlebt Lucks die letzten Kriegswochen. Dieses Kapitel seiner Jugend hat der Autor bereits in seinem 2010 erschienenen Buch «Ich war Hitlers letztes Aufgebot» beschrieben. Im neuen Buch kommen die Erlebnisse an der Front daher fast ein wenig zu kurz.

Eines wird bei Lucks Erzählung immer wieder deutlich: Wie schwer es gerade für ein Kind war, der täglich verbreiteten Nazi-Propaganda zu widerstehen. An seiner persönlichen Familiengeschichte zeigt Lucks, wozu es führen kann, wenn ein ganzes Volk einfach auf der Seite der Gewinner sein will - und den Weg in die Katastrophe nicht erkennt.

Günter Lucks, Harald Stutte: Der rote Hitlerjunge. Meine Kindheit zwischen Kommunismus und Hakenkreuz. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, 240 Seiten, 9,99 Euro, ISBN 978-3-499-62923-5

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