Freizeit
«Edersee-Atlantis» ist Fluch und Segen für Tourismus

Wenn im Sommer das Wetter gut ist, muss der Edersee in Nordhessen viel Wasser abgeben. Einigen Touristen fehlt das erfrischende Nass dann zum Schwimmen, doch dafür tauchen sonst versunkene Relikte von vor mehr als 100 Jahren aus den Fluten auf.

Samstag, 08.08.2015, 15:38 Uhr

Freizeit : «Edersee-Atlantis» ist Fluch und Segen für Tourismus
Foto: Uwe Zucchi

Waldeck/Hann. Münden (dpa) - Wenn der Edersee im Sommer viel Wasser verliert, zeigt er sein versunkenes Gesicht. Jetzt führt bei Asel eine vierbogige Brücke über die Eder . Sie wurde beim Bau des Stausees vor mehr als 100 Jahren überflutet und ist nur dann zu sehen, wenn der Pegel tief sinkt.

Dieter und Karoline Walther aus der Nähe von Mainz machen Urlaub am Edersee und haben die Aseler Brücke (Hessen) für ihren Ausflug gewählt. «Wir wollen drübergehen», sagt er. Die Brücke kann mittlerweile trockenen Fußes überquert werden.

Zum Vorschein kommen aus dem See derzeit auch Steinreste von Fundamenten. Das Rentnerpaar will sich noch einen alten, trockenfallenden Friedhof anschauen. Ruinen, die sonst unter der Oberfläche liegen - das «Edersee-Atlantis». 

Die Edertalsperre wurde vor mehr als 100 Jahren gebaut, um mit dem Wasser den Pegel auf der Weser konstant zu halten und so die Schifffahrt dort zu gewährleisten. Die drei Dörfer Bringhausen, Berich und Asel versanken dafür im Edersee - die Überreste sieht man fast jeden Sommer. Mittlerweile aber gehört der See auch zu den beliebtesten Freizeit- und Ausflugsorten in Hessen. 

«Für uns ist genug Wasser da», sagt Ihring Salaske aus Melsungen. Der 50-Jährige segelt an der Sperrmauer, dort ist das Wasser auch jetzt noch rund 30 Meter tief. Auch für Wasserski-Fahrer Jürgen Flassig aus Salzgitter sind die Bedingungen «genial», wie er sagt. 

In den See passen fast 200 Millionen Kubikmeter Wasser. Derzeit verliert er täglich fast zwei Millionen Kubikmeter, am Wochenende wird die 80 Millionen-Marke unterschritten. Grund für die niedrigen Pegel ist das bislang extrem trockene Jahr. «Bei 40 Millionen müssen wir den Ablauf reduzieren», sagt Odo Sigges vom Wasser- und Schifffahrtsamt Hann. Münden.

Die Folge: Der Weserpegel bei Hann. Münden sinkt, viele Schiffe können nicht mehr fahren. Ohne Niederschläge könnte dies Ende des Monats so weit sein. Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) sieht es in der nächsten Zeit nicht nach anhaltendem Regen aus, der die Pegel deutlich heben könnte.

Weil schon viel Wasser fehlt, müssen die Touristen weitere Wege zum Baden gehen oder finden nur noch das Flussbett der Eder vor. Dennoch gebe es kaum Beschwerden - im Gegenteil, denn dafür entwickele sich das Edersee-Atlantis zum Touristenmagnet, sagt der Geschäftsführer der Edersee Touristic, Claus Günther. «Die Leute fragen schon, wo man was sehen kann», betont er. Zudem ziehe die ungewöhnliche Attraktion Tagesgäste an. «Wir sind mit der Saison zufrieden.» Auch wenn der Pegel weiter falle, seien Wassersport und Schifffahrt weiter möglich.

Für Sabine Kipp vom Wassersportcenter Sun&Fun ist die Situation nicht ungewöhnlich. Wichtiger als der Wasserstand sei ohnehin das Wetter, sagt sie. «Schlechtes Wetter und voller See heißt, es ist wenig zu tun, gutes Wetter und ein halbvoller See bedeutet, wir haben gut zu tun.»

Der Bürgermeister der Edersee-Gemeinde Vöhl, Matthias Stappert (parteilos), sagt dagegen: «Für Menschen, die Urlaub am See machen möchten, ist das eine Enttäuschung. Der See ist kein See im Moment.» Allerdings sei ihm bewusst, dass der Zweck des Sees nicht vorrangig der Tourismus sei. Eine kurzfristige Lösung gebe es nicht, jedoch will Stappert mit den Nachbargemeinden sprechen, um dem Tourismus in der Region langfristig mehr Gewicht zu geben.

Marc Heßler aus Ulrichstein im Vogelsberg hat sich mit seiner Familie vor seinem Urlaub extra über das Edersee-Atlantis informiert. «Mit Kindern schwimmen ist schlecht, aber sonst ist es toll», sagt er. Sohn Marlon (8) findet besonders das viele Treibholz an der Aseler Brücke toll. «Vielleicht kommen wir im Frühjahr noch mal wieder, wenn er voll ist», sagt Vater Marc. 

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