Coronavirus-Krise
«Mit Respekt und Demut»: DFL geht Fan-Rückkehr vorsichtig an

Die Profi-Clubs einigen sich auf ein einheitliches Vorgehen zur möglichen Rückkehr der Zuschauer. Auswärtsfans müssen verzichten, Stehplätze sind vorerst gesperrt und die Tickets personalisiert. Zudem gibt es kein Bier mehr in den Stadien.

Dienstag, 04.08.2020, 18:25 Uhr aktualisiert: 04.08.2020, 18:28 Uhr
Die DFL beschloss ein Maßnahmenpaket zur Fan-Rückkehr.
Die DFL beschloss ein Maßnahmenpaket zur Fan-Rückkehr. Foto: Frank Rumpenhorst

Frankfurt/Main (dpa) - Die neue Bescheidenheit des Profi-Fußballs bekräftigte Christian Seifert diplomatisch und treffsicher.

«Wir erwarten nichts, wir fordern nichts», sagte der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga über die auch in der Politik zwiespältig geführten Debatte der Fan-Rückkehr in die Stadien. «Wir bereiten uns darauf vor.» Bis zum Jahresende würde es - selbst wenn die Corona-Pandemie wieder Zuschauer zulässt - keine Auswärtsfans in den Stadien geben, bis Ende Oktober keine Stehplätze und keinen Alkohol. «Priorität in Deutschland haben nicht volle Stadien, sondern die gesundheitliche Situation», sagte Seifert nach der außerordentlichen DFL-Mitgliederversammlung.

Auch der DFL sei nicht entgangen, dass die Signale aus der Politik angesichts steigender Infektionszahlen «nicht mehr so positiv» ausgefallen seien. Aktuell spiele Corona eben noch mit und eine sehr bedeutende Rolle. «Dennoch darf man nicht kapitulieren, nur auf einen Impfstoff hoffen und warten, dass es endlich vorbeigeht», betonte Seifert.

Die 36 Vereine der Bundesliga und 2. Liga einigten sich am Dienstag auf das einheitliche Vorgehen für die mögliche Rückkehr der Fans zum oder bald nach dem Saisonstart am 18. September. Als vierten zentralen Punkt beschlossen die Clubs, «bei ihren Spielen sicherzustellen, dass im Fall von Infektionen die Identität und Kontaktdaten möglicher und eventuell betroffener Stadionbesucher ermittelt werden können.» Personalisierte Tickets dürften die Folge sein.

Die finale Entscheidung über die Fan-Rückkehr treffen die Behörden. «Der Profifußball kann wie alle Lebensbereiche nur in Etappen ins normale Leben zurückgehen. Das geht nicht von null auf hundert», sagte Seifert, der betonte, dass alle Maßnahmen nur wegen der Pandemie gelten und nicht auf die langfristige Zukunft des deutschen Fußballs ausgelegt sind. Die Taskforce «Zukunft Profifußball» soll im September ihre Arbeit aufnehmen und «einige Entwicklungen zur Vergangenheit reflektieren».

Konkrete Zuschauerzahlen zum Start werde kein Club fordern. Wohl auch nicht mehr der 1. FC Union Berlin, der sein Stadion bereits zum Saisonstart voll besetzt haben wollte. «Mit dem Vorstoß haben sie einen Wunsch zum Ausdruck gebracht. Den haben doch alle», relativierte der DFL-Geschäftsführer. Es wäre ein «ikonisches Bild», dass die Pandemie vorbei sei. «Selbstverständlich kann das kein kurzfristiges Ziel sein, 600.000 Zuschauer am ersten Spieltag zu haben», sagte Seifert. «Unter solchem Realitätsverlust leidet keiner. (...) Wir haben eine Sehnsucht nach Normalität, die ersetzt aber keine Pläne.» Union teilte am Abend mit, gegen die Anträge zu den Gästefans, Stehplätzen und dem Alkoholverbot gestimmt zu haben.

Das Fan-Bündnis «Unsere Kurve» bezeichnete die DFL-Maßnahmen als «wie erwartet» und zeigte sich skeptisch. «Vor dem Hintergrund der steigenden Infektionszahlen muss man sowieso fragen, ob es überhaupt so weit kommt», sagte Vorstandsmitglied Jost Peter der dpa. Falls Zuschauer in die Arenen gelassen werden würden, «würde es eher einem Theaterbesuch ähneln. Mit Fankultur hat das nichts zu tun.»

Besonders den Spielern der beiden Bundesligen kommt nach Ansicht von Seifert während der Pandemie eine besondere Rolle zu. «Wir müssen uns unserer Vorbildfunktion bewusst sein», sagte er mit Blick auf die wachsende Sorglosigkeit in der Bevölkerung beim Umgang mit den Schutzmaßnahmen. Mit ihrem Verhalten bei den «Geisterspielen der Saison 2020/21 hätten sie sich einen «Vertrauensvorschuss» verdient.

Positiv äußerte sich Seifert zu jüngsten Gutachten zu einer möglichen Gehaltsobergrenze im Profifußball positiv. «Grundsätzlich ist das ein guter und ein wichtiger Hinweis», meinte er. «Und ich glaube, auch ein hoffentlich werthaltiger und belastbarer Beitrag in dieser Debatte.» Wegen der Pandemie sei jetzt der richtige Zeitpunkt, um die Diskussion fortzuführen.

Zwei Rechtsgutachten des Bundestages waren zu dem Schluss gekommen, dass eine Gehaltsobergrenze durchaus möglich sei. Voraussetzung für eine Deckelung der Millionengehälter sei aber die Einführung durch die Europäische Fußball-Union (UEFA).

«Genau in dieser Zeit wird aber, das ist meine Prognose, der wirtschaftliche Druck auf den Profisport im Allgemeinen zunehmen, und alle sind gut beraten, ihre Kostenstruktur zu überdenken», sagte Seifert. Allerdings könne er schon Parteien im Fußball benennen die eine solche Regelung infrage stellen und angreifen würden.

Schneller soll ein anderes Thema angegangen werden, dass die Bundesligaclubs aktuell beschäftig: Die künftige Verteilung der Medienerlöse. Bereits im August soll in drei Regionalkonferenzen mit den Erst- und Zweitliga-Clubs darüber beraten werden, teilte Seifert mit. Bis Anfang Dezember will die DFL einen Beschluss zur Verteilung der Gelder erzielen. Die DFL hatte bei der Auktion der Medienrechte für die Spielzeiten 2021/22 bis 2024/25 insgesamt 4,4 Milliarden Euro erlöst. Zuletzt hatte es unter den Clubs große Kritik an der derzeitigen Verteilung der Gelder gegeben.

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