Fußball
Trotz Lob traurig: Bellarabi dennoch auf der Sonnenseite

Plötzlich geht alles ganz schnell. Deutschland statt Marokko, gleich Startelf-Debüt - und er hätte sogar der Held werden können. Neuling Karim Bellarabi zeigt beim 0:2 in Warschau, warum Joachim Löw ihm so schnell vertraut. Nur das Toreschießen klappte wie bei allen nicht.

Sonntag, 12.10.2014, 10:41 Uhr

Warschau (dpa) - Das Lob des Bundestrainers und der Kollegen für seine erstaunliche Debüt-Leistung nahm Karim Bellarabi ohne große Emotionen auf.

«Natürlich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Aber das Spiel stand im Vordergrund», erklärte der «schöne Araber» - so die Bedeutung seines Nachnamens - am Ende eines nicht so schönen Abends beim 0:2 in Polen. «Ich habe mein Bestes gegeben. Aber ich bin sehr traurig, dass wir verloren haben», ergänzte der 24 Jahre alte Neuling, den Chefcoach Joachim Löw sofort nach der ersten Nominierung in Warschau in die Startelf beordert hatte.

Nach 15 Minuten Nervosität und kräftig Freischwimmen zeigte Bellarabi in der heißen Atmosphäre des Nationalstadions, warum er gleich Löws Vertrauen erobert hat - und den Vorzug vor Weltmeistern wie Julian Draxler oder Lukas Podolski bekam. «Er ist immer besser ins Spiel gekommen. In der zweiten Halbzeit war er wahnsinnig aktiv. Er war ständig präsent», lobte der Bundestrainer den 73. Debütanten unter seiner Regie. «Er hat schon gut trainiert die ganze Woche, war sehr spritzig. Das hat er im Spiel auch gezeigt», bemerkte Kollege Thomas Müller anerkennend: «Er hat seine Sache gut gemacht. Aber er hat das Tor auch nicht getroffen - wie wir alle da vorne.»

Dass er selbst nicht eine seiner zahlreichen Tor-Gelegenheiten genutzt und damit sein erstes Länderspiel gekrönt hat, ärgerte den Leverkusener Shooting-Star am meisten. «Gerade auch ich hatte viele Chancen», gestand Ballarabi. Löw zeigte sich dennoch zufrieden mit seinem neuen Offensivspieler: «Er hatte einige gute Aktionen und ist zu Abschlüssen gekommen. Er war agil und aktiv». Wenn die leichte Knöchelblessur, die Bellarabi am Sonntag als Andenken an das 0:2 von Warschau mit in die Heimat brachte, keinen Strich durch die Rechnung macht, wird der unglückliche A-Elf-Einsteiger wohl auch am Dienstag in Gelsenkirchen gegen Irland wieder mit angreifen.

Die Story von Bellarabi ist eine der Geschichten, die so nur der Fußball schreiben kann. Im Vorjahr als Leihspieler bei Eintracht Braunschweig noch ausgemustert, weil er die Professionalität nicht allzu erst genommen hatte, darf er nun das erste Länderspiel-Trikot stolz seiner Mama überreichen. «In meiner Karriere habe ich jetzt eine Phase erreicht, in der ich genau weiß, was ich will und wie ich mich dafür verhalten muss», hat Bellarabi in seinen ersten Tagen mit den Weltmeistern verraten.

«Ziemlich weit weg» von der Nationalelf hatte er sich noch vor kurzem gefühlt, gestand der Aufsteiger. Torsten Lieberknecht, sein einstiger Trainer in Braunschweig, hatte ihm eine Zivildienst-Stelle bei der Lebenshilfe Braunschweig vermittelt, wo er sich um schwerbehinderte Menschen kümmern musste. «Es war nicht immer einfach, aber am Ende hat es sich gelohnt. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt, auch über mich», berichtete Bellarabi, seit Sommer in Leverkusen am Ball. Auch Bayer war sich nicht sicher, ob es der Ex-Bremer noch packt.

Plötzlich lebt Ballarabi auf der Sonnenseite, nachdem er sich endgültig für Deutschland und nicht für Marokko, das Land seines Vaters, als Fußballheimat entschieden hat. «Er hat ein sehr gutes Spiel gemacht», sagte Toni Kroos, der neue Mittelfeldchef beim DFB und Antreiber von Real Madrid. Das gelte auch für Antonio Rüdiger als Lehrling auf der rechten Verteidigerposition. «Es hätte gepasst, wenn wir gewonnen hätten», meinte Bellarabi: «Jetzt müssen wir daran arbeiten, dass es besser wird.» Was er zuerst auf sich selbst bezog.

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