2. Liga
Die Abrechnung: VfB-Boss Dietrich zieht sich polternd zurück

Wolfgang Dietrich ist als Präsident des VfB Stuttgart zurückgetreten. Seine Generalabrechnung zum Abschied bereichert den Absteiger um ein weiteres Krisenkapitel. Wer nun auf den umstrittenen Ex-Unternehmer folgt, ist unklar.

Montag, 15.07.2019, 18:52 Uhr aktualisiert: 15.07.2019, 18:56 Uhr
2. Liga: Die Abrechnung: VfB-Boss Dietrich zieht sich polternd zurück
Foto: Christoph Schmidt

Stuttgart (dpa) - Selbst im Moment seines Rücktritts blieb Wolfgang Dietrich trotzig. Mit einer persönlichen Generalabrechnung hat sich der 70-Jährige vom Präsidentenamt des krisengeplagten VfB Stuttgart zurückgezogen und gegen seine Widersacher nachgelegt.

«Ich kann und will nicht mehr verantwortlich für alles gemacht werden, was beim VfB Stuttgart berechtigt oder unberechtigt nicht gut funktioniert», schrieb Dietrich auf seiner Facebook-Seite. «Ich lasse mir meine Würde und Ehre nicht von denjenigen nehmen, die ihre Macht lautstark und mit verbaler Gewalt demonstrieren.»

Damit überrumpelte der höchst umstrittene Ex-Unternehmer auch die Führungsriege des Fußball-Zweitligisten, der erst rund eine Stunde nach Dietrichs Statement eine Mini-Mitteilung auf seiner Homepage veröffentlichte. «Die Gremien des VfB Stuttgart respektieren und bedauern» den Entschluss von Dietrich, der gleichzeitig auch vom Aufsichtsratsvorsitz der Schwaben zurücktrat.

Dietrich sieht sich als Sündenbock und reagierte damit auf die am Sonntag wegen einer technischen Panne abgebrochene Mitgliederversammlung des VfB. Weil das WLAN im Stuttgarter Stadion nicht funktioniert hatte, konnte auch die Abstimmung über seine Abwahl nicht stattfinden. Nachdem Dietrich die Veranstaltung unter lautstarken Pfiffen und Protesten abgebrochen hatte, wurde er von Personenschützern aus dem Innenbereich des Stadions begleitet.

Was er auf der Mitgliederversammlung an «Feindseligkeit und Häme» erlebt habe, hätte er «nicht für möglich gehalten», schrieb Dietrich. Er möchte «nicht mehr einer Organisation vorstehen, die weder willens ist, sich mit mir gemeinsam diesen Interessen entgegenzustellen, noch in der Lage, den einwandfrei funktionierenden Ablauf einer Mitgliederversammlung zu gewährleisten.» Dietrich war bei einigen Anhängern zuletzt so massiv in die Kritik geraten, dass einige von ihnen einen Abwahlantrag auf die Tagesordnung hatten setzen lassen.

Mit ihren Handys hätten sich die rund 4500 anwesenden Stimmberechtigten in ein extra dafür eingerichtetes WLAN einloggen sollen, um unter anderem über Dietrichs Zukunft abstimmen zu können. Trotz mehrfacher Versuche bekamen die anwesenden Techniker die Probleme nicht in den Griff. Dietrich war schon zuvor immer wieder verbal aus dem Publikum attackiert worden. Dass eine Einigung der schwer gespaltenen Fans des Traditionsclubs unter ihm noch möglich gewesen wäre, erschien im Laufe des Abends immer zweifelhafter.

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir begrüßte als VfB-Mitglied den Rücktritt Dietrichs. «Ich bin erleichtert», sagte der 53-Jährige dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Der gebürtige Schwabe und ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen war am Sonntag selbst im Stadion gewesen. Einige VfB-Fans fordern im Internet bereits Özdemir als Nachfolger Dietrichs. «Das Vertrauen der Fans ehrt und berührt mich. Aber hier geht es gerade nicht um einzelne Namen, sondern darum, was für den VfB am besten ist», sagte er.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann schlug indes indirekt Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann als künftige Führungsfigur des Vereins vor. «Der Verein braucht jetzt eine Persönlichkeit mit Fußballkompetenz, die ausschließlich das Interesse des Vereins im Blick hat», teilte der Grünen-Politiker auf Facebook mit. «Jemand der von hier kommt, der zusammenführt und hinter dem sich die ganze VfB-Familie versammeln kann.»

Nicht allzu viele brächten ein solches Profil mit, schreibt Kretschmann weiter. «Als VfB-Fan würde mir da aber schon jemand einfallen, den ich letztes Jahr in Kalifornien getroffen habe und der den Brustring definitiv im Herzen trägt.» Damit spielt Kretschmann auf eine Begegnung mit Klinsmann bei seiner Nordamerika-Reise 2018 an.

Trotz aller Kritik an Dietrich hatten VfB-Präsidium, Vereinsbeirat und Aufsichtsrat ihn noch am Sonntagabend gebeten, weiterzumachen. Dietrich war im Oktober 2016 eigentlich für vier Jahre gewählt worden, der Ärger einiger Fans wurde aber nicht erst durch den Abstieg immer größer. In der vergangenen Saison hatten sie regelmäßig mit Plakaten im Stadion gegen ihn demonstriert. Zuletzt hatte sogar die Kriminalpolizei Ermittlungen unter anderem aufgrund mutmaßlicher Todesdrohungen gegen Dietrich aufgenommen.

Seine Kritiker warfen Dietrich nicht nur die Verpflichtung des im vergangenen Februar wieder abberufenen Ex-Sportvorstands Michael Reschke vor. Auch Dietrichs frühere Verflechtungen mit dem Unternehmen Quattrex, das Fußballclubs und auch direkten Konkurrenten des VfB Kredite gewährt hatte, sorgte bei einigen Mitgliedern bis zuletzt für Fragezeichen und Ärger. Etwas überraschend war, dass der gesamte VfB-Vorstand um Sportchef Thomas Hitzlsperger auf der Mitgliederversammlung auf Plädoyers pro Dietrich verzichtet hatte.

Wie es nun an der Spitze des Traditionsclubs weitergeht, blieb zunächst offen. «Der Vereinsbeirat wird kurzfristig entsprechend seiner satzungsgemäßen Aufgaben zusammentreten, um eine kommissarische Besetzung des Präsidiums bis zur nächsten Mitgliederversammlung herbeizuführen», heißt es in der VfB-Mitteilung. Da Vizepräsident Bernd Gaiser als einziges Präsidiumsmitglied übrig ist, dürfte er den Club zunächst führen. Wann die nächste Mitgliederversammlung stattfindet, ist noch unklar.

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