Schloss Kamitz in Niederschlesien
Gutsherrliche Gemütlichkeit im "Glatzer Kessel"

Polen -

Sanfte Hügellandschaften, dichte Wälder, prächtige Burgen und manches versteckte Kleinod: Niederschlesien und das Glatzer Bergland versprechen viel Abwechslung. Eine bewegte Geschichte erzählt das kleine Schloss Kamnitz. Einst Sitz und Gutshof deutscher Adliger, stand es vor wenigen Jahren vor dem totalen Zerfall. Bis es mit polnischem Engagement und deutscher Unterstützung gerettet und zu neuem Leben erweckt wurde.

Sonntag, 23.06.2019, 15:15 Uhr aktualisiert: 23.06.2019, 15:40 Uhr
Auch mit dem Schlauchboot lässt sich das Glatzer Bergland erkunden. Grün und Gelb bis zum Horizont:Vor allem im Frühjahr bietet das Glatzer Bergland ein beeindruckendes Farbenspiel. Dietmar Jeschke
Auch mit dem Schlauchboot lässt sich das Glatzer Bergland erkunden. Grün und Gelb bis zum Horizont:Vor allem im Frühjahr bietet das Glatzer Bergland ein beeindruckendes Farbenspiel. Dietmar Jeschke Foto: Dietmar Jeschke

Löcher im Dach, bröckelnder Putz, eingeschlagene Fenster und vor allem jede Menge Schutt und Gerümpel: Als Katarzyna Hutny den einst prächtigen Herrensitz während einer Schlesienreise vor zwölf Jahren durch Zufall entdeckte, stand das Anwesen kurz vor dem totalen Zerfall. Und das trotz seiner stolzen Geschichte, die mindestens bis in das 18. Jahrhundert zurückreicht.

Wieder in ihrer Heimatstadt Warschau, ging Hutny das fürstliche Kleinod in der einstigen Grafschaft Glatz nicht mehr aus dem Kopf. Und so dauerte es nicht lange, bis die studierte Ingenieurin kurzerhand „Nägel mit Köpfen“ machte: Das Haus Kamnitz wurde gekauft, um es zu neuem Leben zu erwecken.

Juwel in der niederschlesischen Hügellandschaft 

Doch das war leichter gesagt als getan. „Das Schloss befand sich in einem jämmerlichen Zustand“, schildert die Besitzerin, während sie ihren Laptop nach einigen alten Fotos durchforstet und umgehend die Beweise liefert: herausgerissene Türflügel, eingestürzte Holztreppen und jede Menge Müll. Die sozialistische Nachkriegszeit hatte dem kleinen Juwel in der faszinierenden niederschlesischen Hügellandschaft mächtig zugesetzt.

Vor gut 240 Jahren errichtet, gelangte das Haus Kamnitz im Jahr 1881 in den Besitz der Adelsfamilie von Seherr-Thoss, die es erweiterte und über drei Generationen lang bewohnte und das landwirtschaftliche Gut bestellte. Dann kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm eine der größten Völkervertreibungen der europäischen Geschichte.

Vom Herrensitz zum Arbeiterquartier 

Mussten polnische Bürger nun russische und ukrainische Gebiete räumen, so hatten die Einwohner der bis dahin deutschen Ostgebiete ihre Heimat Hals über Kopf zu verlassen. „Große Güter wurden danach verstaatlicht“, erzählt Katarzyna Hutny. So auch das Gut Kamnitz, das in der Folge von einem genossenschaftlichen Betrieb bewirtschaftet wurde.

Das einst schmucke Herrenhaus diente fortan als schlichtes Arbeiterquartier – ohne fürstliche Wappen, die gewaltsam entfernt wurden. Bis zur „Wende“ Anfang der 1990er-Jahre, in deren Folge die Bewirtschaftung gänzlich eingestellt und das Gut rund 20 Jahre lang dem Verfall preisgegeben wurde. Bis die Hutnys kamen und es für sich entdeckten.

Pläne waren nicht vorhanden

Das Problem war: Es gab so gut wie keine Fotos, Pläne und Zeichnungen“, schildert die heutige Schlossherrin. Nach intensiver Internetrecherche wurde sie jedoch schon wenig später fündig – und zwar in Köln, der heutigen Heimat von Erwin von Seherr-Thoss. Konnte – und vor allem wollte – der Nachfahre der letzten deutschen Schlossbesitzer beim Wiederaufbau helfen?

Er tat es, und zwar mit einigen alten Schwarzweiß-Aufnahmen des einstigen Familiensitzes. Diese „Blaupausen“ werteten die Hutnys in den folgenden Monaten akribisch aus, schließlich sollte das Anwesen so originalgetreu wie möglich instand gesetzt werden.

Traditionelle Gusstechnik 

Als es endlich losging, wurde zunächst der alte Putz entfernt. „Dadurch entdeckten wir einen Grundstein aus dem Jahr 1780, der heute an einer der Ecken des Gebäudes zu sehen ist“, so die Eignerin. „Die Stuckarbeiten waren größtenteils nicht mehr vorhanden. Und das, was noch da war, konnte nicht mehr renoviert werden.“ Entsprechend wurden neue Formen angefertigt und mit Spezialgips neue Elemente gegossen.

„Sämtliche Simse und Pilaster wurden mit traditionellen Techniken angefertigt“, betont Hutny. „Es kam der Tag, an dem über die Farbe der Fassade zu entscheiden war. Der Konservator und ich entschieden uns für Grau, mit weißen Stuckarbeiten, Fensterumrahmungen und Pilastern. Die Südfassade wurde in sechs Grauabtönungen gestrichen, und wir haben mehrere Stunden gebraucht, die passenden auszuwählen.“

Langweilig wird es nicht

Mittlerweile strahlt das Herrenhaus in neuem Glanz. 200 Jahre alte Fichtenböden, Bodenfliesen aus dem 19. Jahrhundert, dezente Farben und neues, stilechtes Mobiliar ohne überladenen Goldschmuck verströmen einen Hauch gutsherrlicher Gemütlichkeit in ruhiger Panoramalandschaft.

Zehn gemütliche Gästezimmer haben die Hutnys eingerichtet. Etwa noch einmal so viele entstehen aktuell in den ehemaligen Stallungen. Ob sich ein Besuch im „Glatzer Kessel“ nicht nur des kleinen Schlosses wegen lohnt? „Natürlich! Man kann hier Monate bleiben und hat noch nicht alles gesehen“, lacht Katarzyna Hutny.

Alles, was das Herz begehrt  

Und damit hat sie wohl recht. Lieber Wandern im Sommer oder Skifahren im Winter? Mit dem Mountainbike durch die Natur oder mit dem Schlauchboot die Glatzer Neiße erkunden? Und wie wäre es mit dem Besuch einer der zahlreichen Burgen und Bergwerke in der Region, in deren Minen übrigens schon vor rund 1000 Jahren nach Gold gesucht wurde?

Nicht zu vergessen natürlich das quirlige Stadtleben in der Oder-Metropole Breslau, für deren Erkundung besser gleich mehrere Tage eingeplant werden sollten. Bröckelnde Fassaden und löchrige Dächer übrigens so gut wie ausgeschlossen: Wie das Haus Kamnitz, so präsentiert sich die prächtige Kulisse rund um den berühmten Marktplatz „Rynek“ gleichfalls in frischen Farben.

Information

Lufthansa fliegt vom Flughafen Münster-Osnabrück via Frankfurt nach Breslau. Mit dem Auto sind es aus dem Münsterland nach Breslau rund 800 Kilometer. Zur Einreise reicht der Personalausweis. Polen ist Mitglied der EU, aber nicht der Euro-Zone. Währung ist der polnische Zloty. Der Wechselkurs entspricht etwa 4,20 Zloty für einen Euro. Ein Doppelzimmer im rund 90 Kilometer von Breslau entfernten „Palac Kamieniec“ kostet inklusive Frühstück etwa 80 Euro. Breslau ist ganzjährig ein Ziel für Städteurlauber. In Niederschlesien und im Glatzer Bergland warten in der Wintersaison Sessellifte und Skipisten, während die Region im Sommer ein Paradies für Wanderer, Fahrradtouristen und Naturliebhaber ist. www.polen.travel/de

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