Schulen
SPD: «Das frierende Klassenzimmer» ist kein Corona-Konzept

Schulministerin Gebauer managt die Corona-Krise aus Sicht der SPD mit rheinischer Zuversicht: «Et hätt noch immer jot jejange». Dafür erteilt die Opposition ihr die Note «ungenügend». Schulleiter fragen, wann neben Händewaschen und Lüften noch Zeit für Unterricht ist.

Donnerstag, 22.10.2020, 15:11 Uhr aktualisiert: 22.10.2020, 15:22 Uhr
Jochen Ott (SPD) spricht im Landtag.
Jochen Ott (SPD) spricht im Landtag. Foto: Federico Gambarini

Düsseldorf (dpa/lnw) - Die Schulen sind aus Sicht der SPD-Opposition in Nordrhein Westfalen nach den Herbstferien keineswegs ausreichend gegen die grassierende Corona-Infektionsgefahr geschützt. Maskenpflicht im Unterricht, unpraktikable Anweisungen zum Lüften und ein bürokratisches Luftfilter-Förderprogramm reichten nicht, kritisierte der Schulexperte der SPD-Landtagsfraktion, Jochen Ott, am Donnerstag in Düsseldorf.

Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) setze mit ihren merkwürdigen Stoß- und Querlüftungsvorgaben in der Herbst- und Wintersaison auf «das frierende Klassenzimmer». Rückmeldungen aus der Lehrer- und Elternschaft zeigten in seltener Einigkeit: «Decken im Klassenzimmer verteilen - kann man machen, ist aber kein Konzept». Gebauer verfolge allenfalls «ein rheinisches Konzept» frei nach dem Motto: «Et hätt noch immer jot jejange».

Auch die Schulleitungsvereinigung NRW urteilte: «zu kurz gegriffen und letztlich unverantwortlich». Mindestabstände, die überall als Standardschutz kommuniziert würden, seien in Schulen nicht einzuhalten, da Möglichkeiten zur Aufteilung der Gruppen nicht eingeräumt würden.

Die Landeselternschaft der Gymnasien äußerte sich empört: «Zwiebellook, Stoßlüften, Maskenpflicht zum Ende der Herbstferien – man hätte es vor einem Jahr nicht für möglich gehalten, was einem hoch bezahlten Ministerium so alles an Banalem einfällt.» Ebenso wie die SPD fordert die Elternschaft einen Schul-Gipfel mit Vertretern aller am Schulleben beteiligten Seiten.

Ab 35 Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen seien eine Verkleinerung der Klassen und ein rollierendes Schichtsystem im Unterricht unabdingbar, forderte Ott. Dafür ließen sich systematisch außerschulische Lernorte einbinden - etwa in Kooperation mit Jugendeinrichtungen oder der Kirche. In der Ausnahmesituation könnten Lehramtsstudierende im Praxissemester sowie Akteure aus der Jugendhilfe und Kultur rekrutiert werden, schlug er vor.

Die Schulministerin halte stattdessen stoisch an Lehrplänen und Regelabschlüssen fest. «Man will Normalität um jeden Preis.» Einen Plan B für noch schlimmere Infektionslagen gebe es nicht. Genau dieses Defizit werde dann aber zu Schulschließungen führen, prognostizierte Ott.

Das vom Schulministerium empfohlene Querlüften sei nicht umsetzbar, da kaum ein Klassenzimmer gegenüberliegende Fenster habe. Querlüften mit offener Tür verstoße wiederum gegen Brandschutzauflagen. Das in Aussicht gestellte 50-Millionen-Euro-Programm für mobile Luftreinigungsgeräte werde kurzfristig niemandem helfen, bemängelte Ott.

Laut Rückmeldung vieler Schulträger seien bisherige Förderprogramme - etwa auch zur digitalen Ausstattung - oft mit bürokratischen Schikanen verbunden gewesen, berichtete der Oppositionspolitiker. Das lasse erwarten: «Bis Dezember ist noch gar nichts bestellt.» Das Land solle die Geräte besser zentral anschaffen und zuerst den Schulen zur Verfügung stellen, die sie am dringendsten benötigten, langfristig aber allen.

Auch die Schulleitungsvereinigung betonte, der Schulbetrieb in Coronazeiten laufe keineswegs normal. Wenn alle Vorgaben zur Handhygiene und zum Lüften eingehalten würden, ergebe sich folgendes Zeitbudget für eine Unterrichtsstunde: «10 Minuten Händewaschen an einem Waschbecken, falls vorhanden, 15 Minuten Unterricht, 5 Minuten Lüften, maximal 15 Minuten Restunterrichtszeit.»

Die SPD forderte eine Ausweitung des digitalen Unterrichts für die Sekundarstufe II bei garantierten Kernunterrichtszeiten in der Schule bis Klasse acht, Sonderfahrpläne für Schulbusse und die landesweite Einstellung von Schulaktivitäten mit höherem Infektionsrisiko, wie Chor, Blasorchester, Kontaktsportarten, Klassenfahrten.

Hier wünschten sich Lehrer wie Eltern zentrale Vorgaben, stellte Ott fest. «Sonst gibt es vor Ort immer nur Streit.» Trotz rasant steigender Infektionszahlen und Reisewarnungen selbst der Bundeskanzlerin bleibt es in NRW weiterhin den Schulen überlassen, Klassenfahrten, auch ins Ausland, anzubieten. Jetzt liege das Storno-Risiko allerdings bei den Schulen, hatte Gebauer am Mittwoch erklärt. Das Land habe zuvor bereits weit über 30 Millionen Euro an Stornokosten für schulische Klassenfahrten in der Corona-Krise übernommen.

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