Friedrich Bock und der Otto-Hahn-Park
Zweite Vertreibung aus dem Paradies?

Saerbeck -

Vor fast zwanzig Jahren mietete Friedrich Bock in Westladbergen ein Haus mit einem großen Grundstück, um dort ein in Münster verlorenes Garten-Paradies wiederaufzubauen. Doch auch diesen Garten droht Bock - genau wie einst in Münster - zu verlieren.

Dienstag, 04.05.2021, 11:00 Uhr
Im Gegensatz zum originalen Otto-Hahn-Park sind viele Tiere, die jetzt in Bocks Garten leben, aus Plastik.
Im Gegensatz zum originalen Otto-Hahn-Park sind viele Tiere, die jetzt in Bocks Garten leben, aus Plastik. Foto: Hans Lüttmann

Was für ein Glück, dass dieser Bock zum Gärtner wurde. Und was hat er nicht schon alles auf dem Weg dorthin versucht, gelernt, genossen und – auch das: erlitten, um jetzt, mit 82 Jahren, zum zweiten Mal aus dem Paradies vertrieben zu werden. Vielleicht muss es so weit ja doch nicht kommen, aber Friedrich Bock hat schon erlebt, wie große Träume völlig unerwartet platzen können.

Der Lebensweg des in Münster geborenen Saerbeckers hat etliche Wendungen genommen, bis Friedrich Bock schließlich 1973 den Höhe- und 1994 Schlusspunkt seiner beruflichen Laufbahn fand, als er Fahrer des Kanzlers der Uni Münster wurde, den er so viele Jahre lang durch die universitäre Weltgeschichte chauffierte. „Alleine darüber könnte ich ein dickes Buch schreiben.“

Das hat er bis heute nicht gemacht, weil ihm ausgerechnet ein trister Parkplatz die wohl genialste Idee seines Lebens schenkte und Friedrich Bock 1975 zum Einzelkämpfer für die Umwelt machte: Hinter den Garagen der Uni, zwischen Rechenzentrum und Heizkraftwerk, sollte ein 10 000 Quadratmeter großer Parkplatz entstehen. „Ich konnte doch nicht mitansehen, wie noch mehr Land zubetoniert wird,“ redete er dem Kanzler zu, der ihm tatsächlich die Genehmigung erteilte, dort stattdessen ein Stück Natur entstehen zu lassen. Dafür kaufte Friedrich Bock Geräte, grub und pflanzte, baute Teiche, einen Wasserfall, schuf ein Feuchtbiotop und umzäunte Gehege, in denen sich zum Schluss wohl 300 Tiere wohlfühlten. Und Menschen auch, die an manchen Tagen zu Hunderten das Gartenparadies besuchten, dem Bock den Namen Otto-Hahn-Park gab. (Nicht zu Ehren des berühmten Kernphysikers, sondern wegen eines besonders anhänglichen Hahns, der auf den Namen Otto hörte.)

So beliebt der kleine Privat-Zoo dann auch wurde, Umweltpreise bekam, etliche Berichte in Zeitungen, Magazinen und dem Fernsehen wert war – als die Uni wenige Jahre später das Gelände brauchte, war unvermittelt Schluss. Die Westfälischen Nachrichten titelten: „Otto-Hahn-Park: Ein Idyll unter der Säge“. Für Friedrich Bock verschwand damit ein Herzstück seines Lebens, ein Sehnsuchtsort, in den er unermüdliche Arbeit, Schöpferkraft und fast 100 000 Mark gesteckt hatte. Die Tiere schenkte er dem Zoo, erlitt am selben Tag einen Nervenzusammenbruch und konnte fortan nicht mehr arbeiten.

Vor fast zwanzig Jahren, er hatte sich einigermaßen wieder erholt, mietete er in Westladbergen ein Haus mit einem großen Grundstück, auf dem er das verlorene Paradies wiederaufbaute. Lange nicht so groß wie das in Münster, mit mehr Kunststoff- als mit Lebendtieren, aber dennoch so idyllisch, dass es den Namen „Otto-Hahn-Park 2“ verdiente. Und ihm nun, befürchten er und seine Frau, den zweiten Nervenzusammenbruch bescheren könnte, denn der Vermieter hat ihm jetzt gekündigt. „Nach 18 Jahren. Eigenbedarf. Im September müssen wir raus.“

Aber Friedrich Bock gibt so schnell nicht auf, das hat er nie getan und blättert zum Beweis für seine Entschlossenheit auf dem Wohnzimmertisch die anderen Seiten seines ereignisreichen Lebens auf: Urkunden, Zeugnisse, Bücher, Zeitungsartikel über seine sportlichen Erfolge (100 Meter in 11 Sekunden), musikalischen Meriten, seine Leistungen als Fischzüchter, Fotograf, Tänzer und Koch und seine künstlerische Schaffenskraft, der weit über 500 Ölgemälde zu verdanken sind.

Friedrich Bocks Blumenbilder, seine kopierten „Mona Lisa“ und der „Mann mit dem Goldhelm“ sind zwar längst Vergangenheit; Bocks Garten aber lebt.

Und sein Besitzer wünscht und hofft, dass sein kleines Paradies in diesem Frühling doch nicht zum letzten Mal aufblühen wird.

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