Kreis Coesfeld
„Er war mein erwachsener Freund“

Kreis Coesfeld. Sie lächelt, in der Mimik ihres Gesichts, das auf einer großen Leinwand bei dem Gespräch in Dülmen via Skype übertragen wird, deutet nichts darauf hin, dass sie entsetzliche seelische und körperliche Schmerzen erlitt. Sandra Norak ist als 16-jährige Schülerin an einen Loverboy geraten. Sie war in einer Lebenskrise, er hat ihr zugehört, sie lernte ihn im Internet kennen. Er war 20 Jahre älter, sie war anfangs skeptisch, aber er wurde „ein erwachsener Freund für mich“. Sie ahnte nicht, dass er sie nur emotional von sich abhängig und zu seinem Besitz machen wollte – und sie in die Prostitution zwingen würde.

Freitag, 16.11.2018, 09:10 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 15.11.2018, 21:08 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 16.11.2018, 09:10 Uhr
Kreis Coesfeld: „Er war mein erwachsener Freund“
Sandra Norak wurde über Skype in Dülmen zugeschaltet. Sie gehört zu den wenigen Loverboy-Opfern, die sich trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Foto: Viola ter Horst

Ihr Name Sandra Norak ist ein Pseudonym und ihren Wohnort nennt sie nicht, aber ihr Gesicht zeigt sie. Sie gehört zu den wenigen Loverboy-Opfern, die sich überhaupt trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Etwa 100 Interessierte kamen ins Forum Bendix nach Dülmen, der Saal war voll. Eingeladen zu der Veranstaltung „Verliebt – verführt – prostituiert“ hatte der Runde Tisch gegen Gewalt an Mädchen und Frauen des Kreises Coesfeld gemeinsam mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Marc Henrichmann aus Havixbeck. „Unser Ziel, über ein kaum bekanntes Phänomen zu informieren und wachzurütteln, haben wir erreicht“, bilanzierte er. Zu Wort kamen neben Sandra Norak Vertreterinnen von Hilfsorganisationen und Kriminalbeamte aus dem Kreis Coesfeld.

Es dauerte sechs Jahre, bis sich Sandra Norak befreien konnte. „Es war ein langer Prozess“, sagte sie in Dülmen. Heute studiert sie Jura. „Ich möchte, dass sich etwas verändert.“

Loverboys – das Wort hört sich fast harmlos an. „Aber sie sind noch viel schlimmer als Zuhälter“, erklärte die pensionierte Kriminalbeamtin Bärbel Kannemann in ihrem Vortrag, die 2013 den Verein „NO Loverboys“ gegründet hatte. „Die Mädchen müssen ihnen alles geben.“

Bestürzung im Saal in Dülmen über die perfiden Methoden. Wie grausam die Kriminellen die jungen Frauen unter Druck setzen, sie vergewaltigen. Kannemann berichtete über Tattoos am Handgelenk oder über der Brust, mit denen Mädchen gebrandmarkt würden. „Sie gehören ihrem Loverboy.“

Die frühere Kriminalbeamtin arbeitete eine Zeitlang in Holland, wo sie zum ersten Mal von den grausamen Machenschaften der Loverboys erfuhr. Sie erlebte in einer Vermissten-Sendung eine Mutter, die ihre Tochter an einen Loverboy verloren hatte. Es ließ sie nicht mehr los. Sie baute eine Webseite und den Verein auf, um auch deutschen Mädchen eine Anlaufstelle zu bieten. Nüchtern beschrieb sie die perfiden Methoden der Loverboys. „Die Opfer stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten“, erklärte sie. Zahlen? „Es gibt keine.“ Aber sie habe an ungefähr 200 Schulen Vorträge gehalten. „Bis auf zwei Schulen gab es an allen Betroffene.“ Selbst im kleinen Isselburg mit gut 11 000 Einwohnern im Nachbarkreis Borken hätten sich mehrere betroffene Mädchen bei ihr gemeldet. „Wir müssen unbedingt weiter aufklären.“ Kannemann fordert, dass das Thema in Schulen mehr Aufmerksamkeit findet, so wie in Holland, wo es Pflicht sei, das Thema im Unterricht mit einer bestimmten Stundenzahl zu behandeln.

Die Berichte gingen unter die Haut, selbst bei den erfahrenen Kripobeamten Ulrike Twiehoff und Guido Prause von der Kreispolizei Coesfeld. Vor dem Amtsgericht Lüdinghausen wurde erst vor kurzem ein Fall abgeschlossen. Betroffen war eine 15-Jährige. Ein Fall, „der auch uns an unsere Grenzen bringt“, sagte Prause.

Sandra Norak berichtete, dass sie ihren Loverboy selbst dann nicht verriet, als eines Tages Polizisten vor der Tür standen. „Der Druck war zu hoch.“ Die Angst, aus dem Fenster gestoßen zu werden. Niemand hätte ihr da geholfen. „Ich wäre tot gewesen, wenn ich etwas gesagt hätte.“

Norak fordert schärfere Gesetze. Und spricht auch auf die Freier an. „Niemand redet über diejenigen, die das Elend kaufen.“ Dabei bemerkten viele Freier sehr wohl, dass etwas im Argen sei und die Mädchen nicht freiwillig dabei seien. „Zur Polizei geht aber nur ganz selten einer.“

- Sandra Norak hat einen Blog: mylifeinprostitution.wordpress.com

- Hilfe gibt es bei www.no-loverboys.de; bei frauen e.V. Coesfeld, Tel. 02541/970620; bei Tamar Münsterland, Tel. 02921/371244.

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