30 Jahre Wiedervereinigung – Ausstellung im Kreishaus
Mit Tränen durchs Brandenburger Tor

Kreis Coesfeld. Ex-Landtagsabgeordneter Werner Jostmeier aus Dülmen kann sich noch gut erinnern, wie das damals war. Bahnhof Friedrichstraße in Berlin, der Grenzübergang zur DDR. Die bohrenden Blicke der Kontrolleure. Wie er gefilzt wurde. Und dann 1989, nach dem Mauerfall, als er das erste Mal durchs Brandenburger Tor ging. Das war für den Dülmener so ergreifend, „dass ich geweint habe“, erzählt er. Loslassen sollte ihn die ehemalige DDR lange nicht, denn Jostmeier war dabei, als es darum ging, Partnerschaften zwischen dem Kreis Coesfeld und Neuruppin aufzubauen.

Donnerstag, 22.10.2020, 07:03 Uhr aktualisiert: 22.10.2020, 07:10 Uhr
30 Jahre Wiedervereinigung – Ausstellung im Kreishaus: Mit Tränen durchs Brandenburger Tor
Eröffnen die Ausstellung: v.l. Marc Henrichmann, Werner Jostmeier, Christian Schulze Pellengahr, Melanie Schramm, Enrico Zanirato. Foto: Viola ter Horst

30 Jahre Wiedervereinigung – eigentlich hatte der Kreis Coesfeld einen größeren Festakt aus diesem Anlass geplant. „Der ist aber wegen der Coronasituation ausgefallen“, bedauert Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr. Als kleine Entschädigung gibt es im Kreishaus in Coesfeld die Ausstellung „Umbruch Ost. Lebenswelten im Wandel“. Sie wirft Schlaglichter auf 30 Jahre deutsche Einheit. Im Zentrum stehen dabei die Erfahrungen der Ostdeutschen. Auf 23 Tafeln mit Bildern und Texten werden die Erwartungen und das Vertrauen thematisiert, das sie mit der Wiedervereinigung verbunden haben. Zeitzeugeninterviews des NDR können über QR-Codes abgerufen werden. Ergänzt wird die Ausstellung um Schautafeln, die die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Kreisen Coesfeld und Neuruppin seit der Wiedervereinigung thematisiert.

Die Ausstellung zeigt persönliche Erfahrungen und auch Konflikte, die sich ergeben haben. Ein Thema, „das wir nicht unter den Teppich kehren dürfen“, ist CDU-Bundestagsabgeordneter Marc Henrichmann überzeugt. Wie interessiert Menschen gerade an persönlichen Lebensgeschichten sind, habe er am 3. Oktober erlebt, als er nach Lüdinghausen zu einer Filmvorführung mit Zeitzeugengespräch eingeladen hatte.

Neuanfänge, Aufbrüche, die Frage nach der Anerkennung der Bildungswege: Davon können Melanie Schramm und Kreistagsmitglied Enrico Zanirato ein Lied singen, die im Pressegespräch zur Ausstellungseröffnung Einblicke in ihre Biografien gaben. Schramm ist in der Kreisverwaltung beschäftigt, aber als die Mauer fiel, war sie „Krippenerzieherin“. Ein Beruf, den es im Westen gar nicht gab, wie sie schnell feststellen musste. Sie wuchs in einem kleinen Ort im Spreewald auf und war gerade in der Disco, als die Mauer fiel. Ein langer Weg folgte, von der Einzelhandelskauffrau über die Verpflichtung bei der Bundeswehr bis zur Ausbildung bei der Stadt Steinfurt und ihrer jetzigen Tätigkeit beim Kreis. „In der DDR gab es nicht viele Möglichkeiten““, sagt sie. Hätte die Wende nicht stattgefunden, „wäre ich wahrscheinlich immer noch Krippenerzieherin“.

Viele Steine im Weg lagen für FDP-Kreistagsmitglied Enrico Zanirato, bis er im Westen bei der Polizei anfangen konnte. Als Jugendlicher war er beim Personenschutz im Ministerium für Staatssicherheit tätig, für 18 Monate, bis die Wende kam. Was alles bei der Stasi lief, die ganzen Abhöraktionen, davon erfuhr er erst später, berichtete er. „Wir durften nur das wissen, wofür wir eingesetzt waren.“ Beruflich nach der Wende neu Fuß zu fassen, war schwer für ihn. Irgendwann hatte er Glück, „ich habe eine Chance bekommen“. Und die konnte er ergreifen, als auch bei der Überprüfung seiner Vergangenheit nichts zu beanstanden war.

Die richtigen Konstellationen zur richtigen Zeit – für Jostmeier ein entscheidendes Kriterium, warum die Wende passieren konnte. „Man stelle sich vor, damals wären Trump und Putin an der Macht gewesen.“

Einen unvoreingenommenen Diskurs über die Zeitgeschichte der deutschen Einheit nach 1990, der Klischees hinterfragt, will auch die Ausstellung „Umbruch Ost“ im Kreishaus anregen.

Die Ausstellung ruft die innerdeutsche Solidarität und Hilfsbereitschaft in Erinnerung, die die Anfangszeit prägten. Aber auch die Verzweiflung, die mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch einherging. Die Verlusterfahrungen und Ängste. Die Sanierung von ostdeutschen Städten, zugleich die Situation der Familien und eine Jugendkultur zwischen Techno, Punk und Rechtsradikalismus.

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