Auf der Suche nach der Teilhabe für Menschen mit Behinderung
Der Wunsch nach Besuch von Politikern

Kreis Coesfeld.. „Wir brauchen ein neues Selbstbewusstsein und ein anderes Selbstverständnis.“ Dies ist ein Resümee aus der Auftaktveranstaltung „Mitbestimmen. Mitmachen. Sich beteiligen.“, organisiert von der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe NRW e. V..

Donnerstag, 03.09.2020, 08:00 Uhr
Auf der Suche nach der Teilhabe für Menschen mit Behinderung: Der Wunsch nach Besuch von Politikern
Markus Sonntag äußert einen einfachen Wunsch: „Politiker zu Besuch in seiner Wohnstätte“, um so Distanz zu jungen Betroffenen abzubauen und eine Zeichen zu setzen. Foto: Hartmut Levermann

Die Kreisarbeitsgemeinschaft - Interessenvertretung - Coesfeld der Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung, chronisch Erkrankten und ihrer Angehöriger (KICS) besteht seit 2004. Fünf Jahre vor der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Bundesregierung hatte sich das ehrenamtliche Bündnis von Betroffenen auf den Weg gemacht. Es wirkte als Berater mit Anhörungsrecht auf der Kreisebene. Ein Beispiel des Wirkens ist die Beachtung der Barrierefreiheit beim Umbau der Burg Vischering. Dem Ort, an dem sich am Montagabend die rund 40 Teilnehmer treffen, um Ideen für eine neue Interessenvertretung zu sammeln.

Denn die Arbeit der KICS ist peu à peu in eine Ruhephase eingetreten. Ein Grund dafür: Es fehlen neue Leute, die dieses Engagement übernehmen wollen. Ein Urgestein der Interessenvertretung ist unter den Anwesenden: Heinz Rütering. Aus seinem Erfahrungsschatz berichtet der als Teilhabebeauftragte in Nottuln Aktive: „Es sind die kleinen Dinge, die beachtet werden müssen und auf die der Beirat Politik deutlich aufmerksam machen muss.“ Der sehbehinderte und verrentete Ingenieur will eine Struktur mit Vielfalt. So können die Anforderungen verschiedener Handicaps bei kommunalen Planungen Berücksichtigung finden. Dazu braucht es den Fingerzeig und Teilnahme der Betroffenen. Ein wichtiger Kern bei der Teilhabe, der sich auch als Ergebnis aus dem Workshop wiederfindet: „Mehr Kommunikation auch in die Öffentlichkeit“. Rütering greift noch einen Aspekt heraus: „Viele wollen mitmachen, können es aber nicht.“ Die Hinderungsgründe sind Zeitmanagement von beruflich Tätigen oder fehlende Anfahrtsmöglichkeiten zum Beratungsort.

In der Diskussion fällt oft der Begriff Inklusion. Ein mächtiges Wort, das eine gesellschaftliche Umdenke erfordert. Für den Ascheberger CDU-Mann Ludger Wobbe ist der Blick in der Öffentlichkeit noch zu sehr auf die Bildungseinrichtungen fokussiert. Ein Dilemma, das mithilfe von Kommunikation und Information beseitigt werden muss.

Eine Distanz zwischen Politik und jungen Betroffenen sieht Markus Sonntag. Er lebt in einer Einrichtung für betreutes Wohnen in Lüdinghausen und ist Mitglied des Bewohnerbeirat. Der junge Mann spricht eine Einladung aus: „Ich wünsche mir, dass die Politiker unser Haus besuchen und wir uns so näher kommen.“

Warum ausgerechnet jetzt vor der Wahl eine Auftaktveranstaltung zur Teilhabe komme, lautet die Frage eines Teilnehmers. Der amtierende Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr will die Zeit vor der Kommunalwahl nutzen, um rechtzeitig wichtige Weichen zu stellen. Nach der konstituierenden Sitzung des Kreistages bilden sich die Gremien neu. Es sei dann ein idealer Zeitpunkt, ein Konzept zur Beteiligung von Menschen mit Handicaps als Grundlage vorlegen zu können. Auf keinen Fall will Schulze Pellengahr den Eindruck erwecken, dass die Verwaltung den örtlichen Kommunen etwas überstülpen will. „Es muss von unten heraus erwachsen“, hoffte der Landrat auf reichlich Beteiligung von Betroffenen und ihren Angehörigen. Der Gegenkandidat Hermann-Josef Vogt (SPD) spricht sich für einen ehrenamtlichen Beirat aus, der von einer hauptamtlichen Stelle im Kreis flankiert wird. Sie wäre ein fester Ansprechpartner und übernähme Vermittlerrolle. Denn eine Integration sei in politischen Strukturen nicht angekommen, so seine Auffassung. Ein Vorzeigeprojekt ist die Gemeinde Senden, die eine feste Inklusionsstelle installiert hat.

0 Fürs nördliche Kreisgebiet findet eine weitere Diskussion in Coesfeld am 3. September statt, 17.15 Uhr, St.-Pius-Gymnasium. Anmeldungen beim Kreis, Tel. 02541/ 185303.

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