Kreis Coesfeld
Keine Fachstelle gegen Gewalt an Kindern

Kreis Coesfeld. Keine Beratungsstelle vom Deutschen Kinderschutzbund im Kreis Coesfeld: Der Jugendhilfeausschuss lehnte den Antrag des Kreisverbands der bekannten Kinderschutzorganisation nach längerer Diskussion mehrheitlich ab. Der Kinderschutzbund wollte in allen elf Städten und Gemeinden des Kreises Coesfeld Beratungsangebote für Kinder und Jugendliche, die von Gewalt betroffen sind, einrichten. Rund 116 600 Euro Unterstützung vom Kreis und den beiden Jugendämtern Coesfeld und Dülmen wären für das Angebot inklusive Personalkosten jährlich notwendig. „Wir möchten ein sehr niedrigschwelliges Angebot, das sich an alle Kinder und Jugendliche im Kreis Coesfeld richtet“, verdeutlichte Geschäftsführerin Uta Kerckhoff im Ausschuss bei der Vorstellung des geplanten Projekts (wir berichteten). Nun soll sich, so die Empfehlung des Ausschusses, die Verwaltung mit den vorhandenen Fachstellen und Akteuren weiter zum Thema Gewalt an Kindern und Jugendtlichen vernetzen. Dabei soll geklärt werden, ob das Angebot ausreicht und wie es weiterentwickelt werden könnte. Der Kinderschutzbund soll einbezogen werden. „Es muss mehr Aufmerksamkeit insgesamt entstehen“, meinte Jens Wortmann vom Kreissportbund als Trägervertreter, der den Vorschlag zur weiteren Vernetzung machte. Zum Gewaltthema seien alle, insbesondere das Ehrenamt, gefordert. „Am Geld darf es jedenfalls nicht scheitern.“

Mittwoch, 11.09.2019, 11:00 Uhr

Schon vor zwei Jahren lehnte die Politik einen Antrag auf die Finanzierung einer Beratungsstelle des Kinderschutzbunds ab. Auch jetzt wieder lautete die Begründung der Kreisverwaltung, dass bereits genügend Angebote existierten. Eine Befragung von 294 im Kreis Coesfeld tätigen Fachkräften hatte 2017 ergeben, dass es mit Angeboten wie den Erziehungsberatungsstellen, der DRK Kinderschutzambulanz, Frauen e.V., und Zartbitter, Jugendämtern und Schulsozialarbeitern im Kreis Coesfeld eine gut ausgebaute Infrastruktur gebe.

Die Aussagekraft der Befragung stellte Kerckhoff aber entschieden in Frage. „Sie lässt keine Rückschlüsse auf den Bedarf an Angeboten für Kinder zu, die Gewalt erlebt haben.“ Denn die Frage habe sich auf generelle Probleme von Kindern bezogen und sei nicht im Zusammenhang speziell mit Gewalt und sexueller Gewalt gestellt worden. Und: „Fragen Sie doch mal die Kinder, ob die wissen, wohin sie gehen können.“ Dezernent Detlef Schütt erläuterte, dass nicht nur die Umfrage, sondern auch die Rückmeldungen der Facheinrichtungen im Kreis zu dem Fazit geführt hätten.

Die SPD, die vor zwei Jahren eine Beratung noch abgelehnt hatte, war von dem neuen Konzept überzeugt, das unter der ebenfalls neuen Führung des Kreis-Kinderschutzbunds erarbeitet wurde. „Es ist ein schlüssiges Konzept, das wir gerne unterstützen wollen“, betonte Margarete Schäpers. „Für ein Kind ist der Kinderschutzbund die richtige Adresse.“ Auch wenn, wie sie betonte, alle anderen Aktiven sehr gute Arbeit leisteten. „Niemand zweifelt das an“, so Schäpers. „Aber wir sollten doch froh sein über so ein Angebot und die Chance nutzen, um Missbrauch zu verhindern.“ Schließlich gehe es darum, Vorsorge zu betreiben, um nicht so etwas wie den Missbrauchsfall Lügde im Kreis Coesfeld zu erleben.

Auch die Grünen stimmten für den Antrag. „Das Thema ist mit viel Scham und Angst verbunden. Wir können einen zusätzlichen Player gut gebrauchen, der sehr niederschwellig vorgeht“, sagte Wolfgang Dropmann. Enrico Zanirato (FDP) meinte, dass ein Kind nicht automatisch zum Kinderschutzbund gehe, nur weil die Organisation so heiße. Er könne die Frage nicht beantworten, inwieweit noch mehr getan werden müsse und enthielt sich.

„Wir haben den Eindruck, man will den Kinderschutzbund gar nicht“, kritisierte Dropmann von den Grünen in Richtung Verwaltung. Das wollte Dezernent Schütt so stehen lassen. „Der Verwaltung vorzuwerfen, dass sie nicht neutral sei, ist eine Frechheit.“

Ralf Danielczyk (CDU) warnte davor, den Fall Lügde zu instrumentalisieren. „Unsere Aufgabe ist es, nicht reflexartig, sondern mit Sorgfalt zu handeln.“

Michael Neumann von der UWG schlug vor, dass zunächst einmal 20 000 Euro bereit gestellt werden sollten, damit der Kinderschutzbund starten könne. „Sie könnten sich damit schon mal in den Kindergärten, Schulen und anderen Einrichtungen vorstellen“, meinte er. Der Antrag wurde aber abgelehnt.

Im Kreisausschuss am 18. September steht der Antrag noch einmal auf der Tagesordnung, der Kreistag entscheidet dann am 25.9.

- Ein Kommentar zum Thema in unserer Printausgabe. Oder E-Paper-Ausgabe.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6917583?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F819241%2F1324401%2F
Nachrichten-Ticker