Kreis Coesfeld
„Wir wollen eine Lücke schließen“

Kreis Coesfeld. Auf ein Neues: Der Kreisverband des Deutschen Kinderschutzbundes e.V. stellt erneut einen Antrag auf Finanzierung einer Fachstelle gegen Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Kreis Coesfeld. Nach der Sommerpause wird darüber in den Jugendhilfeausschüssen des Kreises Coesfeld sowie der Städte Dülmen und Coesfeld beraten.

Freitag, 16.08.2019, 11:00 Uhr
Kreis Coesfeld: „Wir wollen eine Lücke schließen“
Wollen etwas für Kinder und Jugendliche im Kreis Coesfeld tun, die von Gewalt betroffen sind: Uta Kerckhoff (r.), Geschäftsführerin des Kreisverbands Deutscher Kinderschutzbund und Vorsitzende Antje Klüber. Foto: Viola ter Horst

„Wir wollen eine Brücke bauen zu Kindern und Jugendlichen, die Gewalt erleben“, erklärt Geschäftsführerin Uta Kerckhoff im Pressegespräch. Die Diplom-Pädagogin weiß, wie schwer es betroffenen Kindern und Jugendlichen fällt, Gewalterfahrungen überhaupt zur Sprache zu bringen. „Viele wissen nicht, an wen sie sich überhaupt wenden können“, sagt sie. Der Kinderschutzbund plane von daher, dahin zu gehen, wo Kinder und Jugendliche sowieso sind – in Schulen, Jugendzentren und anderen Einrichtungen. „Wir wollen in allen elf Gemeinden und Städten des Kreises Coesfeld Sprech- und Beratungszeiten anbieten“, so Kerckhoff. Kontakte mit entsprechenden Einrichtungen seien bereits geknüpft. Zusätzlich sollen flexibel weitere Kontaktmöglichkeiten für die Betroffenen angeboten werden. „Das bedeutet Niedrigschwelligkeit in höchster Form“, sagt Kerckhoff. Das Angebot soll sich an Kinder und Jugendliche bis 27 Jahre richten, die von Gewalt betroffen sind oder waren.

Schon vor zwei Jahren hatte der Kinderschutzbund den Antrag eingebracht, eine Fachstelle gegen Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Kreis Coesfeld einzurichten – den der Jugendhilfeausschuss aber ablehnte. Mit dem neuen Konzept hofft die etablierte Einrichtung nun, die Politik überzeugen zu können. „Es gibt auf jeden Fall den Bedarf“, betont die – ebenfalls neue – Geschäftsführerin Uta Kerckhoff. Ob es darum geht, dass ein Kind zu Hause geschlagen wird, es sexuelle Gewalt erfährt, es vernachlässigt wird oder ob es psychische Gewalt erlebt. Oder ob es um Mobbing in der Schule, in sozialen Medien und im Internet geht.

Der Kreisverband des Kinderschutzbunds stellt sich zwei Fachkräfte mit je rund 28 Stunden vor. Jährlich würden Kosten in Höhe von etwa 116 570 Euro entstehen, die auf die drei Jugendämter im Kreis Coesfeld (Kreis, Dülmen, Coesfeld) zu verteilen wären. Dazu kämen einmalige Investitionskosten von 4000 Euro.

„Wir wollen eine Lücke schließen“, betont Vorsitzende Antje Klüber. Die Zahlen seien alarmierend und an niedrigschwelligen Angeboten fehle es im Kreis Coesfeld. „Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs geht davon aus, dass in jedem Klassenzimmer ein bis zwei Kinder sitzen, die sexuell missbraucht werden“, trägt Kerckhoff vor. Zwar gebe es im Kreis Coesfeld bereits einige professionell arbeitende Angebote, aber Betroffene würden von sich aus alleine selten dort hin gehen. „Wir wollen mit unserem Angebot Familien besser, schneller und flächendeckender erreichen.“ Gerade im ländlichen Bereich sei es für Kinder ein Problem, ein Angebot aufzusuchen – allein schon wegen fehlender Mobilität. „Natürlich sind wir vernetzt und arbeiten mit anderen Fachstellen zusammen“, betont Kerckhoff. Unbürokratische Unterstützungsangebote, Begleitung zu Terminen, eine telefonische Beratung und Online-Angebote sowie eine kindgerechte Homepage und Beratungen für Fachkräfte sind weitere Angebote, die der Kinderschutzbund in dem neuen Konzept nennt.

Jeden Tag werden 50 Kinder misshandelt

Diese Zahlen lassen aufhorchen: Fast 50 Kinder werden pro Tag in Deutschland misshandelt oder sexuell missbraucht, wie der Kinderschutzbund vorträgt. Nach einer repräsentativen Studie (Fegert, 2017) gaben 22,5 Prozent der befragten Erwachsenen an, Opfer schwerer körperlicher Vernachlässigung in Kindheit und Jugend gewesen zu sein. Nach der Pisa-Studie (2017) nimmt Mobbing durch Gleichaltrige immer stärker zu: fast jeder sechste 15-Jährige wird regelmäßig Opfer von teils massivem Mobbing an seiner Schule. Nach Angaben des Vereins innocence in danger e. V. sind fast alle Kinder ab 12 Jahren bereits online unterwegs. 23 Prozent der Mädchen und 16 Prozent der Jungen wurden bereits wegen geposteter Fotos gemobbt. Nach der Mikado-Studie haben 728 000 Erwachsene sexuelle Online-Kontakte zu Kindern unter 14 Jahren gehabt.

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