Impfungen im Münsterland
„Impfturbo“ sorgt für Zuversicht

Münsterland -

Die Impfungen gegen das Coronavirus laufen – doch was bisher geschah, war nur der Anfang. Die Zentren im Münsterland bereiten den „Impfturbo“ vor . . .

Freitag, 05.03.2021, 19:14 Uhr aktualisiert: 05.03.2021, 19:41 Uhr
Das Impfzentrum des Kreises Steinfurt ist im Flughafen Münster/Osnabrück eingerichtet.
Das Impfzentrum des Kreises Steinfurt ist im Flughafen Münster/Osnabrück eingerichtet. Foto: Gunnar A. Pier

Der Impfstart in Deutschland war ein Mix aus Pleiten, Pech und Pannen. Von den Debatten über politische Verantwortung und Öffnungsperspektiven übertüncht, wird nun allerdings mit Verzögerung der vielzitierte „Impfturbo“ gezündet : Durch steigende Lieferungen konnte die Zahl der Erstimpfungen in NRW alleine in dieser Woche von 70 000 auf 100 000 pro Woche gesteigert werden – Tendenz steigend.

Ab April genug Impfstoff für Hausarzt-Impfungen

Anfang April soll wöchentlich so viel Impfstoff zur Verfügung stehen, dass es sich lohnt, damit auch flächendeckend in die Hausarztpraxen zu gehen.

Im Münsterland wurden in Impfzentren, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zusammen bis Donnerstag über 90 000 Menschen geimpft. Auf Anfrage unserer Redaktion meldet der Kreis Steinfurt aktuell 22 000, die Stadt Münster knapp 21 100, der Kreis Warendorf 15 500, der Kreis Coesfeld 12 400 und der Kreis Borken 19 800 Erstimpfungen. Damit sind zwischen fünf und sechseinhalb Prozent der Bevölkerung bereits geimpft.

Wer bekommt ab dem 8. März ein impfangebot?

Im Bereich der Kitas sind das nach Angaben des NRW-Familienministeriums 125 500 pädagogische Beschäftigte. Hinzu kommen 26 500 Personen, die zum Beispiel eine hauswirtschaftliche Tätigkeit ausüben oder auch als Kita-Helfer tätig sind. Außerdem gehören landesweit etwa 16 000 Tagesmütter und -väter dazu. Im Bereich der Schulen geht es um die Lehrerinnen und Lehrer sowie weiteres Personal an den Grund- und Förderschulen. Dabei werden auch die OGS-Betreuer einbezogen. Nach Daten des Gesundheitsministeriums sind das 89 000 Menschen. Bei der Polizei kommen zunächst 36 000 Polizisten mit direktem Personenkontakt beginnend mit den Einsatzhundertschaften dran. Das gilt auch für Beschäftigte und Personal der Werkstätten für behinderte Menschen.

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Zuversicht herrscht vor allem mit Blick auf die Impfstoff-Lieferungen für die kommenden Wochen. So erwartet etwa der Kreis Coesfeld in der Kalenderwoche elf 3279 und sieben Tage später bereits weitere 3669 Impfdosen. Werden diese komplett verimpft, steigt die Auslastung des Impfzen­trums in nur einer Woche von 65 auf dann 73 Prozent. Auch in den übrigen Kreisen stehen wöchentlich größere Impfstoffmengen zur Verfügung.

Corona-Impfstoffe im Vergleich

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  • Nach den Präparaten von Biontech/Pfizer und Moderna hat die Europäische Kommission dem schwedisch-britischen Produkt Astrazeneca an diesem Freitag die Genehmigung erteilen. Ein Vergleich.

    Foto: Silvia Izquierdo/AP/dpa
  • Wie sind die Impfstoffe gebaut?

    Die Präparate von Biontech/Pfizer und Moderna sind sogenannte mRNA-Impfstoffe. „m“ steht für messenger (Bote), „RNA“ für Ribonucleic acid (Deutsch: Ribonukleinsäure). Die mRNA ist die Bauanleitung für einen Bestandteil des Covid-19-Erregers und gelangt mit Hilfe winziger Fetttröpfchen in die Körperzellen. Diese stellen dann das Virusprotein her, gegen das der Körper seine Immunantwort entwickelt.


    Astrazenecas Produkt mit dem Wirkstoff AZD1222 hingegen beruht auf der abgeschwächten Version eines Erkältungsvirus von Schimpansen. Es enthält genetisches Material eines Oberflächenproteins, mit dem der Erreger Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt. Auch hier bilden die Zellen mit Hilfe der Bauanleitung das Protein und der Körper entwickelt eine Immunantwort dagegen.

    Foto: Andrew Matthews/PA Wire/dpa
  • Wie gut wirken die Vakzine?

    Das US-Unternehmen Moderna hatte Ende November 2020 mitgeteilt, sein Impfstoff besitze eine Wirksamkeit von 94 Prozent - gemessen 14 Tage nach der zweiten Dosis. Comirnaty, der Impfstoff von Biontech und Pfizer, zeigte eine fast identische Wirksamkeit von 95 Prozent - gemessen sieben Tage nach der zweiten Dosis. Das bedeutet, dass unter den Probanden der geimpften Gruppe 95 Prozent weniger Erkrankungen auftraten als unter denen der Kontrollgruppe.


    Das Mittel von Astrazeneca wies in Studien eine geringere Wirksamkeit von etwa 70 Prozent auf, ist jedoch vergleichsweise leicht zu handhaben. Die EU-Arzneimittelagentur EMA schloss zunächst allerdings nicht aus, dass das Mittel nur für bestimmte Altersgruppen zugelassen wird, da für Ältere erst wenige Testdaten vorlägen. Bei den Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna gibt es hingegen belastbarere Daten zu Senioren. So schützt das Mittel von Biontech einer Studie zufolge ältere Menschen ähnlich gut wie jüngere, bei Moderna liegt die Wirksamkeit etwas unter den genannten 94 Prozent.


    Ob die genannten Zahlen jedoch auch bei einem massenhaften Einsatz der Impfstoffe zu erreichen sind, wird sich erst in einigen Monaten zeigen. Unklar ist auch noch, wie lange der Impfschutz anhält und ob der Geimpfte das Virus noch weitergeben kann.

    Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa
  • Wie oft wird geimpft?

    Hier gibt es große Übereinstimmungen: alle drei Impfstoffe erfordern zwei Wirkstoffgaben. Bei Biontech/Pfizer bekommt der Patient im Abstand von etwa drei Wochen jeweils eine Dosis, beim Produkt von Moderna sind es rund vier, bei Astrazeneca mindestens vier Wochen. Bei beiden Impfungen sollte stets dasselbe Präparat zum Einsatz kommen: „Eine begonnene Impfserie muss mit dem gleichen Impfstoff abgeschlossen werden, auch wenn zwischenzeitlich weitere Impfstoffe zugelassen worden sind“, heißt es beim Robert Koch-Institut (RKI). Bei einem Wechsel des Präparats könne die volle Wirksamkeit derzeit nicht gewährleistet werden, teilte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) mit. Es gebe noch keine entsprechenden Untersuchungen.


    Comirnaty muss vor dem Spritzen mit einer Natriumchlorid-Lösung verdünnt werden. Nach Biontech-Angaben ist der verdünnte Impfstoff maximal sechs Stunden bei 2 bis 30 Grad haltbar. Er könne also bei Bedarf schon im Impfzentrum verdünnt und dann auch als vorbereitete Dosis in der Spritze vorsichtig transportiert werden. Das Produkt von Moderna wird gebrauchsfertig geliefert. Gespritzt wird jeweils in den Oberarm-Muskel. Der Wirkstoff könne für einige Stunden im Muskel bleiben und der Körper habe so Zeit, ihn zu erkennen und darauf zu reagieren, erklärt der Rostocker Virologe Andreas Podbielski.

    Foto: Felix Kästle/dpa
  • Welche Nebenwirkungen gibt es?

    Dem RKI zufolge waren Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit, Kopf- und Gelenkschmerzen sowie Schüttelfrost die nach den bisherigen Impfungen am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen. Im Allgemeinen waren diese aber schwach bis mäßig und klangen nach kurzer Zeit wieder ab. Berichte über schwere unerwünschte Folgen gibt es bei allen drei Vakzinen bisher nicht.


    Die Ständige Impfkommission beim RKI empfiehlt die Impfung auch für Menschen mit Immunschwäche - also zum Beispiel bei HIV-Infektionen, Krebserkrankungen oder nach Organtransplantationen. „Wenngleich Personen mit geschwächtem Immunsystem möglicherweise nicht so gut auf den Impfstoff ansprechen, bestehen keine besonderen Sicherheitsbedenken“, heißt es auch bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA. „Immungeschwächte Personen können trotzdem geimpft werden, da bei ihnen möglicherweise ein höheres Risiko durch Covid-19 besteht.“

    Foto: Felix Kästle/dpa
  • Wer soll nicht geimpft werden?

    Der Biontech/Pfizer-Impfstoff ist für Menschen ab 16 Jahren vorgesehen. Der von Moderna ist ab 18 Jahren gedacht, obwohl das Unternehmen kürzlich damit begonnen hat, seinen Impfstoff bei 12- bis 17-Jährigen zu testen. Über die Wirkung des Astrazeneca-Präparats auf Kinder und Jugendliche ist nach Angaben der britischen Arzneimittelbehörde MRHA bisher nichts bekannt. Eine Impfempfehlung für Kinder ist laut RKI „noch nicht absehbar“. Studien dazu seien jedoch geplant.


    Einigkeit besteht darin, wer nicht geimpft werden soll: Menschen mit einer allergischen Reaktion auf einen der Inhaltsstoffe oder mit schweren allergischen Reaktionen nach einer vorherigen Dosis.

    Foto: Ariel Schalit/AP/dpa
  • Schützen die Impfstoffe auch vor Varianten des Virus?

    Das ist noch nicht abschließend geklärt, allerdings sind die Hersteller Moderna und Biontech/Pfizer zuversichtlich. Erste Tests deuten darauf hin, dass ihre Impfstoffe auch vor den beiden zunächst in Großbritannien und Südafrika nachgewiesenen Mutanten schützen. Allerdings stellten die Unternehmen auch fest, dass Geimpfte gegen die Variante aus Südafrika offenbar eine schwächere Immunantwort aufbauen. Die Hersteller beobachten die Entwicklung sehr genau. Man könne den Impfstoff gegebenenfalls anpassen, teilten Pfizer und Biontech mit. Moderna will unter anderem die Wirkung einer zusätzlichen Auffrischungsdosis testen.

    Foto: Georg Hochmuth/APA/dpa
  • Wie werden die Impfstoffe gelagert?

    Der Impfstoff von Biontech/Pfizer wird bei minus 70 Grad aufbewahrt. Beim Moderna-Impfstoff muss es mit etwa minus 20 Grad Celsius im Vergleich nicht ganz so kalt sein. Ein großer Vorteil bei Astrazeneca ist, dass man das Vakzin bei Kühlschranktemperaturen von zwei bis acht Grad lagern kann.


    Unterschiede gibt es auch nach dem Auftauen: Der Pfizer-Impfstoff kann dann im Kühlschrank gelagert, muss aber innerhalb von fünf Tagen aufgebraucht werden. Der Moderna-Impfstoff ist 30 Tage bei Kühlschranktemperatur und zwölf Stunden bei Raumtemperatur stabil.

    Foto: Eugene Hoshiko/AP/dpa
  • Wie teuer sind die Mittel?

    Die Preise für die neuartigen mRNA-Impfstoffe liegen vermutlich weit höher als bei dem Mittel von Astrazeneca. Die belgische Staatssekretärin Eva De Bleeker hatte die bisher geheim gehaltenen Preise zeitweise auf Twitter veröffentlicht. Demnach kostet eine Dosis des Moderna-Impfstoffs umgerechnet rund 15 Euro, eine von Biontech/Pfizer 12 Euro, eine von Astrazeneca nur 1,78 Euro. Der Tweet wurde später gelöscht.

    Foto: Ennio Leanza/KEYSTONE/dpa
  • Wie viel hat die EU bestellt, wie viel bekommt Deutschland?

    Die EU-Kommission hat mit sechs Herstellern Rahmenverträge über die Lieferung von insgesamt 2,3 Milliarden Impfstoffdosen geschlossen - mehr als genug für die 450 Millionen Europäer. Von Biontech/Pfizer soll die EU bis zu 600 Millionen Dosen bekommen und von Moderna noch einmal 160 Millionen Dosen. Von Astrazeneca erwartete die EU eigentlich 80 Millionen Impfdosen bis Ende März. Dass es nun nach EU-Angaben nur 31 Millionen sein sollen, sorgt derzeit für Streit zwischen Brüssel und dem Hersteller.


    Deutschland hat sich nach Angaben des Gesundheitsministeriums mehr als 90 Millionen Dosen von Biontech gesichert, von Moderna rund 50 Millionen Dosen. Für das Präparat von Astrazeneca sollten es eigentlich rund 56 Millionen aus einer gemeinsamen EU-Bestellung sein.

    Foto: Christian Charisius/dpa

Erfahrungen mit Astrazeneca

Die Erfahrungen mit dem ungeliebten Astrazeneca-Impfstoff sind indes unterschiedlich. Die Kreise Borken und Coesfeld berichten von keinerlei Problemen. „Wir haben eine extrem hohe Auslastung bei den Astrazeneca-Terminen“, sagt auch ein Sprecher der Stadt Münster. Währenddessen schwankt im Impfzentrum des Kreises Warendorf die Auslastung für Astrazeneca-Termine tageweise zwischen 50 und 100 Prozent. Der Kreis Steinfurt berichtet von 67 Prozent vergebener Termine seit Mitte Februar. Allerdings sei die Zahl der Buchungen mit der Öffnung für die Priorisierungsgruppe 2 deutlich gestiegen.

Neue Warteliste im Kreis Borken

Einen neuen Weg im Umgang mit Impfstoffresten geht der Kreis Borken einen neuen Weg. Bislang hat der Kreis im Impfzentrum Velen mit abends übrig gebliebenen, nicht bis zum Folgetag lagerfähige Impfdosen Einsatzkräfte des Rettungsdienstes und Bewohner nahe gelegener Behinderteneinrichtungen geimpft. Ab sofort können im Kreis Borken wohnende impfwillige Menschen in eine  digitale „Rest-Impfdosenbörse“  aufgenommen werden. Aus der Liste werden – wenn Impfdosen übrig bleiben – aus der am höchsten priorisierten Gruppe Personen ausgewählt und dann kontaktiert. Interessierte müssen binnen 30 Minuten im Impfzentrum in Velen sein, teilte der Kreis am Freitag mit.

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Streit um Impf-Vorgaben

Im Kreis Warendorf gibt es unterdessen Zwist über Impfungen in Hausarztpraxen. Der Kreis wollte für die am Montag startende Impfung von Kita-, Schul- und Polizeipersonal „in die Fläche gehen“.

Die Entscheidung der KVWL in Dortmund ist schwer nachvollziehbar.

Warenorfs Landrat Dr. Olaf Gericke

Doch der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe diese dezentrale Lösung torpediert , beklagt Landrat Dr. Olaf Gericke: „Die Entscheidung der KVWL in Dortmund ist schwer nachvollziehbar, zumal mehrere hochmotivierte Praxen vor Ort sofort bereit wären, für zusätzliche Impfkapazitäten zu sorgen.“ Jetzt müssen die Impfwilligen dieser Gruppe, die im Kreis Warendorf arbeiten, einen Termin im Impfzentrum in Ennigerloh vereinbaren. 

Im Kreis Coesfeld sollen die Impfungen nach derzeitiger Planung hingegen durch mobile Teams stattfinden und zentral in einer Schule vorgenommen werden. Das Impfzentrum des Kreises wird dazu eine onlinebasierte Terminbuchung eines regionalen Anbieters freischalten. Auch aus Sicht des Kreises Coesfeld wäre wünschenswert, Impfungen in den Hausarztpraxen vornehmen zu lassen. „Das will aber auch gut vorbereitet sein“, tritt Krisenstabsleiter Ulrich Helmich etwas auf die Bremse.

Der Kreis Borken setzt auf Impfungen durch mobile Impfteams vor Ort in den Konmunen. Diese würden derzeit zusammengestellt und geeignete Impf-Örtlichkeiten festgelegt. Der Kreis rechnet damit, dass zum kommenden Wochenende hin mit den Impfungen begonnen werden kann.

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