Einnahmeverluste
Kliniken vor dem Kollaps

Münster -

Corona bringt viele Kliniken an den Rand des Ruins. Behandlungen werden verschoben, Patienten bleiben aus Angst weg, Ressourcen bleiben ungenutzt. Die Einnahmeverluste gehen in die Millionen, der Ruf nach einem Rettungsschirm wird immer lauter. „Es geht ans Eingemachte“, erklärt der Diözesancaritasverband. Er spricht für 66 Krankenhäuser im Bistum Münster.

Montag, 22.02.2021, 19:55 Uhr aktualisiert: 22.02.2021, 20:10 Uhr
Corona bringt Kliniken oft an die Belastungsgrenze. Das gilt auch für die wirtschaftliche Situation.
Corona bringt Kliniken oft an die Belastungsgrenze. Das gilt auch für die wirtschaftliche Situation. Foto: dpa

Infolge der Corona-Pandemie können immer weniger Kliniken in NRW die anhaltend hohen Erlös­einbußen auffangen und geraten darum mehr und mehr in eine existenzbedrohende Situation. Das hat die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) am Montag mitgeteilt. Danach mussten die rund 345 Häuser im Land allein im Januar ein Einnahmedefizit von rund 370 Millionen Euro hinnehmen. Das entspricht ei­nem Rückgang von rund 20 Prozent. Die Zahlen entsprechen in etwa dem bundesweiten Trend.

Erlöse der Krankenhäuser drastisch gesunken

Die Erlöse sind in der Pandemie so drastisch gesunken, weil die Häuser Ressourcen für Corona-Patienten vorhalten müssen, Routine-Eingriffe vielfach verschoben werden und offensichtlich auch viele Patienten mit leichteren Beschwerden die Kliniken aus Angst vor einer möglichen Infektion meiden. Landesweit beträgt der Belegungsrückgang fast 22 Prozent.

Nach Angaben des Diözesan-Caritasverbandes Münster sind „rund 20 Prozent der insgesamt 66 katholischen Häuser im Bistum Münster in ihrer Existenz bedroht“. Welche Häuser das sind, will der Verband nicht sagen. ­Ihnen fehlten in den ersten vier Wochen dieses Jahres zwischen 35 und 40 Millionen Euro an Einnahmen. „Es geht ans Eingemachte“, sagt Marcus Proff, Referatsleiter Krankenhäuser und Pflegeausbildung.

Video in Kooperation mit dem WDR: Klinik in Lengerich mit Aufnahmestopp – und nebenan werden Gottesdienste gefeiert

Kliniken fordern Corona-Hilfen

Am Mittwoch will der ­Expertenbeirat im Bun­des­ge­sund­heitsministeri­umüber weitere Corona-Hilfen für die Krankenhäuser beraten. Laut Referenten-Entwurf soll die Hilfe zunächst bis zum 11. April verlängert werden. Aktuell bekommen Kliniken nur dann noch Bundesmittel, wenn in ih­rem Kreis die Inzidenz über der Marke von 70 liegt. 

Das verschärft aus Sicht der KGNW die wirtschaftliche Notlage, „da die Absicherung nur noch einer immer kleiner werdenden Zahl von Krankenhäusern hilft“, kritisiert KGNW-Präsident Jochen Brink. Aktuell liegt die Inzidenz in NRW nur noch in 16 der 53 Kreise und kreisfreien Städte über der Marke von 70.

Ausgleichszahlungen für Kliniken

Anders als in der ersten Infektionswelle, als alle Krankenhäuser eine finanzielle Absicherung erhielten, hat das Bundesgesundheitsministerium in der zweiten Welle enge Vorgaben für Ausgleichszahlungen festgelegt. Danach bekommen vor allem Unikliniken und große Häuser (Maximalversorger) Hilfen, abhängig von freien intensivmedizinischen Kapazitäten und einer Inzidenz über 70 in dem betreffenden Kreis. Sinkt die Inzidenz unter den Referenzwert, läuft die Ausgleichszahlung nach 29 Tagen aus. Demnach laufen laut aktuellen Zahlen der Landesregierung in 37 von 53 NRW-Kreisen die Klinikhilfen aus. Ein Entwurf aus dem Ministerium sieht vor, diesen Mechanismus bis zum 11. April zu verlängern.

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Ansonsten überleben etliche Häuser 2021 nicht.

Jochen Brink,Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen

Seine Forderung: Die Häuser brauchen „schnell eine verlässliche Zusage für einen echten Rettungsschirm für das gesamte Jahr“, sagte Brink. „Ansonsten überleben etliche Häuser 2021 nicht“, ergänzt Proff. Für den länd­lichen Raum wäre das dramatisch. Die Versorgungs­sicherheit wäre dann akut gefährdet.

Kommentar: Ein Pflaster reicht nicht

Die Krankenhäuser in Deutschland stecken in einer dreifachen Pandemie-Zwickmühle. Sie halten Ressourcen für Corona-Patienten vor, verschieben nicht-akute Behandlungen – und dann bleiben aus Angst vor dem unberechenbaren Virus auch noch Patienten weg. Die Folge: Die teils eh klammen Häuser stehen wirtschaftlich mit dem ­Rücken zur Wand und können nichts daran ändern.

Und nun? Ist guter Rat teuer. Ein Krankenhaus ist kein Kramladen, dessen Insolvenz man bedauert, aber letztlich verschmerzt. Kliniken gehören zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Sie vorzuhalten, sie zu erhalten, ist kein wirtschaftliches Kann, sondern ein politisches Muss. Geht der Träger in die Knie, ist die öffentliche Hand automatisch in der Pflicht. Es ist dann nur die Frage, ob Bund, Kreis oder Stadt das Portemonnaie zücken muss. Wenngleich natürlich immer über die Zukunftsfähigkeit einzelner Häuser diskutiert werden darf.

An einem großen, stabilen und länger aufgespannten Rettungsschirm geht folglich kein Weg vorbei. Ein sim­ples Pflaster reicht nicht. Die Häuser brauchen zumindest auf Sicht Sicherheit – auch mit Blick aufs Personal. Arbeiten am Anschlag gehört in Pandemiezeiten zur Berufsbeschreibung im Gesundheitssektor. Eine chronische Insolvenzgefahr wirkt alles andere als motivierend.

- Elmar Ries

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