Hospiz in der Pandemie
Corona macht das Sterben mühsamer

Münster -

Vor dem Sterben kommt die Langeweile: keine ehrenamtlichen Hospizbegleiter, keine Musik- und keine Kunsttherapie, keine Konzerte, kein Plaudern im Wohnzimmer, keine Gesprächsangebote für Angehörige: „Alles, was nicht zwingend notwendig ist, ist gekappt“, sagt Franz-Josef Dröge aus der Leitung des Hospizes „Lebenshaus“ in Münster-Handorf.

Mittwoch, 03.02.2021, 09:18 Uhr aktualisiert: 03.02.2021, 12:25 Uhr
Pflegekraft Sairan Pourya, Leiter Franz-Josef Dröge und die Sozialpädagogin im psychosozialen Dienst, Helga Albers-Heiser (von links), betreuen unter erschwerten Bedingungen Sterbende im Hospiz „Lebenshaus“.
Corona macht das Sterben mühsamer: Auch die Hospize sind von der aktuellen Pandemie betroffen und müssen Einschränkungen hinnehmen. Foto: Colourbox.de

Stattdessen mehr Warten auf Angehörige. „Das Leben ist gedrosselt“, sagt er. Das ist besonders schwer, wenn klar ist, dass das Leben nicht mehr lange dauert. Wer im Sterben liegt, der kann nicht hoffen, nach der Pandemie nachzuholen, was sie oder er jetzt verpasst. Das macht das Sterben noch schwieriger als sonst.

Möglichkeiten rühren zu Tränen

Trotzdem ist Andrea Fromme dankbar, dass ihrer Mutter – und ihr – die die strengen Coronaregeln erspart bleiben, die sie im Krankenhaus kennengelernt haben. „Wir fühlen uns gar nicht eingeschränkt“, sagt die Grevenerin, deren Mutter im Lebenshaus wohnt. „Mehr Besuch würde eh nicht kommen.“

Viele Gäste sind über die Möglichkeiten, die in Hospizen bestehen, nicht nur erstaunt, sondern oft auch erleichtert oder sogar zu Tränen gerührt, wie Pflegekraft Sairan Pourya sagt. Vor allem denen, die vorher im Krankenhaus gelegen und dort die Isolierung erlebt haben, bedeute das sehr, sehr viel. „Die kommen mit einer Schwere ins Hospiz und freuen sich über das Plus an Lebensqualität,“ sagt die 33-Jährige.

Schon vor Corona waren die Ausstattung besser und die Begleitung intensiver als in Krankenhäusern und Pflegeheimen. „Das gilt in Corona-Zeiten genauso,“ sagt Dröge. „Unter Corona-Bedingungen sterben Menschen im Hospiz normaler als in anderen Einrichtungen.“

Corona-Regeln im Hospiz

Die Corona-Regeln im Hospiz sind nicht so streng wie in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Für Hospize (und Säuglingsstationen) sieht die Corona-Schutzverordnung Sonderregeln vor. „Sie dürfen eigene Regelungen treffen, die der besonderen Situation gerecht werden“, sagt Franz-Josef Dröge vom Hospiz „Lebenshaus“. Danach dürfen Gäste, wie Sterbende im Lebenshaus genannt werden, zurzeit zwar nur von zwei Personen Besuch bekommen. Der Unterschied zu Krankenhäusern und Pflegeheimen: Es müssen nicht dieselben sein. Das heißt, an einem Tag können zwei andere Personen zu Besuch kommen als an einem anderen. Eine zeitliche Begrenzung gibt es nicht. Dröge: „Es ist gut möglich, dass eine Familie flächendeckend Kontakt hält.“ Und in den letzten Stunden dürfen alle kommen, die wichtig sind – müssen aber eine Maske tragen, Abstände einhalten und dürfen nicht immer alle gleichzeitig im Zimmer sein.

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Aber auch im Hospiz macht die Pandemie den Alltag mühsamer: Pflege und Abstände von 1,5 Metern passen nicht zusammen. Und Pflege meint im Hospiz nicht nur die Pflege von Sterbenden, sondern auch die Begleitung von deren Angehörigen. „Wenn eine weinende Ehefrau vor mit steht, kämpfe ich mit mir, ob ich sie in den Arm nehme oder nicht“, sagt Sairan Pourya. „Was ich vor Corona definitiv getan hätte, mache ich heute verhaltener.“ Dieses kurze „Stolpern“, wie sie es sagt, ist ein Dilemma. Aber: „Wenn ich merke, dass sie das braucht, dann mache ich das. Schließlich bin ich ja keine Mauer, die hier rumsteht. Im Hospiz wird nicht nur gestorben, sondern vor allem gelebt.“

Das hinterlässt das Gefühl, dass wir Angehörigen nicht so gerecht werden können, wie wir es für sinnvoll und nötig halten.

Franz-Josef Dröge vom Hospiz „Lebenshaus“

Nach dem Sterben kommt das Alleingelassenwerden. Alles, was mit „Feier“ endet und den Abschied von Vater oder Mutter, Ehefrau oder Ehemann erleichtern soll, fällt mehr oder weniger aus: die Aussegnungsfeier, bei der sich Angehörige von den Verstorbenen verabschieden, gibt es genauso wenig wie die Verabschiedungsfeier mit anschließendem Kaffeetrinken, damit die Angehörigen sich nicht sofort ins Auto setzen und nach Hause fahren müssen. Die Gedenkfeiern alle zwei Monate, zu der 40 bis 60 Angehörige eingeladen sind, um sich nach ein paar Wochen ihrer Verstorbenen bewusst zu erinnern, fehlt. Die Beerdigung, die in Corona-Zeiten nur noch wenig hilft, mit der Trauer fertig zu werden.

All das zusammen „hinterlässt das Gefühl, dass wir Angehörigen nicht so gerecht werden können, wie wir es für sinnvoll und nötig halten und wie wir das sonst auch machen würden,“ sagt Dröge.

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