Grüner Dreisatz
Im Münsterland soll ein Wirtschafts-Netzwerk nachhaltiger Land- und Ernährungsbetriebe entstehen

Die regionale Landwirtschaft muss ständig mit Regulierung, technischem Fortschritt, Handelsabkommen und Wettbewerbsdruck umgehen - bei steigenden Kosten. Regionale Agrar-Netzwerke sollen die Lösung des Problems sein.

Montag, 25.01.2021, 08:00 Uhr aktualisiert: 25.01.2021, 08:04 Uhr
könnten irgendwo im Münsterland stehen. Woher aber kommen die Samen? Woher der Dünger? Manchmal steckt in einer Pflanze weniger Regionales, als es den Anschein hat.
könnten irgendwo im Münsterland stehen. Woher aber kommen die Samen? Woher der Dünger? Manchmal steckt in einer Pflanze weniger Regionales, als es den Anschein hat. Foto: Klaus Meyer

Der Samen des Kohlrabi kommt aus China. Gezogen wurde die Jungpflanze in den Niederlanden. Der Dünger kommt aus Osteuropa, ebenso wie die Leiharbeiter, die ihn schlussendlich ernten. Wie regional ist solch ein Gemüse also noch, selbst wenn es in der Erde des Münsterlandes steckt?

Die auf Wettbewerbsfähigkeit getrimmte Landwirtschaft ist verwoben in glo­bale Wertschöpfungsketten. Ein kompliziertes Knäuel ist entstanden aus Regulierung, technischem Fortschritt, wachsender Weltbevölkerung, Handelsabkommen und Wettbewerbsdruck. Längst klafft eine Lücke zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen und ökonomischen Gesetzmäßigkeiten – immer wieder werden daher ökologische Grenzen überschritten. Die dadurch verursachten externen Kosten steigen munter weiter.

Die Lösung der Probleme wird vermehrt in der Stärkung regionaler Agrar-Netzwerke gesucht: Ökologische Landwirtschaft, nachhaltige Lieferketten, fairer Umgang mit Mensch und Natur. „Bislang wird umwelt- und sozialverträgliches Wirtschaften wenig unterstützt, dabei gewinnt „regional, bio und fair“ immer mehr an Bedeutung“, sagt Thomas Köhler, Regionalmanager der lokalen Aktionsgruppe Tecklenburger Land.

Unterstützung für nachhaltig arbeitende Betriebe

Köhler und seine Mitstreiter sind auf dem Weg, die Regionalwert AG Münsterland zu gründen, die sich zum Ziel gesetzt hat, nachhaltig wirtschaftende Betriebe der regionalen Land- und Ernährungswirtschaft zu unterstützen. Ähnliche AGs gibt es bereits im Rheinland, in München, Hamburg und Berlin/Brandenburg; die Keimzelle der Regionalwert-Idee ist in Freiburg im Breisgau. Gründer Christian Hiß, selbst Gärtnermeister, ist es ein Anliegen, aufzuzeigen, wie nachhaltige Betriebsentwicklungen aussehen können. Die bestehenden Regionalwert-AGs haben mittlerweile ein Grundkapital von zehn Millionen Euro.

Über 3000 Aktionäre stellen das Finanzkapital zur Verfügung, das in regionale Betriebe und Existenzgründungen investiert wird. 100 Partnerbetriebe mit einem Gesamtumsatz von 240 Millionen Euro partizipieren bereits von den Bürgeraktiengesellschaften. „Wir wollen Mehrwerte schaffen – in der Region und für die Region. Von der Produktion über die Verarbeitung, den Handel, die Gastronomie bis hin zum Konsumenten: Entlang der Wertschöpfungskette soll nach und nach ein regionaler, nachhaltiger Wertschöpfungsraum entstehen“, sagt Köhler. Die teilnehmenden Betriebe verpflichten sich, Sozialstandards einzuhalten; nicht nur die Wertschätzung für die Lebensmittel, auch die für die Arbeit soll intensiviert werden.

Es gelte, die Zusammenarbeit zu intensivieren, Qualitätsprodukte besser zu vermarkten und Perspektiven zu schaffen. Köhler sagt: „Wir wollen den Betrieben raus aus der Anonymität helfen und Gesichter und Menschen mit den Produkten verbinden.“ Sechs Aspiranten hatten Ende 2020 bereits großes Interesse bekundet. Bis Mitte 2021 soll die AG gegründet werden.

Gründungsvater Hiß betont, wie wichtig für das Gelingen solch nachhaltiger Projekte die ökonomische Betrachtung, und hier vor allem die Kosten- und Leistungstransparenz, ist. „Die klassische, heute vielfach angewendete Buchhaltung rückt lediglich die Kosten in den Fokus – ignoriert aber die Leistungen“, sagt er. Insbesondere kleine und mittelgroße Betriebe hätten daher große wirtschaftliche Probleme.

Externe Kosten jährlich in Milliardenhöhe

Er weiß, dass es zahlreiche Zielkonflikte gibt. So streben Landwirte zwar nach Biodiversität durch vielfältigen Anbau, artgerechter Tierhaltung und langfristig angelegtem Anbau von Bodenfruchtbarkeit. Die aktuelle Erfolgsrechnung aber führt zu Spezialisierung, kurzfristig ertragreichem Anbau, wenig Tierwohl durch industrielle Fleischproduktion und wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Durch Schäden an Ökosystemen, Pflanzenschutz und Düngemitteln, Lebensmittelverschwendung, Landnutzungsänderungen und zu hohen Viehbesatz werden dabei laut einer Studie der Boston-Consulting-Group allein in Deutschland externe Kosten von jährlich 90 Milliarden Euro verursacht – das wohlgemerkt bei rund 40 Milliarden Euro Umsatz. Eine absurde Situation.

Die Regionalwert-Idee verfolgt dabei einen anderen Ansatz. „Wenn man die wahren Kosten und Leistungen in der Landwirtschaft berechnen will, muss man die sozialen und ökologischen Leistungen als Vermögen ansehen, das es zu erhalten gilt. Werte wie Bodenfruchtbarkeit und Fachwissen sind keine ideellen Werte, sondern Kapital, das auf- und abgebaut werden kann“, sagt Christian Hiß.

Das Problem sei, dass landwirtschaftlich verursachte Schäden überwiegend volkswirtschaftlich betrachtet werden. „Wir verändern mit unserem Ansatz die Perspektive: Wir versuchen die einzelnen Bausteine zu operationalisieren, sodass die volkswirtschaftliche Betrachtung nur noch Beiwerk ist.“

In einem ersten Schritt werden soziale, ökologische und regionalwirtschaftliche Leistungen erfasst, kategorisiert und mit Leistungskennziffern versehen. Beispielsweise eine Kategorie im Themenfeld Soziales ist Fachwissen. Unterkategorien sind Fachkräfte, Auszubildende und Fortbildungen. Leistungskennzahlen werden unter anderem mit Blick auf Fortbildung von Betriebsleitern, Fortbildung von Mitarbeitern, Qualifizierung von Aushilfskräften erhoben.

„Auf diese Weise haben wir alle Bereiche eines landwirtschaftlichen Betriebes aufgegliedert. Man hat am Ende ein riesiges Portfolio, das die Betriebsprozesse vollständig abbildet“, sagt Hiß. Entwickelt wurde ein Set von zehn Kategorien mit knapp 36 Unterkategorien und etwa 170 Eingabewerten zur Erfassung von Nachhaltigkeitsleistungen.

Was folgt, ist die Bewertung. Objektiv werden die Kennziffern mit globalen und nationalen Nachhaltigkeitszielen abgeglichen – mit Leitplanken aus Politik und Wissenschaft und empirischen Kennzahlen aus Testbetrieben. „Wir lassen allerdings auch subjektive Wertsetzungen zu, fragen Landwirte und Konsumenten.“ Die ausgewogene Betrachtung habe es bislang noch nicht ­gegeben. „Wir verlassen uns nicht nur auf die wissenschaft­liche und politische Einordnung – wir setzen dem ganz klar die subjektive Perspektive gegenüber. Erst aus der Gesamtheit ergibt sich unsere Bewertung“, sagt der Experte.

Ein Preisschild für Nachhaltigkeit

Eben diese soll den Landwirten, vor allem solchen, die Wert auf eine nachhaltige Wirtschaftsweise legen, eine Hilfe sein, um ihre Aufwände und Leistungen mit einem entsprechenden Preisschild zu versehen. Christian Hiß sagt: „Der ökologische, soziale und regionalökonomische Mehraufwand muss sachgerecht erfasst und bewertet werden, damit er anschließend auch vergütet werden kann.“

Die Stimmung dafür scheint gerade günstig: Öko-Label sind längst etabliert, Bio und Nachhaltigkeit sind en vogue und inzwischen wichtige Kaufargumente geworden. Gegenwärtig gefragt sind vor allem Produkte, die neben den übrigen Kriterien auch noch einen regionalen Ursprung haben. Für die Regionalwert AG sollte das eine willkommene Ausgangslage sein.

Tierwohl, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit zu vereinen – für Landwirte ist das oftmals ein Drahtseilakt. Ein neuartiger Rechen­ansatz soll den Agrarbetrieben helfen, sich im Preiskampf am Markt zu behaupten. Davon kann auch das Netzwerk regionaler Landwirtschaftsbetriebe profitieren, das die Regionalwert AG Münsterland derzeit aufbaut.

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