Gefahren für Spaziergänger
Leere Fördertöpfe für Schadensbeseitigung: zu wenig Hilfsgeld für Waldbauern

Düsseldorf/Münsterland -

Der Borkenkäfer hat flächendeckend Bäume vernichtet. Das Aufräumen überfordert die privaten Waldbauern. Doch genau darin lauert eine Gefahr auch für den Spaziergang durch den heimischen Wald.

Donnerstag, 03.12.2020, 06:30 Uhr
In den Wäldern lagert zurzeit sehr viel Holz.
In den Wäldern lagert zurzeit sehr viel Holz. Foto: Jürgen Christ

Wird der Spaziergang durch den heimischen Wald zur Gefahr? Waldbauern und private Forstbesitzer haben zusehends Schwierigkeiten, Bäume, die durch den Borkenkäfer massiv geschädigt sind, zu bergen. Dadurch wächst besonders im Bergischen Land, im Sauer- und im Münsterland die Gefahr für Spaziergänger, durch herabstürzende Äste verletzt zu werden.

Um den durch die Dürre und den Borkenkäfer massiv geschädigten Wald einigermaßen verkehrssicher zu halten, müssten die privaten Waldbauern massiv investieren, um das Totholz aus dem Wald zu bekommen. Doch das fällt vielerorts immer schwieriger. Ein Grund: Der mit 36 Millionen Euro ausgestattete Extremwetter-Fördertopf des Landes NRW ist ausgeschöpft. „Sehr viele Waldbauern haben einen Antrag auf Förderung noch für dieses Jahr gestellt und brauchen dieses Geld auch dringend. Doch die Summe dieser Anträge übersteigt leider das vorhandene Fördergeld des Landes“, sagt Heidrun Buß-Schöne, Geschäftsführerin des Waldbauernverbandes NRW, unserer Zeitung.

800 Millionen an Hilfen zugesagt

Insgesamt wurden 3375 Anträge gestellt. Neben den alten Fichtenwäldern, die in einzelnen Landesteilen fast flächendeckend irreparabel geschädigt sind, wütet der Borkenkäferbefall zusehends auch in immer jüngeren Fichtenwäldern sowie in Laubwäldern – vor allem das Bergische Land und das Sauerland sind besonders hart getroffen. Doch sowohl das schwache Fichtenholz als auch das Holz der geschädigten Laubbäume ist zudem schwerer bis gar nicht zu vermarkten. Die Preise für Holz sind seit zwei Jahren im Keller, 50 Prozent des deutschen Waldes ist in privatem Eigentum.

Im Sommer hatte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) gemeinsam mit den Bundesländern 800 Millionen an Hilfen zugesagt – die Verteilung des Geldes stößt in Nordrhein-Westfalen aber auch auf verwaltungsinterne Probleme. „Die Mitarbeiter in den Forstverwaltungen und im Ministerium arbeiten am Limit und kommen mit der Bearbeitung Abwicklung der Anträge, die noch in diesem Jahr erfolgen muss, nicht hinterher“, sagt Buß-Schöne. Noch schlimmer: Viele Waldbauern haben im Vertrauen auf eine Förderbewilligung mit ihren Arbeiten im kranken Wald bereits begonnen. „Jetzt fließen die Gelder nicht mehr, das ist für viele eine dramatische Situation.“

Pläne für großflächiges Aufforstprogramm

Aussicht auf Besserung gibt es eher nicht, es regiert das Prinzip Hoffnung: „Wenn es im kommenden Jahr mehr Niederschlag gibt, habe ich die Hoffnung, dass sich die Situation in unseren heimischen Wäldern wenigstens stabilisiert. Von einer Wende zum Besseren sind wir aber weit entfernt“, sagt Buß-Schöne. Bundesweit gibt es Pläne für ein großflächiges Aufforstprogramm, um den Wald auf die Herausforderungen durch den Klimawandel vorzubereiten. Neben der befürchteten Trockenheit und dem Befall durch den Borkenkäfer sorgt auch die Gefahr durch Stürme für die Gefahr, dass bereits kranke Bäume diesen wenig entgegenzusetzen haben.

Am Mittwochabend reagierte das NRW-Landwirtschaftsministerium. „In einem gemeinsamen Kraftakt muss es uns in den kommenden Jahren gelingen, die klimabedingten Waldschäden zügig zu bewältigen und bei der Wiederbewaldung die richtigen Weichen zu stellen“, sagte Ministerin Ursula Heinen-Esser (CDU). „Ich bin zuversichtlich, dass wir auf der Zielgerade des Jahres den Waldbesitzern noch zusätzliche Fördermittel zur Verfügung stellen werden.“ Für das kommende Jahr seien in der konkreten Extrem-Wetterförderung bereits 33 Millionen Euro avisiert. Den Auszahlungsstau wolle man durch Vereinfachungen im Förderverfahren auflösen.

Kommentar

Unbezahlbar

Vor einigen Monaten erklärte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner gemeinsam mit ihren Länder-Kollegen den beklagenswerten Zustand des heimischen Waldes zur nationalen Herausforderung. Alle handelten im Bewusstsein, dass das flächendeckende Sterben der Bäume nicht nur gravierende Auswirkungen auf die Klimabilanz des Landes hat, sondern die Deutschen auch in emotionaler Art und Weise tief berührt.

Vor 40 Jahren entfachte das Waldsterben ein ökologisches Bewusstsein in diesem Land – und wurde zu einem der Gründungsmotive der Grünen. Der Wald ist für uns eben nicht nur grüne Lunge in einem dicht besiedelten Industrie- und Verkehrsland, in dem man sonntags gern spazieren geht. Der Wald war und ist Sehnsuchtsort und heute Seismograph unseres Geschicks, Ökonomie und und Ökologie in Einklang zu bringen.

Dieser Einklang ist nachhaltig und augenscheinlich gestört. Die Gründe dafür sind bekannt – und wohl in ihren Ursachen irreversibel. Aber veränderbar ist das Krisenmanagement. Die Hilfe für den Wald muss schnell kommen, ­effizient organisiert und ausgeführt werden. Denn sonst sind die materiellen und ideellen Schäden bald unbezahlbar.

von Frank Polke

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