Paulina Wendland studiert in Witten
„Kirchenmusik popular“ - manchmal loben sie Gott zu laut

Hopsten/Witten -

Wenn sie in der evangelischen Pop-Akademie die Verstärker aufdrehen, gibt‘s manchmal Ärger mit den Nachbarn: „Kirchenmusik popular“ wird dort gelehrt, das kann halt laut werden. Zu den Studierenden gehört Paulina Wendland aus Hopsten. Ihr Weg in die christliche Musik schien irgendwie vorbestimmt.

Montag, 30.11.2020, 08:00 Uhr
Paulina Wendland in einem Probenraum der Pop-Akademie Witten: „Ich wollte Musik mit anderen Menschen machen – aber wie soll man damit Geld verdienen?“
Paulina Wendland in einem Probenraum der Pop-Akademie Witten: „Ich wollte Musik mit anderen Menschen machen – aber wie soll man damit Geld verdienen?“ Foto: Gunnar A. Pier

„Großer Gott, wir loben dich“ auf der großen Orgel darf es auch mal sein – aber eigentlich schlägt Paulina Wendland aus Hopsten-Schale andere Töne an. Dann sitzt sie am E-Piano oder greift zu Gitarre oder Trompete und reist musikalisch durch Pop und Rock und Blues und Disco. Der gemeinsame Grundton: christliche Themen. Die 24-Jährige studiert „Kirchenmusik popular“.

Das Gebäude der Evangelischen Pop-Akademie liegt mitten in Witten. Gelegentlich kommt die Polizei, weil im Probenraum eine Band die Verstärker zu sehr aufgedreht und den Großen Gott zu laut für die Nachbarn gelobt hat. Seit vier Jahren gibt es die bundesweit einzigartige Einrichtung der westfälischen Landeskirche. Gerade wurden die ersten acht Absolventen fertig. Sie seien „bestens ausgebildete Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker für Popularmusik“, erklärte der Studienleiter der Pop-Akademie, Hartmut Naumann. An der Pop-Akademie werden die Studierenden zusätzlich zur klassischen Kirchenmusikerausbildung in Herford in Jazz, Rock, Pop und Gospel ausgebildet. Kirchenmusik bestehe aus einer großen Vielfalt an musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten, so der Musikprofessor.

Bachelor im kommenden Sommer

Paulina Wendland braucht noch bis kommenden Sommer, um ihren Bachelor zu schaffen. Dass sie auf dieser Akademie gelandet ist, überrascht erstmal nicht. „Ich bin ziemlich vorbelastet“, erklärt sie. Ihre Eltern sind Pfarrer in Hopsten-Schale. Schon zu Kindergartenzeiten stimmte Paulina beim Kinderchor mit ein, in der Grundschule kamen Klavierunterricht und der Posaunenchor dazu. Stets musizierte sie im Schatten der Kirche: „Bei uns im Dorf ist vieles in der Gemeinde verankert.“ Und so kristallisierte sich heraus, dass das Solisten-Leben gar nicht so ihr Ding ist. Lieber singt und spielt sie mit vielen anderen: „Musik und Gemeinschaft – das hängt für mich zusammen.“ Lieber „Laudato si“ als Etüden im Übungszimmer.

"Wie soll man damit Geld verdienen?"

Trotzdem: Nach dem Abi 2015 wusste die Hopstenerin zunächst nicht weiter. „Ich wollte Musik mit anderen Menschen machen – aber wie soll man damit Geld verdienen?“ Sie absolvierte ein Praktikum als Köchin, studierte zwei Semester „Irgendwas mit Medien“ in Siegen, während sie in Schale mittlerweile den Posaunenchor leitete.

Der Weg nach Witten

Als 2016 der Studiengang „Kirchenmusik popular“ eingerichtet wurde, schien der rechte Weg gefunden. 2017 begann Paulina in Witten. Hauptfächer: Band-Leitung und Klavier, dazu Gitarre, Gesang, Orgel. Sie spielt auch Bass, Schlagzeug, Trompete und andere Blechblasinstrumente.

Mehr als Musizieren

Aber das Studium umfasst viel mehr als nur das Erlernen vieler Instrumente. Ein Kirchenmusiker muss heute auch organisieren, Musikgruppen betreuen, Kinderchöre leiten und die Technik beherrschen. Was gibt’s Nervigeres als ausfallende Mi­kro­fone oder Rückkopplungs-Gepfeife im Kirchenraum? „Wir sind so etwas wie eine eierlegende Wollmilchsau“, zitiert sie einen Professor. Dass sie auch arrangieren muss, versteht sich da fast von selbst: Wenn Jugendliche Hits von Justin Bieber oder Rapper Capital Bra nachspielen wollen, denkt Paulina sich aus, wie man deren Sounds auf echten Instrumenten nachspielen kann.

Dann kommt der Master

Im Sommer 2021 endet ihr Studium mit einem Bachelor. Aber Paulina Wendland tendiert dazu, als Reprise noch die zwei Jahre bis zum Master dranzuhängen. „Mein Traum ist, Trompete auf Uni-Niveau zu beherrschen.“ Danach könnte sie sich vorstellen, so etwas wie Verbandsarbeit zu übernehmen. Events organisieren, Posaunenchöre betreuen, Dirigierunterricht geben, Austausch zwischen Gemeinden organisieren.

Noch immer fährt sie jeden Freitag zweieinhalb Stunden mit dem Zug von Witten nach Schale, um dort den Posaunenchor zu leiten. Musik in Gemeinschaft eben.

Ihre Prüfung an der großen Orgel hat sie übrigens im vergangenen Semester abgelegt. Falls es doch mal „Großer Gott, wir loben dich“ sein soll . . .

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