Ausgleichsfläche am Ortsrand von Appelhülsen im Blickpunkt
Verstoß gegen Naturschutzverordnung

Appelhülsen -

Thomas Zimmermann, Geschäftsführer des in Darup ansässigen Naturschutzzen­trums Kreis Coesfeld, ist geschockt: Durch illegale Mulcharbeiten wird die natürliche Entwicklung einer rund 1,5 Hektar großen Ausgleichsfläche am Ortsrand von Appelhülsen beeinträchtigt.

Sonntag, 29.11.2020, 19:07 Uhr aktualisiert: 02.12.2020, 17:32 Uhr
„Illegale Mulcharbeiten beeinträchtigen die natürliche Entwicklung dieser rund 1,5 Hektar großen Ausgleichsfläche am Ortsrand von Appelhülsen“, betont das in Darup ansässige Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld.
„Illegale Mulcharbeiten beeinträchtigen die natürliche Entwicklung dieser rund 1,5 Hektar großen Ausgleichsfläche am Ortsrand von Appelhülsen“, betont das in Darup ansässige Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld. Foto: Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld

Da staunte Thomas Zimmermann, Geschäftsführer des in Darup ansässigen Naturschutzzen­trums Kreis Coesfeld, nicht schlecht, als er am Ortsrand von Appelhülsen den Zustand einer rund 1,5 Hektar großen Ausgleichsfläche an der Stever überprüfen wollte. Weite Bereiche der Fläche mit heimischen Gehölzen wie Weißdorn, Hundsrose und Haselnuss waren bodentief abgehäckselt, berichtet Zimmermann in einer Pressemitteilung.

Ursprünglich wurde die Fläche in der Aue als Acker genutzt. 2011 erfolgte eine Natur-Entwicklungsplanung. Aufgrund der Lage am Gewässer und des staunassen Bodens soll hier langfristig ein Stieleichen-Hainbuchenwald entstehen, sodass im Herbst 2012 entlang des angrenzenden Ackers ein zehnreihiger Gehölzstreifen als zukünftiger Waldrand gepflanzt wurde. Innerhalb des Geländes bilden 30 gepflanzte Baumgruppen mit Stieleichen und Hainbuchen die Grundstruktur für den zukünftigen Wald. Den Rest der Fläche konnte die Natur selbst entwickeln. Angewehte Samen von beispielsweise Gehölzen wie Erlen und Weiden sollten hier Fuß fassen.

Dieser Ansatz funktionierte gut, wie mittlerweile armdicke Bäume zeigen. Zwischen den Gehölzen verblieben ausgedehnte Staudenfluren, die Insekten und Vögeln sowohl Blütenangebot, Deckung, als auch Nahrung im Sommer und Winter bieten. So weit, so gut.

Doch das Bild, das sich kürzlich dem Naturschutzzentrum bot, war ein anderes. Unbekannte hatten, vermutlich mit Trecker und schwerem Mulchgerät, überall durch die Fläche zwei bis fünf Meter breite Streifen abgehäckselt. „Die naturnahen Strukturen sind auf rund 50 Prozent der Fläche zerstört und werden nun von einer Schicht aus geschreddertem Material bedeckt. Auch Gehölze in den Pflanzstreifen wurden teilweise gehäckselt, wie die verbliebenen Strünke zeigen“, erklärt das Naturschutzzentrum.

Rückfragen beim Flächeneigentümer, der Gemeinde und anderen brachten kein Licht in das Dunkel rund um diese Beschädigung von Natur auf fremdem Eigentum.

Zeitgleich berichteten die drei ehrenamtlichen Gebietsbetreuer des nahe gelegenen Naturschutzgebietes „Rieselfelder Appelhülsen“ über einen ähnlichen Vorgang. Ca. 2,5 Meter breite Schneisen durchziehen jetzt die Röhrichtbestände auf den Dammkronen rund um die drei Wasserflächen der gemeindeeigenen Rieselfelder. „Wir haben diesen Vorgang nun bei der Unteren Naturschutzbehörde zur Anzeige gebracht, weil ein ähnlicher Eingriff schon einmal im Juni/Juli, also mitten in der Brutzeit, erfolgte“, so Dieter Ebbing. „Die Vogelwelt wurde bereits jetzt in einem erheblichen Ausmaß beeinträchtigt. Immerhin habe ich im Rahmen meines ehrenamtlichen Monitorings für das Gebiet in den letzten 10 Jahren 160 verschiedene Vogelarten nachweisen können. Sie rasten, brüten oder überwintern dort“, erläutert Ebbing weiter.

Rastende Limikolen-Arten, überwinternde Bekassinen und Wasserrallen sind von den illegalen Mulchmaßnahmen betroffen. Ebenso Gänse-, Enten- und Reiherarten, die das Gebiet als Schlafplatz aufsuchen. Normalerweise suchen auch große Trupps der Rohrammer das Gebiet im Winterhalbjahr regelmäßig zum Schlafen auf. In diesem Jahr bleiben sie, nach Beobachtung der Ornithologen, wegen der Störung durch den Eingriff aus.

Schon jetzt gehen die Gebietsbetreuer von starken Beeinträchtigungen für die nächste Brutsaison aus. Durch die Vernichtung von Teilen der weitläufigen Brennnessel- und Röhrichtfluren verliert ein Charaktervogel der Rieselfelder, der Sumpfrohrsänger, sein Bruthabitat. Die Art leidet als streng traditioneller Zugvogel schon jetzt in erheblichem Maße unter den Auswirkungen des Klimawandels. Aber auch seltene Brutvögel im Gebiet wie Rohrweihe, Wasserralle, Kiebitz, Eisvogel, Rohrammer sowie der Kuckuck als Brutschmarotzer verlören ihre Deckung und ihren ruhigen, ungestörten Rückzugsort für das Brutgeschäft.

Christoph Steinhoff von der Unteren Naturschutzbehörde bestätigt den Eingang einer Anzeige. „Es handelt sich um einen eindeutigen Verstoß gegen die Naturschutzverordnung. Der Verursacher ist uns bisher nicht bekannt, es liegen aber Hinweise vor, denen wir derzeit nachgehen.“

Als Sofortmaßnahme wurden von den Akteuren Reisighaufen am Anfang der Dämme aufgeschichtet, um ein Befahren mit Maschinen zu erschweren. Zukünftig werden die Beteiligten ein noch wachsameres Auge auf die Flächen halten und weiterhin jede illegale Mahd zur Anzeige bringen, damit sich Eingriffe dieser Art nicht wiederholen.

Wer die Natur in den Rieselfeldern ohne Störung für die Vogelwelt in Ruhe beobachten möchte, kann die neue Vogelbeobachtungshütte am Rande nutzen.

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