Altersexperten über Corona
„Begegnung ist durch nichts zu ersetzen“

Münster -

Die Pandemie trifft alte Menschen besonders hart. Auch wenn die so genannte Kriegskindergeneration viel Erfahrung im Aushalten habe, sind die Folgen von Corona gravierend, stellen zwei Altersexperten fest. [Mit Video] 

Freitag, 27.11.2020, 12:00 Uhr
Eine Frau wartet in einer Einrichtung auf Besuch.
Eine Frau wartet in einer Einrichtung auf Besuch. Foto: dpa

Corona ist für Senioren „wie ein Gespenst“. Das sagen die Altersexperten Dr. Michael Enzl und Stefanie Oberfeld. „Die Folgen dringen unsichtbar und schleichend in unseren Alltag ein.“ Die beiden Ärzte der Alexianer kümmern sich um Fragen rund um Demenz, Depressionen und andere psychische Erkrankungen im Alter. Sie sind zurzeitwichtige Ansprechpartner von Senioren, die unter der Isolation und/oder der Angst vor einer Ansteckung leiden – Oberfeld als Leiterin des Clemens-Wallrath-Hauses in Münster und als Demenzbeauftragte der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Enzl als Ärztlicher Leiter der Damian-Klinik für Psychotherapie und Gerontopsychiatrie.

„Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wird er seiner sozialen Kontakte beraubt, geht er irgendwann in die Knie, fühlt sich nur noch einsam und wird bei entsprechender Veranlagung ernsthaft krank“, betont Enzl. Und: „Begegnen, berühren, in den Arm nehmen ist durch nichts zu ersetzen. Fehlt das, macht uns das anfällig für psychische Erkrankungen“, sagt Enzl. Auch wenn die sogenannte Kriegskindergeneration viel Erfahrung im Aushalten habe: „Corona ist vielleicht nicht so spektakulär, aber deshalb nicht weniger belastend“, meint Oberfeld. Die Pandemie treffe Demenzerkrankte besonders hart: „Durch Kontaktarmut und Masken fehlt ihnen das Gegenüber, die Emotionen, die Mimik und Berührungen noch mal mehr.“

Die beiden raten alten, allein lebenden Menschen zu einer festen Tagesstruktur: etwa durch regelmäßiges Telefonieren, Gartenarbeit, sportliche Aktivitäten oder tägliche Spaziergänge. „Dazu gehört Disziplin“, sagt Enzl. Aber die sei nötig, um nicht mürbe zu werden.

Auch die Angehörigen ständen unter einem massiven Druck. Sie können sich seltener ausklinken. Häusliche Entlastungs- und Betreuungsangebote oder der Spaziergang mit der Tasse Kaffee fallen weg. Und weil der Doppelkopf-Abend, die Chorprobe und der Walking-Treff nicht stattfinden, gibt es kaum noch Gelegenheiten zum Verschnaufen oder um sich aus dem Weg zu gehen.

Video in Kooperation mit dem WDR:

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