Corona-Pandemie
Wie eine deutsch-französische Familie den Lockdown in Besançon erlebt

Münster/Besançon -

Klar, der Teil-Lockdown in Deutschland ist hart – aber nicht halb so hart wie in Frankreich. Allerdings wird auch nicht jede Vorschrift buchstabengetreu eingehalten. Das erlebt der Münsterländer Jörg Hartwig, der mit seiner Familie in Besançon lebt.

Donnerstag, 26.11.2020, 16:28 Uhr aktualisiert: 26.11.2020, 17:01 Uhr
Jörg Hartwig mit seinen Kindern Raffael (14), Anaïs (11) und Timothée (9) im Homeoffice bei Besancon.
Jörg Hartwig mit seinen Kindern Raffael (14), Anaïs (11) und Timothée (9) im Homeoffice bei Besancon. Foto: Berenice Hartwig

Erst der Papierkram, dann der Spaziergang. Und Jörg Hartwig darf beim Flanieren nicht die Zeit vergessen. Die Gefahr ist nicht groß, denn wie alle Einwohner Frankreichs darf sich der aus Werne im Münsterland stammende Hartwig für solche nicht notwendigen Beschäftigungen derzeit maximal einen Kilometer vom Haus entfernen. Ein Mal am Tag. Es herrscht Ausgangssperre. Für jeden Gang vor die Tür ist ein Formular (Attestation de dé­place­ment dérogatoire) auszufüllen: triftiger Grund, Ziel, Uhrzeit ...

Die Polizei kontrolliert Passanten und verhängt saftige Bußgelder: 135 Euro kostet bereits der erste Verstoß. Der Corona-Lockdown, das „confinement“, ist in Frankreich härter als hierzulande.

„Horrorzahlen“ vor dem Lockdown

Die Franzosen nähmen es bislang „weitgehend gelassen“, sagt Hartwig. Schließlich gab es vor dem Lockdown „Horrorzahlen“ von bis zu 60 000 Neuinfektionen pro Tag. Aber auch in der Krise reagierten die Franzosen so wie auf jede Regel mit „gesundem Menschenverstand“. In einem Land, in dem kein Fußgänger im strömenden Regen vor freier Straße stehen bleibt, nur weil die Ampel Rot zeigt, werden auch andere Regeln „vernünftig ausgelegt“, sagt Hartwig.

Beispiel: Geschäfte, die nichts verkaufen, was für das Leben „essenziell“ ist, sind geschlossen. Geöffnet haben vor allem die Riesen-Supermärkte auf der grünen Wiese. Doch auch in diesen Hypermarché sind alle Regale mit Waren, die als nicht lebensnotwendig gelten, mit Flatterband abgesperrt. „Aber wenn man unbedingt etwas haben will, fragt man eben den Verkäufer“, sagt Hartwig. Ja, die Regeln sind strikt, aber das Leben will gelebt werden – so angenehm es geht.

Länder einigen sich auf Lockdown-Verlängerung

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  • Die Ministerpräsidenten der Länder einigten sich darauf, dass der aktuelle Teil-Lockdown zunächst bis zum 20. Dezember fortgeführt wird. Bei einer Inzidenz von «deutlich» unter 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen und wenn weitere Bedingungen erfüllt sind, haben Länder die Möglichkeit, hiervon abzuweichen.

    Was sonst noch entschieden wurde:

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  • KONTAKTBESCHRÄNKUNGEN:

    Die Ministerpräsidenten der Länder haben im Kampf gegen die anhaltend hohen Corona-Infektionszahlen für strenge Kontaktbeschränkungen vom 1. Dezember an strengere Regeln angeregt - für Weihnachten und Silvester wird es eine Sonderregelung geben.

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  • PRIVATE ZUSAMMENKÜNFTE:

    „Private Zusammenkünfte mit Freunden, Verwandten und Bekannten sind auf den eigenen und einen weiteren Haushalt, jedoch in jedem Falle auf maximal fünf Personen zu beschränken“, heißt es in dem Beschluss. Kinder bis 14 Jahre seien hiervon ausgenommen.

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  • WEIHNACHTEN UND SILVESTER

    Im Zeitraum vom 23. Dezember bis 1. Januar sind Treffen eines Haushaltes mit haushaltsfremden Familienmitgliedern oder haushaltsfremden Menschen bis maximal zehn Personen erlaubt, heißt es in dem Beschluss. Kinder bis 14 Jahren seien hiervon ausgenommen.

    Die Ministerpräsidenten der Länder rufen die Menschen auf, vor den Weihnachtsfeiertagen in eine möglichst mehrtägige häusliche Selbstquarantäne zu gehen. „Dies kann durch ggf. vorzuziehende Weihnachtsschulferien ab dem 19.12.2020 unterstützt werden“, heißt es. Mit der Selbstquarantäne soll die Gefahr von Corona-Infektionen im Umfeld der Feierlichkeiten so gering wie möglich gehalten werden.

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  • GOTTESDIENSTE:

    Bund und Länder suchen das Gespräch mit den Religionsgemeinschaften, um möglichst Vereinbarungen für Gottesdienste und andere religiöse Zusammenkünfte mit dem Ziel einer Kontaktreduzierung zu treffen. Religiöse Zusammenkünfte mit Großveranstaltungscharakter gilt es dabei zu vermeiden.

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  • SILVESTER:

    Die Ministerpräsidenten der Länder untersagen Silvesterfeuerwerk auf belebten öffentlichen Plätzen und Straßen, um größere Gruppenbildungen zu vermeiden. „Die örtlich zuständigen Behörden bestimmen die betroffenen Plätze und Straßen“, heißt es in dem Beschlussentwurf. Grundsätzlich wird „empfohlen“, zum Jahreswechsel auf Silvesterfeuerwerk zu verzichten - ein Verkaufsverbot ist demnach aber nicht vorgesehen.

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  • MUND-NASE-BEDECKUNG:

    Die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung, die etwa im ÖPNV oder Handel gilt, wird erweitert. Künftig soll sie auch vor Einzelhandelsgeschäften und auf Parkplätzen gelten. Gleiches gilt für alle Orte mit Publikumsverkehr in Innenstädten, auch unter freiem Himmel, an denen sich Menschen entweder auf engem Raum oder nicht nur vorübergehend aufhalten. Die Festlegung der Orte und der zeitlichen Beschränkung obliegt den örtlichen Behörden.

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  • HOCHSCHULEN UND UNIVERSITÄTEN:

    Hochschulen und Universitäten sollen grundsätzlich auf digitale Lehre umstellen - mit Ausnahme von Labortätigkeiten, Praktika, praktischen Ausbildungsabschnitten und Prüfungen.

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  • SCHULEN:

    In Regionen mit deutlich mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen gilt künftig ab Klasse sieben grundsätzlich eine Maskenpflicht auch im Unterricht.

    In „besonderen Infektionshotspots“ wird es demnach in älteren Jahrgängen außer Abschlussklassen schulspezifisch „weitergehende Maßnahmen für die Unterrichtsgestaltung“ geben, beispielsweise Hybridunterricht.

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  • WIRTSCHAFT, KULTUR, REISEBRANCHE, SOLOSELBSTSTÄNDIGE:

    Auch die staatlichen Hilfen für betroffene Betriebe werden bis zum 20. Dezember verlängert. Diese seien für Unternehmen und Beschäftigte essenziell und ein wichtiges Element für die hohe Akzeptanz der notwendigen Schutzmaßnahmen bei den Bürgerinnen und Bürgern, heißt es. Die Ausgaben für diese Unterstützung im November werden auf 15 Milliarden Euro beziffert.

    Vorgeschlagen ist auch, Hilfsmaßnahmen für Branchen, die absehbar in den kommenden Monaten weiterhin «erhebliche Einschränkungen» hinnehmen müssten, bis Mitte 2021 zu verlängern. Genannt werden die Kultur- und Veranstaltungswirtschaft, Soloselbstständige und die Reisebranche.

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  • HOMEOFFICE:

    Arbeitgeber sollten prüfen, ob die Betriebsstätten entweder durch Betriebsferien oder großzügige Homeoffice-Lösung vom 23. Dezember bis 1. Januar geschlossen werden könnten. Damit solle bundesweit der Grundsatz „Stay at Home“ („Bleibt Zuhause“) umgesetzt werden.

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  • HANDEL:

    Die Bevölkerung wird aufgerufen, Weihnachtseinkäufe möglichst auch unter der Woche zu tätigen.

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  • KRANKENHÄUSER/PFLEGE:

    Der Bund will für besonders gefährdete (vulnerable) Gruppen, etwa Patienten in Krankenhäusern und Bewohner von Pflegeheimen, Senioren- und Behinderteneinrichtungen, ab Anfang Dezember 2020 gegen eine geringe Eigenbeteiligung 15 FFP2-Masken pro Person zur Verfügung stellen. Zudem sind je Pflegebedürftigem 20 Schnelltests pro Woche vorgesehen.

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  • REISERÜCKKEHRER:

    Der Entwurf sieht vor, dass die häusliche Quarantäne bei Reiserückkehrern und Kontaktpersonen einheitlich auf zehn Tage im Regelfall festgelegt werden soll - gerechnet ab dem Tag der Einreise beziehungsweise dem letzten Tag des Kontakte.

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  • SOZIALVERSICHERUNG:

    Der Bund stabilisiert die Sozialversicherungsbeiträge bei maximal 40 Prozent, indem er darüber hinausgehende Finanzbedarfe zumindest bis 2022 aus dem Bundeshaushalt deckt. In diesem Rahmen prüft der Bund, wie eine steuerfinanzierte Stabilisierung der Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung vor dem Hintergrund der hohen coronabedingten Mehrkosten aussehen könnte.

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Aber: Ist Lesen nur angenehm oder ist auch „geistige Nahrung essenziell“? Darüber wurde heftig gestritten. Denn: Die Buchläden mussten schließen. Nur ihre Papeterie-Abteilungen dürfen öffnen. Kulis und Schreibhefte gibt es im freien Verkauf, Bücher nur nach Vorbestellung an gesicherten Abholstationen. Da rebelliert die Kulturnation. Selbst die Bestseller-Regale in den Hypermarché waren abgesperrt – aber „wenn man den Verkäufer fragt ...“ Ähnlich heftig diskutiert wird über die Einschränkungen bei Gottesdiensten, es gibt demonstrative Gebete vor den Kirchen.

Und: „Die Küsschen zur Begrüßung sind nicht mehr üblich“, sagt Hartwig. Der Verzicht auf die „bises“ dürfte Französinnen und Franzosen noch schwerer fallen als den Deutschen der Verzicht aufs Händeschütteln.

Papierkram bis zum 15. Dezember - mindestens

Klar, zur Arbeit dürfen die Franzosen, wenn sie nicht wie der Tourismus-Fachmann Hartwig ohnehin im Homeoffice sitzen, das er derzeit mit seiner Frau Berenice teilt. Die drei Kinder – Raffael (14), Anaïs (11) und Timothée (9) – gehen weiter in die Schule. „Natürlich mit Maske – auch im Unterricht.“ Und vor jedem Schritt vor die Tür steht der Papierkram: Anlass, Ziel, Uhrzeit ...

Derzeit genießen es die Hartwigs besonders, dass sie im Haus mit Garten auf dem Dorf bei Besançon leben, nicht in der Pariser Vorstadt. Aber: Keine dienstlichen Treffen, kein Theater, kein Kino, kein Apéro und kein Essen mit Freunden – das macht früher oder später auch jemandem zu schaffen, der wie Hartwig sehr gern „en famille“ ist. Spaziergänge können ein Ausweg sein. „Es kann keiner kontrollieren, ob jemand zwei Mal am Tag das Formular dafür ausfüllt.“

Zudem hat Präsident Emmanuel Macron gerade Erleichterungen angekündigt: Ab dem Wochenende dürfen Geschäfte wieder öffnen. Sport und Spaziergänge sind wieder im Umkreis von ­20 Kilometern erlaubt und für drei statt eine Stunde täglich. Aber der Papierkram bleibt bis mindestens 15. Dezember. Danach soll eine Ausgangssperre nur noch nachts gelten – ab 21 Uhr.

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