Thomas Bockelmann im Interview
„Theater ist eine Seelennahrung“

Münster/Kassel -

Das Corona-Jahr stellt die Theater vor besondere Probleme und Herausforderungen. Darüber sprachen wir mit Thomas Bockelmann, der von 1996 bis 2004 Generalintendant am Theater in Münster war. Bockelmann wird 2021 nach dann 17 Jahren als Chef des Staatstheaters Kassel 2021 in den Ruhestand gehen.

Freitag, 20.11.2020, 17:52 Uhr aktualisiert: 20.11.2020, 18:06 Uhr
Thomas Bockelmann ist seit 2004 Intendant am Staatstheater Kassel und war zuvor Generalintendant an den Städtischen Bühnen Münster.
Thomas Bockelmann ist seit 2004 Intendant am Staatstheater Kassel und war zuvor Generalintendant an den Städtischen Bühnen Münster. Foto: N. Klinger

Lang ist es her, doch auch nach 16 Jahren als Intendant des Staatstheaters Kassel blickt Thomas Bockelmann (65) durchaus gerne auf seine Zeit als Generalintendant am Theater in Münster zurück. Seine letzte Spielzeit in Kassel steht unter keinem guten Stern. Wie alle anderen Theater auch ist sein Haus vom coronabedingten Lockdown getroffen und muss auf bessere Zeiten hoffen. Wir sprachen mit Thomas Bockelmann über die verzwickte Gegenwart, über seine Wanderjahre durch die deutsche Theater- und Bühnenlandschaft und über Zukunftspläne.

Beliebte Einstiegsfrage in Corona-Zeiten: Wie geht es Ihnen, wo befinden Sie sich und was machen Sie gerade?

Thomas Bockelmann: Ich bin in meinem Büro, persönlich geht es mir gut. Aber ich bin natürlich überhaupt nicht glücklich über die Schließung der Theater. Ich halte diese Schließung auch für falsch; denn ich bin davon überzeugt, dass unsere Corona-Maßnahmen gut sind. Das Gesundheitsamt in Kassel hat uns im Verlauf des Jahres gesagt, unser Hygiene-Konzept sei vorbildlich. Für mich ist auch nicht nachvollziehbar, warum man in überfüllten ICE-Zügen ohne Reservierung dicht gedrängt im Gang stehen und im Theater mit Abstandsregeln nicht sitzen darf. Der Intendant des Schauspielhauses in Zürich fand für die Situation neulich einen zündenden Spruch: „Bleiben Sie im Theater, zu Hause ist es zu gefährlich!“Trotz alledem: Die Theater und Staatstheater in Deutschland klagen noch auf vergleichsweise hohem Niveau, verglichen mit der privaten und freien Szene. Allen, die in Deutschland noch an öffentlichen Theatern arbeiten, geht es noch relativ gut im Vergleich zum Broadway oder zum Londoner Westend. Da sind Tausende Kulturschaffende arbeitslos. In New York verlassen die Schauspieler ihre Bleibe und ziehen wieder aufs Land zu ihren Eltern.

Eine bedrückende Situation ...

Bockelmann: Bevor wir aber dabei stehen bleiben, möchte ich zwei positive Dinge und Gründe zur Freude anmerken: Zunächst wollte ich in alter Verbundenheit der Stadt Münster gratulieren, dass sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Generalintendantin gewählt hat. Das haben Sie in Münster dem Staatstheater Kassel voraus. Und ein zweites: Die Zeitschrift „Die Deutsche Bühne“ hat unlängst wieder die Programme und Gesamtleistungen deutscher Theater kritisch gewürdigt. In diesem Ranking kam das Staatstheater Kassel im Ranking „Überzeugendste Gesamtleistung“ auf den zweiten Platz. Nur die Münchner Kammerspiele waren besser. Das hat mich wirklich gefreut.

Das wird jetzt Ihr letztes Jahr in Kassel. Das hätten Sie sich doch sicher anders vorgestellt, vermutlich wie ein großes Finale, in dem man aus dem Vollen schöpfen kann ...

Bockelmann: Ich bin jetzt 34 Jahre Intendant, aber das, was ich jetzt erlebe, ist noch mal eine ganz neue Herausforderung. Wir versuchen, professionell damit umzugehen. Wir müssen uns gleichzeitig gegenseitig schützen und künstlerisch weiterarbeiten. Bislang ist das, so denke ich, auch ganz gut gelungen. Natürlich werden neue Formen ausprobiert, auch in der Oper. Wir planen Open-Air-Projekte, die wir selbst unter strengen Bedingungen durchziehen wollen. So planen wir in Kassel für den nächsten Sommer zwei Open-Air-Veranstaltungen. Da geht es einerseits um eine Stadtbegehung im Gedenken an den 100. Geburtstag von Joseph Beuys und sein Engagement für die documenta. Auch „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende wollen wir an der frischen Luft aufführen und hoffen, dass wir das unbeschadet machen können.

Was macht eine solche Corona-Vollbremsung mit einem Staatstheater.

Es geht bald ans Eingemachte

Bockelmann: Wenn wir auch im Dezember noch nicht spielen dürfen, dann geht es ans Eingemachte. Dann werden wir ganze Produktionen streichen müssen. Wir verfügen dann über zu viele zu Ende geprobte Produktionen, die wir noch gar nicht gezeigt haben. Das wird dann irgendwann widersinnig.

Womit rechnen Sie in diesen Tagen, was planen Sie?

Bockelmann: Im Moment haben wir bekanntlich bis zum 1. Dezember geschlossen. Ich prophezeie nicht zu viel, wenn ich befürchte, dass wir im Lockdown bleiben, wenn die Zahlen nicht spürbar runtergehen. Dennoch mache ich auf folgendes aufmerksam: Bei uns im Theater haben die Menschen einen sicheren Abstand. Das Personal passt sehr gut auf. Wir haben Belüftungssysteme mit vertikaler Luftabsaugung, die sind so wirkungsvoll wie in Flugzeugen. Auch Salzburg im Sommer hat gezeigt, dass Theater in schwierigen Zeiten geht. Die konnten natürlich auch für viel Geld permanent die Akteure testen. Das geht bei uns freilich nicht. Wir testen nur bei Verdachtsfällen.

Ein Rückblick auf Ihre Karriere. Welches war die schönste Zeit, welche unvergessenen Momente sind geblieben?

Positiver Rückblick auf Münster

Bockelmann: Wenn ich an Münster denke, dann denke ich vor allem an die „Meistersinger“ vor 4000 Zuschauern auf dem Prinzipalmarkt und und an den Zug zum Schlossplatz. Unvergesslich bleibt auch jener Moment in dem Stück „Angels in America“, als Christina Weiser kurz vor Ende den Satz „Ich segne Euch alle!“ spricht und spontan dreiminütige stehende Ovationen einsetzen.

Christina Weiser ist Ihre Ehefrau ...

Bockelmann: Genau, und am 22. Dezember übrigens dürfen wir Silberhochzeit feiern!

Welches war die erfüllteste Intendantenzeit?

 

Bockelmann: Im Blick auf die Intendantenjahre war sicherlich Kassel die glücklichste Zeit. Weil die Menschen in und um Kassel mit seiner doch recht solitären Lage das Staatstheater noch ein wenig wichtiger nehmen. Im Vergleich dazu liegt Münster doch ein wenig abseits und natürlich auch etwas im Schatten der großen Häuser des Ruhrgebiets. Ein Moment hier in Kassel ist mir besonders unvergesslich: Bernd Hölscher, gebürtiger Münsteraner übrigens, schlug am Ende der Premiere von Ibsens „Volksfeind“ quasi die ganze Bühne in Stücke. Vorhang. Blackout. Hölscher stand allein auf der Bühne, und binnen acht Sekunden hat sich der komplette Saal zu Standing Ovations erhoben. Das war sehr schön. Noch etwas: Der Komponist Hans Werner Henze hatte seinen letzten öffentlichen Auftritt bei uns in Kassel. Als Gast der Tanzproduktion „Orpheus in der Unterwelt“ zu seiner BallettMusik saß er im Rollstuhl in der Intendanten-Loge. Zum Schluss habe ich dann gesagt: Applaudieren Sie auch für Herrn Henze! Das ganze Opernhaus drehte sich um und hat ihn minutenlang gefeiert. Drei Wochen später ist Henze dann gestorben.

Was haben Sie in der Zeit nach Kassel vor? Möchten Sie weiter inszenieren oder noch mal als Schauspieler auf der Bühne durchstarten?

Abschiedsbuch

Bockelmann: Zunächst einmal werden wir ein schönes Abschieds- und Erinnerungsbuch über meine 17 Jahre als Intendant in Kassel anfertigen. Spielen und Inszenieren, das habe ich über die Jahre auch in Kassel regelmäßig praktiziert. Unabhängig vom Corona-Schatten übe ich mich zurzeit auch in der Kunst des Loslassens. Ich werde ja auch nicht jünger und werde mit 66 Jahren aufhören. Auf jeden Fall möchte ich zunächst ein Sabbatical-Jahr einlegen. Ich könnte mir danach durchaus vorstellen, noch mal ein kleineres Haus zu leiten. Ich halte es so, wie jene 92-jährige Psychoanalytikern in den USA, die mal gefragt wurde, warum sie immer noch praktiziere. Ihre Antwort lautete: „Warum soll ich ich aufhören, wenn ich doch heute mehr weiß als je zuvor?“ Ganz bestimmt bleibe ich also dem Theater und der Kultur in irgendeiner Form verbunden.

Thomas Bockelmann

Thomas Bockelmann wurde 1955 in Lüneburg geboren und machte 1974 sein Abitur an der Odenwaldschule. Während seines Zivildienstes arbeitete er an der Studiobühne der Universität Köln. Von 1976 bis 1980 absolvierte er eine Schauspielausbildung, die er 1980 mit Bühnenreifeprüfung abschloss, parallel studierte er Philosophie, Theaterwissenschaften und Geschichte in Köln. Nach seinem Studium war er zunächst Regieassistent. Von 1988 bis 1993 war Bockelmann Intendant des Tübinger Zimmertheaters und Dozent für Theater am Leibnitz-Kolleg der Universität Tübingen, 1994 bis 1996 Intendant der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven, 1996 bis 2004 Generalintendant der Städtischen Bühnen Münster. Seit 2004 ist Thomas Bockelmann Intendant des Staatstheaters Kassel. Seine Amtszeit dort endet 2021.

...

Was macht Corona mit der Kultur? Welche Befürchtungen, welche Hoffnungen auf Wandel hegen Sie? Wird es eine neue Wertschätzung für die Kultur geben?

Bockelmann: Ich glaube, dass Kultur und speziell das Theater eine Seelennahrung sind. Aus Kants „Kritik der Urteilskraft“ lernen wir, dass es zwar keine objektive Notwendigkeit des Schönen, gibt, wohl aber eine subjektive Notwendigkeit. Wollen wir nur von Wasser und Brot leben? Mozart ist da schon ganz gut und auch Shakespeare! Also: Man wird uns nicht kleinkriegen! Die Frage ist nur, was passieren wird, wenn die öffentlichen Hände nach der Krise dem Spardiktat unterworfen sind. Die Theater haben, wie andere Institutionen auch, massive Einnahmeausfälle. Das alles wird in den nächsten Jahren ziemlich toxisch werden. Es wird Verteilungskämpfe geben. In der Metaphorik von Finanzbehörden in Hessen hörte sich das so an: „Es werden alle bluten; wollen mal hoffen, dass keiner verblutet!“

Haben Sie noch Kontakte nach Münster?

Bockelmann: Die bestehen auf privater Ebene. Mit Katharina Kost-Tolmein stehe ich in gutem Kontakt. Ich begrüße diese Wahl zur Generalintendantin sehr und bin mir sicher, dass sie für Münster ein Gewinn ist.

Bleiben Sie in Kassel wohnen?

Bockelmann: Meine Frau bleibt ja als Schauspielerin an das Staatstheater in Kassel gebunden. Und ich freue mich dann, dass ich von hier aus antizyklisch reisen und wirken kann. Abschließend möchte ich noch eines mit Blick auf die Corona-Krise sagen: Guckt Euch in der Welt um! Uns geht es doch noch wirklich gut. Was ist allein in Amerika los, auch wenn sie diesen furchtbaren Menschen jetzt endlich abgewählt haben. Bleiben wir also zuversichtlich und hoffen auf Besserung.

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