Vorstellung der Erntebilanz
Landwirte denken über Aufstellung von Windrädern im toten Forst nach

Lennestadt -

Windräder im Wald? Eine seltsame Vorstellung, die nicht überall auf Begeisterung stoßen wird. Doch die Bauern denken darüber nach.

Mittwoch, 09.09.2020, 18:05 Uhr aktualisiert: 09.09.2020, 19:09 Uhr
Die Silhouette eines Windrades zeichnet sich vor dem Sonnenaufgang verfärbten Morgenhimmel ab.
Die Silhouette eines Windrades zeichnet sich vor dem Sonnenaufgang verfärbten Morgenhimmel ab. Foto: dpa (Symbolbild)

Angesichts des dramatischen Bäumesterbens in vielen Regionen West­falens zeigen sich die Landwirte offen, die Ansiedlung von Windrädern im Wald und Forst zu forcieren. „Wir können uns durchaus vorstellen, auf definierten Flächen und unter Einhaltung des Planungsrechts Windräder in den frei ge­wordenen Waldstücken zu bauen“, sagt der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV), Hubertus Beringmeier.

Für die Errichtung und den Betrieb der Windräder könnten sich mehrere benachbarte Landwirte oder Waldbauern zusammenschließen. „Das Waldsterben entzieht vielen Waldbauern die wirtschaftliche Grund­lage. Deshalb können wir uns keine Denkverbote leisten“, sagte Beringmeier gestern bei der Vorstellung der Erntebilanz im sauerländischen Lennestadt.

Grundsätzlich sei die Ernte vor allem beim Getreide eher durchwachsen ausgefallen. „Wir haben erhebliche regionale Unterschiede“, so der neue Bauernpräsident. Dies liege an den Niederschlagsmengen, die zum Teil erheblich variieren. Und an der Beschaffenheit der Böden, die durch die Dürren der vergangenen Jahre flächenweise ausgetrocknet sind. Die Corona-Pandemie habe zudem vor allem die Preise beim Fleisch stark sinken lassen.

Kommentar

WINDRÄDER IN WALDGEBIETEN - EINE REIZVOLLE IDEE

Die zweite Chance

Das Waldsterben in Deutschland vollzieht sich still – doch dafür in rasender Geschwindigkeit. Riesige Forstgebiete – jahrhundertelang von privaten Familien und staat­lichen Betreibern angelegt, kultiviert und bewirtschaftet – sind einfach kahlgefressen vom Borkenkäfer, der vielerorts nur noch Totholz übrig gelassen hat.

Die vom westfälischen Bauernpräsidenten aufgeworfene Idee, den Waldbesitzern das Aufstellen von Wind­rädern in den für die Forstwirtschaft verlorenen Gebieten zu ermöglichen, verfügt durchaus über eine betriebswirtschaftliche Logik im wahren Sinn des Wortes. Die Windkraft hat in Zeiten der Energiewende in Deutschland Perspektive – auch jenseits staatlicher (Über-)Subventionierung und ideologischer Grabenkämpfe.

Doch privatwirtschaftliche Gewinnaussichten können nur dann zu einer dauerhaft kalkulierbaren „Nebenerwerbsquelle“ werden, wenn der Aufbau und das Betreiben dieser modernen Anlagen nicht den sozialen Frieden im Dorf gefährden. Inakzeptable Eingriffe in die Natur oder gar Beeinträchtigungen für die Gesundheit würden diese Chance für Ökonomie und Ökologie auch im zweiten Anlauf dagegen diskreditieren.

von Frank Polke

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Waldsterben entzieht Bauern wirtschaftliche Grundlage

Der Blick geht zurück bis ins 14. Jahrhundert. „Unseren Hof gibt es seit mehreren Generationen“, sagt Michael Richard, Landwirt aus Lennestadt. Der Sauerländer hat Tiere, betreibt ein wenig Forstwirtschaft, hat Fremdenzimmer, die er gern an Familien mit Kindern vermietet. Doch seit diesem Jahr schaut der eigentlich optimistische Landwirt mit viel Sorge in die Zukunft. „Der Klimawandel sorgt für Trockenheit, die unseren Wäldern zusetzt“, sagt Hubertus Beringmeier, Präsident des WLV, bei der Vorstellung der Erntebilanz im Sauerland. Viele Waldbauern stünden vor dem Aus, da der Borkenkäfer seit zwei Jahren zahlreiche Waldbestände „einfach vernichtet“.

Doch auch für die tierhaltenden Betriebe ist die aktuelle Lage nicht einfach. Sorgte die vor allem in China grassierende Afrikanische Schweinepest lange Zeit für steigende Schweinepreise, führte die Corona-Pandemie zu einem weltweiten Einbruch bei Nachfrage und Preisen. „Und natürlich haben die Schließungen der Schlachtbetriebe gerade in Westfalen für eine Verschlechterung der Erträge gesorgt.“ Rindfleisch- und Kalbfleisch seien in den Zeiten des Corana-bedingten Lockdowns „geradezu unverkäuflich“ gewesen.

Auch die Milchbauern warten nach wie vor auf eine Erholung der Preise, die ihnen die Molkereien und der Lebensmitteleinzelhandel zahlt. „Wir liegen aktuell wieder bei 32 Cent pro Liter. Das ist nicht auskömmlich.“ Dieses niedrigere Preissegment dürfte sich in den nächsten Monaten jedenfalls nicht ändern. Die Corona-Pandemie sorgt weiter dafür, dass vor allem die Gastronomie weiter weniger landwirtschaftliche Produkte aus der Heimat kaufen wird.

Getreideernte von regionalen Unterschieden geprägt

Auch die Getreideernte war und ist in diesem Wirtschaftsjahr von erheblichen regionalen Unterschieden geprägt. „Mengenmäßig lag die Ernte unterhalb des langjährigen Durchschnitts und brachte gute Qualitäten, die allerdings nur zu mäßigen Preisen vermarktet werden können“, so Beringmeier, der in seiner Funktion als Bauernpräsident seine erste Bilanz vorstellte. Die letzten Monate hätten erneut deutlich gezeigt, wie stark die Getreide- und Waldbauern davon abhängig sind, dass zum richtigen Zeitpunkt ausreichend Regen fällt. „Wo dies nicht der Fall war, haben vor allem die Kulturen auf den leichten Böden, die kaum Wasser speichern können, zum Teil deutlich gelitten.“ Dies gilt neben der Wintergerste und der Triticale vor allem für den Mais. Dort, wo gute Mengen geerntet werden konnten, sei die Qualität aber sehr gut gewesen. Doch weltweit seien die Silos und Lager voll, so dass die Preise eher sinken.

Gute Qualität – die will auch Michael Richard in die nächste Generation mit seinem Betrieb bieten. „Wir haben die Power es zu schaffen. Wir müssen alte Muster aufbrechen, um vielfältig in die Zukunft zu gehen.“

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