Interview mit Sozialpsychologe Gerald Echterhoff
Warum Wanderer öfter grüßen

Lengerich/Münster -

Manchmal kommt einem ein freundliches „Hallo“ entgegen, wenn man als Wanderer unterwegs ist, manchmal nicht. Wie es dazu kommt, dass man auch Fremde grüßt, darüber hat sich WN-Redakteur Paul Meyer zu Brickwedde mit dem Sozialpsychologen Professor Dr. Gerald Echterhoff unterhalten.

Samstag, 15.08.2020, 06:13 Uhr aktualisiert: 21.08.2020, 17:24 Uhr
Wer beim Waldspaziergang überraschend auf fremde Personen trifft, ist schneller geneigt, diese zu grüßen.
Wer beim Waldspaziergang überraschend auf fremde Personen trifft, ist schneller geneigt, sie zu grüßen. Foto: Wilhelm Schmitte

Wer wandert, kennt das: Fremde, die ebenfalls eine Tour machen, grüßen freundlich. Warum es gerade beim Gang durch Wald und Wiesen so ist, dass wir unbekannten Personen offener entgegentreten als in anderen Situationen, hat unser Redaktionsmitglied Paul Meyer zu Brickwedde Professor Gerald Echterhoff gefragt. Der ist Sozialpsychologe an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

 

Herr Professor Echterhoff, gehen Sie ab und an wandern?

Gerald Echterhoff: Ich würde gerne. Aber meine Kinder sind entweder noch nicht alt genug dafür und nicht sonderlich motiviert. Was ich eher schaffe, ist Jogging oder Fahrradfahren.

Grüßen Sie dabei Fremden, denen Sie begegnen?

Echterhoff: Ja, ich beobachte es auch an mir, dass ich beim Jogging hin und wieder andere Jogger grüße.

Warum grüßen wir Fremde beim Wandern, bei anderen Gelegenheiten aber nicht?

Echterhoff: Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Einer ist: Wenn ich zehn oder 15 Minuten allein im Wald unterwegs bin und mir begegnet dann jemand, fällt der mir natürlich mehr auf, als wenn ich ihm in einer vollen Fußgängerzone über den Weg laufe. In der Wissenschaft verwenden wir in diesem Zusammenhang den Begriff Salienz. Ein seltenes Ereignis, und das ist dieses Zusammentreffen auf dem Wanderweg, bedeutet für den Menschen psychologisch gesehen eine Überraschung. Entsprechend erhöht sich die Aufmerksamkeit. Je voller es auf dem Wanderweg ist, desto schwächer ist die Überraschung, desto seltener wird gegrüßt.

Was ist ein weiterer Faktor?

Echterhoff: Wenn ich wandere und mir kommt ein anderer Wanderer entgegen, zeugt das von ähnlichen Interessen. So erscheint der andere erst einmal sympathisch und es kann spontan eine gemeinsame Gruppenidentität entstehen. Das ist in anderen Bereichen noch stärker ausgeprägt, etwa unter Busfahrern eines Verkehrsbetriebs. Die grüßen sich auch, selbst wenn sie sich nicht kennen. Das liegt auch am Gefühl einer Shared Reality (geteilte Realität, Anm. d. Red.).

Spielen auch die Umgebung und die Stimmung der Beteiligten eine Rolle? In der Natur kann ich ja davon ausgehen, dass die meisten gut gelaunt sind.

Echterhoff: Das ist möglich. Anders als beispielsweise bei der Arbeit oder beim Shoppen bin ich geistig nicht so sehr auf Details fixiert, meine Informationsverarbeitung ist globaler ausgelegt. Vielleicht bin ich deshalb dem anderen gegenüber dann auch offener.

Kann es denn auch sein, dass sich unser Gruß-Verhalten grundsätzlich verändert hat, dass viele anderen gegenüber positiv eingestellt sind?

Echterhoff: Unser Verhalten ist in diesem Zusammenhang vermutlich auch evolutionär geprägt. Das ist ein dritter Faktor: Um die Chance zu erhöhen, dass uns andere in Zukunft gegebenenfalls helfen oder sich uns gegenüber freundlich verhalten, verhalte ich mich auch freundlich und grüße erst einmal – das ist wie beim Geben und Nehmen. Dabei handelt es sich nicht um etwas Geplantes, sondern es passiert spontan. So etwas funktioniert in kleinen Dörfern. wo man sich kennt, wesentlich besser als im eher anonymen Umfeld einer Stadt.

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