Pool Group in Emsdetten
Wie ein Eventtechnik-Riese mit Corona umgeht

Emsdetten -

Im Februar waren die Auftragsbücher voll: Konzerte, Kongresse, Rod-Stewart-Europatournee, Konferenzen. 2020 sollte ein gutes Jahr werden für die Emsdettener Pool Group, nach eigener Darstellung eine der größten Veranstaltungstechnik-Firmen in Europa. Dann kam Corona und die Lastwagen mit dem Equipment rollten zurück auf den Hof. Doch das Team resignierte nicht.

Donnerstag, 06.08.2020, 20:00 Uhr aktualisiert: 06.08.2020, 20:47 Uhr
Carl Cordier gründete 1978 die Firma Westfalen-Sound, aus der die Pool Group hervorging.
Carl Cordier gründete 1978 die Firma Westfalen-Sound, aus der die Pool Group hervorging. Foto: Gunnar A. Pier

Die Pool Group ist so etwas wie ein „Hidden Champion“, ein im eigenen Land gerne übersehener Gigant. Die Menschen sehen Metallica, Merkel und mächtige Manager – wer Mikrofone, Videowände und Scheinwerfer aufgebaut hat, ist egal. Doch genau das ist die Welt von Carl Cordier. Er hat die Firma gegründet, die 1978 damit begann, kleinere Konzerte technisch auszustatten. „Als wir angefangen haben, gab es keine großen Boxen und keine Video-Technik“, erinnert er sich. Heute sind Konzerte oft multimediale Riesen-Events. Allein eine Stadionbühne füllt gerne mal fast 40 Sattelschlepper – Technik noch nicht mitgezählt. Schon für die Lesetour der „Drei ???“ fuhren sechs 38-Tonner los.

Doch die kamen zurück nach Emsdetten. Hallen dicht. Tour abgebrochen. Die Branche am Boden. Corona knipst das Licht aus.

„Das war ein großflächiges Berufsverbot“, sagt Carl Cordier. Doch die bei Pool haben sich kurz gesammelt und überlegt: „Wenn wir ein Problem haben, haben unsere Kunden auch ein Pro­blem. Also haben wir unsere Kunden gefragt: Wie können wir euch helfen?“

Viele Standbeine

Dabei war hilfreich, dass die Pool Group längst mehrere Standbeine hat. Vermutlich war dieser Satz des Firmengründers nie richtiger als heute: „Wir bekennen uns zum Rock’n’Roll – aber es würde uns nicht mehr geben, wenn wir die anderen Bereiche nicht hätten.“ Seit 1991 führt die Firma, die heute auch Dependancen in Berlin, München und Waiblingen hat, beispielsweise alle großen Konferenzen der Bundesregierung durch. Da geht es um die Technik, aber auch um Sicherheits- und heute Hygienekonzepte. Drittes Standbein sind Firmenevents wie Aktionärsversammlungen und Messe-Präsentationen. Und wenn’s gewünscht wird, strahlt das Pool-Team auch die komplette BMW-Zentrale in München nachts bunt an.

Der neue Weg ist digital

Doch das meiste ist jetzt abgesagt – der neue Weg ist digital. Pool geht mit. In Berlin hat die Firma ein Studio eingerichtet und hilft bei Konzeption und Technik von virtuellen Veranstaltungen. Das abgesagte Parookaville-Musikfestival streamten sie ins Internet. Und als das Auswärtige Amt fürs jährliche Botschaftertreffen 350 Diplomaten aus 114 Botschaften zusammenschalten wollte, lieferte Pool die Technik und organisierte das Teilnehmermanagement. Für die Veranstaltungen rund um die EU-Ratspräsidentschaft haben die Westfalen inzwischen Lösungen gefunden.

Gegensätzliche Welten

„Wenn man sich auf Entertainment beschränkt, ist das lebensbedrohend“, sagt Cordier. Aber Pool kann Erfahrungen aus sehr gegensätzlichen Welten mischen. „Die Vielzahl der unterschiedlichen Veranstaltungen ist der Grund, warum wir so viel wissen.“ Also können die Dettener beim EU-Gipfel nutzen, was sie vielleicht bei einer Daimler-Veranstaltung oder einem Rock-Open-Air mal gelernt haben. „Wir haben das Know-how im Hause, das hat uns gerettet.“

Von Normalität weit entfernt

Trotzdem muss Cordier feststellen: „Wir sind weit davon entfernt, wieder dorthin zu kommen, wo wir mal waren.“ Noch immer sind 40 Prozent der Mitarbeiter in Kurzarbeit. Und der Unternehmer, der für seine Branche brennt, ist sicher, dass sie sich grundlegend verändern wird – wenn die Pool Group sich mit verändere, könne es gut gehen.

In Berlin arbeiten derzeit rund 100 Mitarbeiter alleine für die Bundesministerien. „Und einige von denen“, sagt ihr Chef, „wären jetzt wohl lieber mit Metallica auf Tour.“

Woodstock, Westfalen-Sound und die Pool-Group in Emsdetten

Wie bei so vielen Münsterländern begann alles irgendwie mit dem Panikorchester. Carl Cordiers Sitznachbar in der Schule war Bertram Engel, heute Schlagzeuger von Udo Lindenberg und Peter Maffay. Als das Panikorchester sich entlang der B 54 zwischen Gronau und Münster entwickelte, war Cordier dabei. Er spielte Bass – „aber ich war so früh von so vielen guten Musikern umgeben, dass mir klar wurde: Das schaffst du nie!“

Die Szene faszinierte den Emsdettener dennoch. Und er erfand eine Branche, die es bis dahin so gar nicht gab. Woodstock versank im Organisations-Chaos, die Beatles spielten keine Konzerte mehr, weil ihnen Boxen fehlten, die lauter gewesen wären als die kreischenden Teenies. „Daraus entwickelte ich meine Geschäftsidee.“ 

1978 gründete Carl Cordier die Firma Westfalen-Sound. Fortan stattete er immer größere Stars mit Technik aus, später auch mit Ideen und Konzepten. Wenn Peter Maffay, Udo Jürgens und die Rolling Stones auf Europatournee gingen, kamen Bühne, Licht, Ton und die Fachleute, die die Technik bedienten, immer öfter aus Emsdetten. „Wir verkaufen eine Wirkung“, sagt er heute. Und die entsteht im Zusammenspiel zwischen Kreativen und Technikern. Die Techniker müssen wissen, was die Kreativen wollen, und die Kreativen müssen wissen, was technisch geht.

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