Kindesmissbrauch
Pfarrer steht seelisch belasteten Polizisten bei

Münster -

„Wer mehr hinschaut, wird mehr finden“, sagt Stephan Draheim und spricht sogleich von der „Hölle, die ausgewertet wird“. Etwa 350 Polizei-Mitarbeiter seien im Einsatz, seitdem die Landesregierung die Konsequenzen aus dem Fall Lügde gezogen habe, sagt Draheim. Der 50-Jährige ist Landespfarrer in Münster und „für alle da, die in beruflichen oder auch privaten Fragen ein Gespräch zur Klärung, zur Orientierung oder Entlastung suchen“.

Dienstag, 30.06.2020, 10:50 Uhr
Ein langer Weg liegt hinter und vor Stephan Draheim. Der Pfarrer begleitet Polizeibeamte wahrscheinlich noch Monate durch die Qualen bei der Sichtung der Missbrauchs-Aufzeichnungen.
Ein langer Weg liegt hinter und vor Stephan Draheim. Der Pfarrer begleitet Polizeibeamte wahrscheinlich noch Monate durch die Qualen bei der Sichtung der Missbrauchs-Aufzeichnungen. Foto: be

Und das sind zurzeit sehr viele. Polizeibeamte, die sich mit Auswertung, Ermittlung und Verfolgung im Fall des jüngsten Kindesmissbrauchs befassen. Und sie sind es, die „die Hölle“ auswerten, indem sie gewaltige Datenmengen, Film- und Fotosequenzen, die die Greueltaten zeigen, sichten. Über Stunden, mitunter tage- und wochenlang. Die Suche nach den Tätern – und Opfern – ist quälend.

Die Beamten helfen, aufzuklären – doch wer hilft ihnen? Wie kann man das aushalten, ohne selbst Schaden zu nehmen, durchzudrehen angesichts des Unglaublichen? „Was die Kollegen tun, tun müssen, obwohl dieser Dienst freiwillig ist, ist natürlich belastend. Es hat die potenzielle Gefahr, zu überfordern, krank zu machen: seelisch“, sagte Draheim.

„Seelische Eigensicherung"

Um nicht selbst zu zerbrechen, gebe es Resilienzfaktoren, sagt Draheim. Da seien vor allem und insbesondere die hohe Professionalität der Beamten und die enorme Motivation, weitere Kinder aus der – Draheim wiederholt diese tiefe sich auftuende Kluft des Bösen öfter – „Hölle“ herauszuholen. „Die Beamten, die die Bilder und Filme anschauen und auswerten, müssen ihren Stress damit bewältigen, Distanz dazu aufbauen“, weiß Draheim.

Der Seelsorger kann ihnen dabei zur Seite stehen, sich als „supervisorischer Betreuer“ anbieten. „Ich werde von den Beamten angesprochen, auch ohne dass es andere mitbekommen“. Draheim nennt das ganz nüchtern „seelische Eigensicherung", wenn Beamte mit brutalster Gewalt und Pornografie beziehungsweise Pädophilie konfrontiert werden.

Der Pfarrer bemüht sich in diesem Gespräch um Selbstbeherrschung; er ist es, der auch gegenüber den Hilfesuchenden Stärke, Empathie und Verständnis ausstrahlen sollte. Auch er muss sich professionell verhalten. Kaum vorstellbar, dass er angesichts der Schilderungen der ratsuchenden Beamten nicht seine Beherrschung verliert. Aber auch er ist und arbeitet höchst motiviert und professionell.

Kaum zu ertragen

Kaum zu ertragen: „Das sind Videos, auf denen die Kinder lächeln, in die Kamera gucken und dabei missbraucht werden“, schildert auch Dietrich Bredt-Dehnen, der leitende Landespfarrer für Polizeiseelsorge gegenüber dem evangelischen Nachrichtendienst epd. „Diese Kinder sind so verdreht von ihren Emotionen, dass sie alles dafür tun, um dem Papa oder Onkel oder dem Freund, den sie lieben, einen Gefallen zu tun.“

Draheim schildert, was diese und ähnliche Szenen in den ermittelnden, analysierenden Betrachtern auslösen können: „Albträume: Die Kinder begegnen einem im Schlaf. Es kann zu Veränderungen der intimsten Lebensbereiche der Beamten führen“, sagt er und spricht von „potenziell traumatisierender Arbeit“.

Druck von außen

Es ist ein weiter Weg, den er und die betroffenen Beamten zurücklegen müssen. Es gebe mitunter sogenannte Triggermomente, die die seelische Erschöpfung oder Überforderung forcieren. Das Ergebnis könnte eine Persönlichkeitsveränderung, ein mentaler Rückzug des betreffenden Polizeibeamten sein. „Bevor es so weit kommt, wird es spätestens Zeit, Hilfe zu holen.“ Vorgesetzte seien da gefordert, besonders hinzuschauen, wenn solche Symptome auftauchen, sagt Draheim und lenkt auf ein wichtiges begleitendes Phänomen hin: „Die öffentliche Wahrnehmung und der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema bedingen einen enormen Erwartungsdruck, auch von der Politik, der auf den Beamten und ihrer Arbeit lastet.“

Der „Druck von außen“ – bei gleichzeitig unvorstellbaren Datenmengen, die gesichtet werden müssen – verstärke nur die Belastung, denen die Beamten ausgesetzt seien. „Sie haben mehr Vertrauen verdient. Diese Haltung vermisse ich ein wenig“, sagt Stephan Draheim nur und lenkt den Blick auf diejenigen, die genau hinschauen müssen.

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