Wegfall von Lehrern aus Risikogruppen
Massiver Unterrichtsausfall in NRW auch nach den Ferien befürchtet

Münster -

Es zeichnet sich ab, dass auch nach den Sommerferien 15 Prozent aller Lehrkräfte nach ärztlicher Begutachtung keinen Präsenzunterricht erteilen würden. Deshalb werden jetzt an den Schulen in NRW 20.000 weitere Lehrer-Stellen gefordert.

Montag, 08.06.2020, 20:50 Uhr aktualisiert: 08.06.2020, 21:12 Uhr
In Nordrhein-Westfalen könnte die Zahl der verfügbaren Lehrerinnen und Lehrer nach den Sommerferien deutlich sinken. Grund: Viele gehören zur Risikogruppe.
In Nordrhein-Westfalen könnte die Zahl der verfügbaren Lehrerinnen und Lehrer nach den Sommerferien deutlich sinken. Grund: Viele gehören zur Risikogruppe. Foto: Caroline Seidel/dpa

Läuft das Land in ein Schuljahr, das von Lehrermangel geprägt wird? Die Lehrer jedenfalls schlagen Alarm und befürchtet massiven Unterrichtsausfall: Der Nordrhein-Westfälische Lehrerverband (NRWL) fordert 20.000 Neueinstellungen ab sofort an den Schulen in Nordrhein-Westfalen. Sein Anliegen: Wegen der Corona-Krise werden dort auch nach den Sommerferien 15 Prozent der Lehrkräfte fehlen.

Der Grund: Schon in der Corona-Krise fehlten im Unterricht in NRW rund 20 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer, weil sie zu Corona-Risikogruppen gehören, also beispielsweise älter waren oder vorerkrankt. Seit dem 3. Juni werden diese Lehrkräfte nicht länger grundsätzlich vom Präsenzunterricht ausgenommen. Es zeichnet sich laut NRWL aber ab, dass auch nach den Sommerferien 15 Prozent aller Lehrkräfte – nach ärztlicher Begutachtung – keinen Präsenzunterricht an den Schulen erteilen werden.

„Damit ist Unterrichtsausfall programmiert. Das darf nicht sein“, warnt NRWL-Präsident Andreas Bartsch. Seine Forderung: „Nur mit 20 000 neuen Stellen wird der Normalbetrieb ab Mitte August gelingen. Wir brauchen dringend neue Lehrerinnen und Lehrer. Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung ist zwar breit aufgestellt, es ist allerdings sehr enttäuschend, dass Bildung dort fast nicht vorkommt“, kritisiert Bartsch.

Krise offenbarte Mängel im Schulsystem

Die Corona-Krise habe die Schwächen des Bildungs­systems ohnehin unmissverständlich offengelegt: Die mangelhafte digitale Ausstattung der Schulen in NRW sei für alle offensichtlich geworden. „Ohne neue Stellen wird es nach den Sommerferien erheblichen Unterrichtsausfall in NRW geben –und zwar zusätzlich zum sowieso bestehenden Lehrkräftemangel an vielen Schulen. Das darf nicht passieren, unsere Schülerinnen und Schüler dürfen nicht noch mehr Lernstoff versäumen“, so Bartsch. Nordrhein-Westfalen müsse hier gegensteuern.

„Normalität“ erst im Herbst?

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  • Dänemark war der Vorreiter, aber auch andere Länder haben bei den Lockerungen zunächst die Schulen wieder geöffnet. Norwegen gehört dazu, auch die Schweiz und die Niederlande. Deutschland hat sich zu einem dosierten Modell mit vielen Vorgaben durchgerungen. Ein Überblick von Dorle Neumann.

    Foto: Laurent Gillieron/KEYSTONE/dpa
  • Großbritannien: Die Rückkehr in die Schulen wird im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland, das in Europa inzwischen die meisten Coronatoten zu beklagen hat, sehr unterschiedlich gehandhabt. Während die englischen Schüler seit Anfang Juni nach und nach in die Klassenräume Einzug halten, sind die übrigen Landesteile zurückhaltender. Die Schulen in Wales werden ab dem 29. Juni wieder geöffnet – aber nur ein Drittel der Schüler wird gleichzeitig im Unterricht sein. Die schottischen Schulen starten erst zu Beginn des Herbstsemesters am 11. August nach einem gemischten Modell wieder – bis dahin wird weiterhin zu Hause gelernt. Nordirische Schüler, die sich auf Prüfungen vorbereiten, und die „Jüngsten, die kurz vor dem Eintritt in die Grundschule stehen, werden Ende August zurückkehren – der Rest muss sich einige Wochen länger gedulden. Die üblichen Sommerprüfungen wurden in England, Wales und Schottland abgesagt. Dies betraf auch die dem Abitur entsprechenden A-Level-Examina.

    Foto: Joe Giddens/PA Wire/dpa
  • Schweden: Der liberale Weg des Landes setzt bei der Viruseindämmung auf Freiwilligkeit der Bevölkerung: Lockerheit statt Lockdown. Schulen, Restaurants oder Geschäfte wurden nicht geschlossen. Das Land verzeichnet mittlerweile eine wesentlich höhere Infektions- und Sterberate als seine skandinavischen Nachbarn. Die Strategie soll nun überprüft werden.

    Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa
  • Österreich: Die Regierung in Wien geht davon aus, dass Kinder und Jugendliche bei der Verbreitung des Coronavirus keine größere Rolle spielen. Dennoch bleibt die Frage, wie sich die am 3. Juni beschlossene Wiedereröffnung der Schulen auswirken wird. Die Schülerinnen und Schüler sind verpflichtet, eine Mund-Nasen-Maske zu tragen – auch die jüngsten.

    Foto: Patrick PleulPatrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa
  • Italien: Das vom Virus hart getroffene Land ruft vor den langen Ferien nur die 463 000 Abiturienten noch mal in die Schule. Für den 17. Juni hat das Schulministerium für das Zentralabitur unter strengen hygienischen Auflagen eine mündliche Prüfung angesetzt – die Klausuren wurden für dieses Jahr abgeschafft. Alle anderen der rund 8,5 Millionen Schüler werden versetzt und kehren erst im September zurück in die Schulen.

    Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
  • Dänemark: Dort war man dagegen am Anfang sehr rigide und schloss Mitte März die Grenzen. Und es ist eines der Länder, die früh die Öffnung gewagt haben – und da besonders bei den Schulen. Denn schon seit Mitte April dürfen dort Kinder von der ersten bis zur fünften Klasse wieder in die Schule gehen. Das Risiko war einkalkuliert, eine Infektion bei den Jüngsten wurde in Kauf genommen, weil kaum Gefahr bestehe, so hieß es von der Regierung, dass sie schwer erkranken. Auch Kitas und Kindergärten haben offen. Die Öffnung ist aber mit strengen Regeln verbunden. Die Kinder müssen zwei Meter auseinander sitzen. Und sie müssen ihre Hände mehrmals am Tag waschen. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt in Dänemark.

    Foto: Sebastian Gollnow/dpa
  • Spanien: In Spanien, das auch stark vom Coronavirus betroffen ist, findet seit Mitte März kein Unterricht in der Schule mehr statt. Der reguläre Unterricht soll erst wieder mit dem neuen Schuljahr im September starten. Es muss aber niemand die Klasse wiederholen – die Noten für das Jahr richten sich nach dem Stand der Schüler in der Zeit vor der Ausgangssperre.

    Foto: Matilde Campodonico/AP/dpa
  • Niederlande: Alle Schulen in den Niederlanden sind nach und nach wieder geöffnet worden. Nachdem Grundschulen und Kitas im Mai wieder aufgemacht haben, kamen am 2. Juni die weiterführenden Schulen hinzu. Am 15. Juni sollen auch Examen an den Universitäten wieder möglich sein. Sie öffnen aber nicht komplett.

    Foto: Jonas D'hollander/BELGA/dpa
  • USA: Präsident Donald Trump möchte die Corona-Beschränkungen lieber heute als morgen beenden – dennoch gehen die meisten ­US-Amerikaner davon aus, dass die Schulen erst im Herbst wieder öffnen. Homeschooling bleibt dort vorerst also der Regelfall.

    Foto: Then Chih Wey/XinHua/dpa
  • Südkorea: Nachdem das Land die Pandemie deutlich im Griff hatte, sind nach leichten Lockerungen die Infektionsfälle wieder gestiegen. Südkorea verschärft deshalb die Beschränkungen für die Menschen in der Millionenmetropole Seoul und Umgebung wieder. Am Zeitplan für die schrittweise Öffnung der Schulen wird aber festgehalten.

    Foto: Jo Jung-Ho/Yonhap/dpa

Sein Vorschlag: „In den nächsten Wochen könnte das Land NRW problemlos Einstellungen über ein zen­trales Bewerbungsverfahren organisieren. Wir brauchen jetzt den politischen Willen, schnell und unbürokratisch Bildung zu sichern. Der Bedarf an Neueinstellungen ist riesig groß“, so der NRWL-Präsident.

Höhere Ausgaben für Bildung

Auch in ihrem Sondergutachtendes Sachverständigenrates zur Corona-Pandemie haben die Wirtschaftsweisen höhere Ausgaben für Bildung empfohlen, weil diese nicht nur kurzfristig, sondern nachhaltig eine positive Wirkung entfalten würden. „Die Baustellen an den Schulen sind offensichtlich: Neben dem Lehrkräftemangel sind das Digitalisierungsstau und marode Schulgebäude. Der NRWL fordert darum ein Konjunkturprogramm für Schulen. „Es gibt viel zu tun“, betont Andreas Bartsch.

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