Dülmener im digitalen Schaufenster
Tom Westborn stellt sich der „Jeder Tag ein Song“-Challenge

Dülmen -

Diese verrückte Idee ist nicht der Corona-Krise geschuldet. Schon seit September 2019 veröffentlicht Hobbymusiker Tom Westborn aus Dülmen jeden Tag einen selbst produzierten Song im Internet.

Sonntag, 07.06.2020, 17:00 Uhr
Tom Westborn möchte eines Tages von seiner Musik leben können.
Tom Westborn möchte eines Tages von seiner Musik leben können. Foto: Udo Hollstein

Er ist einer dieser Menschen, die schon bei Morgengrauen putzmunter sind, gut gelaunt aus dem Bett hüpfen. Ohne Wecker. Die innere Schlaf-Uhr tickt bis fünf Uhr – dann streift Tom Westborn seine Decke wie selbstverständlich ab, schleicht sich leise an seiner Frau vorbei aus dem Schlafzimmer. „Guten Morgen Dülmen.“ Ja, der bärtige Mann mit schütterem Haar steht mit den Hühnern auf, macht sich einen Kaffee, nimmt die Treppe zum Dachboden des Reihenhauses nahezu geräuschlos, fährt den Rechner hoch: Bääm! Los geht’s.

Westborn ist leidenschaftlicher Hobbymusiker, Sänger, Produzent. Und steht seit Ende September 2019 inmitten eines ehrgeizigen Projektes, einer Ein-Jahres-Challenge: Jeden Tag produziert er einen Song, stellt ihn auf Youtube ins Internet. 366 Mal – der 29. Februar verlangt ihm eine Zugabe ab. Und täglich grüßt das Murmeltier. Verrückt (kreativ), dieser Kerl!

Mit Mitte 30 umgesattelt

Es ist kurz nach 9 Uhr, als mein Handy an diesem Donnerstag im Mai bimmelt. Tom hält sein Versprechen, ruft zurück. Am Tag vorher haben wir uns darauf verständigt, trotz der Lockerungen in der Corona-Krise auf ein persönliches Treffen in seinem Studio zu verzichten. Er ist auf dem Weg nach Dortmund. Hier arbeitet er. Nicht nebenbei als Taxifahrer wie so viele seiner Kollegen in dieser hart umkämpften Branche.

Irgendwas im Gesundheitsbereich macht er, mehr will er nicht verraten. Dabei ist der gebürtige Duisburger studierter Jurist, hat als Anwalt gearbeitet. „Bis mir das alles nicht mehr spannend genug war, Mobbing am Arbeitsplatz und die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung gemacht haben“, gesteht er. Sattelt mit Mitte 30 um. Er braucht den Job. „Von der Musik allein kann ich nicht leben.“

Manchmal gefällt es mir nicht wirklich, fallen mir kleine Fehler in der Abmischung und im Text auf – dann muss ich abends noch mal Hand anlegen.

Tom Westborn

„The Stars Are Shining Bright Tonight“ – emotionaler Rock und Pop hallt aus den Lautsprechern seines Wagens. Ja, die Sterne des Abends leuchten selbst an diesem sonnigen Morgen hell. Song Nummer 229 ist im Kasten, der breiten Masse in der virtuellen Welt bereits zugänglich. Wie ist das gleich mit dem frühen Vogel? Westborn ist seit mehr als vier Stunden auf den Beinen. Hat geliefert – und lauscht auf der Fahrt zur Arbeit seinem Werk. „Manchmal gefällt es mir nicht wirklich, fallen mir kleine Fehler in der Abmischung und im Text auf – dann muss ich abends noch mal Hand anlegen.“ Macht trotzdem Laune.

Sonnenbrille als Markenzeichen

Tom Westborn wird am 13. März 1981 in Duisburg geboren – und ist kein Anhänger des Drittligisten MSV, wie er versichert. Mit 14 Jahren gründet er als Gymnasiast seine erste Band („Yes or No“). Gecovert werden Songs von den Rolling Stones und Nirvana. Die erste eigene Musik produziert er mit einem 8-Spur-Rekorder – heute arbeitet er mit dem PC. Seit 2017 wohnt er in Dülmen. Die Sonnenbrille ist auf Fotos sein Markenzeichen.

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Unzählige Einsendungen sind inzwischen auf den Schreibtischen diverser Platten­firmen eingegangen. Absagen, hier und da Lob und Anerkennung – sogar von einem Majorlabel. Musik ist ein knallhartes Haifischbusiness. Das weiß Westborn. Ein langer Atem – unerlässlich. Das beweist der 39-Jährige zurzeit täglich. Entdeckt zu werden, ist nicht selten ein Märchen. Mund abputzen, weitermachen, wie der Fußballer zu sagen pflegt.

"Ein Ritterschlag"

Gleichwohl könnte der Dülmener dicker auftragen. Mit dem Stargitarristen Phil Palmer, der Größen wie die Pet Shop Boys, Wishbone Ash, Eric Clapton, die Dire Straits, Tina Turner, Chris de Burgh, Bryan Adams, Alphaville oder George Michael begleitete, hat er schon zusammengearbeitet. Bei Facebook bittet er den Briten 2019 schlicht um ein paar Gitarren-Riffs für einen seiner Songs. Und wird nicht enttäuscht. „Ein Ritterschlag.“

Auch mit Komponist und Mr. Grand Prix Ralph Siegel oder Udo Lindenberg nimmt er Kontakt auf. Wird anfangs vertröstet, um dann doch eine positive Rückmeldung zu erhalten. Durchhalten, das ist nicht nur in diesen Zeiten erforderlich. Westborn ist hartnäckig, lebt seinen Traum. Weiter. Immer weiter. Irgendwann will er von der Musik leben können. Konzerte geben. Reisen. Wie damals.

Per Challenge ins Rampenlicht

Als Jugendlicher. Mit dem Gospelchor des Gymnasiums kommt er rum. Von wegen „Ich war noch niemals in New York“! Big Apple erlebt er hautnah, Paris, Berlin – schöne Zeit. „Won’t Forget These Days“ – um Fury in the Slaughterhouse etwas Raum zu schenken. Unvergessliche Tage. Westborn will mehr davon. Dafür steht er jeden Morgen um 5 Uhr auf. Seine Challenge soll ihn auch ein Stück weit ins Rampenlicht lotsen. Dafür stellt er sich nur allzu gerne ins digitale Schaufenster.

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