Dienstbeginn in Corona-Zeiten
Der erste Dorfschreiber Everswinkels

Hermann Mensing sollte als erster Dorfschreiber in die Regionalgeschichte Everswinkels eingehen. Corona hat seine Pläne zwar durcheinandergewirbelt – durchkreuzt sind sie aber nicht. Ein Dorfschreiber erzählt.

Samstag, 23.05.2020, 17:15 Uhr aktualisiert: 23.05.2020, 17:32 Uhr
Einen Teil der Bücher hat er selbst geschrieben.
Einen Teil der Bücher hat er selbst geschrieben. Foto: Annegret Schwegmann/Gemeinde Everswinkel

Hermann, das wäre doch etwas für dich, oder?“ Ein Freund zeigte ihm den Flyer einer Ausschreibung, mit der der Kulturkreis Everswinkel freie Autoren ermutigen wollte, sich für eine Dreimonatsstelle als Dorfschreiber zu bewerben. Hermann Mensing überlegte. Ein Dorfschreiber in der Tradition eines Chronisten? Das klang reizvoll. Menschen begegnen, ihnen Fragen stellen und über sie schreiben, vielleicht in einer literarischen Form schwankend zwischen Wirklichkeit und Fiktion? Das lag ihm doch. Damit hatte er sich schließlich schon seit Jahrzehnten beschäftigt. Hinzu kam, dass sich dieses Dorf nicht irgendwo befindet. Mensing mag das Münsterland.

Erster Monat im Homeoffice

Sucht er nach Adjektiven, dann fällt ihm immer dieses ein: verlässlich. „Wenn man seine Spur aufgenommen hat, dann spürt man schnell: Ein typischer Münsterländer wird einen nicht über den Tisch ziehen“, sagt der 71-Jährige. Mensing bewarb sich, erhielt den Job und fühlte sich schon behaglich, ehe er die Stelle überhaupt angetreten hatte – als Mensch, der seit vielen Jahren in Münster-Roxel lebt, weiß man, worauf man sich einlässt, wenn man ein paar Kilometer weiter Chronist einer Gemeinde im Münsterland wird.

Nun ist doch alles anders gekommen, als er es erwartet hat. Den ersten Monat hat er Everswinkel aus dem Homeoffice beobachtet, die nächsten zwei Monate müssen warten. 2021 ist für einen Dorfschreiber schließlich genauso geeignet. Und in Everswinkel ist er sowieso kein Unbekannter mehr.

Dorf-Blogger mit Hang zu Reimen

Dieses Tagebuch, das er als Blog auf der Homepage des Kulturkreises veröffentlicht hat, hat so manchen Dorfbewohner auf den Geschmack nach mehr gebracht. Es könnte spannend werden, was da noch alles kommen kann. In einer Geschichte hat er sich vorgestellt, er wäre längst da und würde gerade durch die Eingangstür die Ferienwohnung betreten, die der Kulturkreis für ihn angemietet hat. Er beobachtet sich selbst – quasi in der dritten Person:

Drei Monate wird er jetzt hier sein. Eine lange Zeit. Beängstigend lang, wenn man bedenkt, dass er noch nie Dorfschreiber war, aber irgendetwas ist immer neu im Leben, und er hat nichts gegen Herausforderungen, im Gegenteil.

Als die Anfänge der Pandemie schon unter uns waren, wir aber noch nichts davon ahnten, ist Mensing zum ersten Mal in seinem Leben nach Everswinkel gefahren. „Mit dem Rad“, erzählt er. Neues lässt sich am besten entschleunigt entdecken. Mensing erreichte zuerst den Ortsteil Alverskirchen und kurz darauf Everswinkel. „Es waren die Kirchtürme, die mir als Erstes aufgefallen sind. Beide sind quadratisch und nicht sehr hoch.“ Und damit hatten sie schon entscheidend gepunktet. „Sie wirken bescheiden. Ich mag das. sehr.“

Mensing ist ein Mann der Gedichte, der Limericks, der Kurzweisheiten. Das ist auch den Lesern seines Everswinkel-Blogs schon aufgefallen.

Nur wenn’s sich reimt,
ist’s ein Gedicht,
reimt es sich nicht,
ist es es nicht?

Mit Schreibmaschine zum Wochenmarkt

Susanne Müller freut sich schon auf den Dorfschreiber. Die Sprecherin des Arbeitskreises Literatur im Kulturkreis Everswinkel hat schon beim ersten Gespräch festgestellt: „Er hat unglaublich viele Ideen.“ Einmal wöchentlich will er in den Bibliotheken der Ortsteile mit Menschen in Kontakt treten. Und den Wochenmarkt, den hat er von Anfang an als seinen Arbeitsplatz fest eingebucht. „Ich werde mich dort hinsetzen mit meiner mechanischen Schreibmaschine.“ Die ist zwar eigentlich nicht sein Medium, passt aber gut zu dem, was er vorhat: „Ich werde den Menschen sagen: Erzählen Sie mir eine Geschichte, irgendeine, die Ihnen etwas bedeutet. Und dafür bekommen Sie ein Gedicht von mir.“

Wenn alles gutgeht, wird er im nächsten Jahr die Schützenfeste erleben, das Frühlings- und das Dorffest, und davon erzählen und den Bürgern damit vielleicht einen ganz anderen, ungewohnten Blickwinkel auf das ermöglichen, was so selbsterklärend im dörflichen Miteinander ist.

Einem Everswinkler Marktbeschicker hat er das kürzlich schon erzählt. „Wir haben geschnackt, wie sich das eben ergibt. Er war mir sympathisch, ein typischer Münsterländer. Cordhose, kariertes Hemd, Hut auf dem Kopf. Ich habe ihm erzählt, was ich als Dorfschreiber machen will.“

Wenn er daran denkt, steigt die Vorfreude auf die Zeit als Dorfschreiber: Pläne verwirklichen – das wird noch reizvoller nach Zeiten, in denen man das nicht für möglich hält.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7420956?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker