Interview mit Dehoga-Geschäftsführerin Renate Dölling
Für Gastronomen und Hoteliers „die schwerste existenzielle Krise“

Münster -

Renate Dölling ist Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Westfalen. Ihre Branche wurde durch die Corona-Krise hart getroffen. Inzwischen dürfen Gastronomie und Hotels wieder öffnen – doch nur unter empfindlichen Auflagen.

Donnerstag, 21.05.2020, 14:00 Uhr aktualisiert: 21.05.2020, 14:16 Uhr
Öffnen erlaubt – aber nur mit Abstand: Die Gastronomie leidet, erklärt Renate Dölling.
Öffnen erlaubt – aber nur mit Abstand: Die Gastronomie leidet, erklärt Renate Dölling. Foto: Wilfried Gerharz, Oliver Werner

Die Gastronomie darf wieder öffnen – wie ist die Stimmung in den Betrieben?

Dölling: Es gibt erhebliche Auflagen für die Betriebe, die jetzt wieder öffnen möchten. Die Gäste werden platziert, sie dürfen nicht einfach eintreten, sondern müssen vorne warten, bis ihnen ein Platz zugewiesen wird. Sie müssen die Hände desinfizieren und sollten, außer natürlich beim Essen, einen Mund-Nasen-Schutz tragen, z.B. auch beim Gang auf die Toilette, da häufig die Abstandsregelung von 1,5 Metern nicht gewährleistet werden kann.

Gibt es erste Probleme?

Dölling: Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, die Kontaktdaten der Gäste aufnehmen. Der Gast muss nachvollziehbar darlegen, wie er heißt, wo er wohnt, Telefonnummer oder E-Mail-Adresse angeben, und er muss versichern, dass, wenn er mit mehreren Gästen am Tisch sitzt, es sich tatsächlich nur um zwei Hausgemeinschaften handelt. Da haben wir häufig das Problem, dass sich Stammtische oder Clubs anmelden, die gern wiederkommen würden; das aber ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht erlaubt. Vielen Gästen ist offenbar gar nicht klar, dass nicht die Gastronomen diese Regeln machen, sondern wir, die Betreiber, gehalten sind, die beschlossenen Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.

Was ist denn jetzt eigentlich mit Büffets – erlaubt oder nicht erlaubt?

Dölling: Zunächst hieß es nein, jetzt aber sind sie doch erlaubt: mit Mund-Nasen-Schutz und Händedesinfektion für die Gäste und entsprechendem Spuckschutz. Büffet geht also wieder, auch Frühstücksbüffet. Nur bei Saft und Kaffee gibt es keine Selbstbedienung, das muss vom Servicepersonal serviert werden.

Wie ist die Situation in den Hotels, die ja auch wieder öffnen dürfen?

Dölling: Bei den Hotelbetrieben ist die Rückmeldung bislang sehr sehr verhalten, auch mit Blick auf das Buchungsaufkommen für das lange Wochenende über Christi Himmelfahrt oder Pfingsten. Von den Sommerferien ganz zu schweigen.

Das klingt nicht gut ...

Dölling: Nein, aber ich habe die Hoffnung, dass die Gäste sich darauf besinnen, dass Deutschland und das Münsterland wunderschön sind, und dass man hier, quasi vor der Haustür, sehr gut Urlaub machen kann.

Haben Sie denn schon eine Vorstellung, wie viele Betriebe durch die Restriktionen und den Shutdown wohl auf der Strecke bleiben?

Dölling: Ich befürchte, dass rund 30 Prozent der Betriebe nicht wieder öffnen bzw. nach der Wiedereröffnungs-Phase feststellen, dass es sich unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht rechnet und die nach drei oder vier Monaten die Pforten schließen. 30 Prozent werden vom Markt verschwinden, und die ersten Rückmeldungen gibt es schon. Selbst wenn Betriebe jetzt öffnen, machen sie ja maximal die Hälfte, die meisten eher nur zwischen 20 und 30 Prozent ihres regulären Umsatzes. Wenn die ganzen Beträge, die bislang gestundet worden sind, dann gezahlt und Kredite bedient werden müssen, kommt aus meiner Sicht eine zweite Welle der Schließung.

Die staatlichen Hilfen werden daran auch nichts ändern?

Dölling: Von der Reduzierung der Mehrwertsteuer profitieren ja nur die Speiserestaurants. Wir hoffen, dass wir einen Rettungsschirm, einen Entschädigungsfonds oder etwas Ähnliches bekommen. Die Politik muss uns dem Gastgewerbe jetzt unter die Arme greifen, weil die Betriebe das sonst definitiv nicht überleben. Wir würden uns wünschen, dass gerade unsere getränkeorientierten Betriebe wie Clubs in irgendeiner Form von Unterstützungsfonds oder Rettungsschirmen profitieren und die Politik sollte ernsthaft darüber nachdenken, ob nicht die Mehrwertsteuersenkung auch auf die Getränke übertragen werden kann.

Inwiefern hilft das Kurzarbeitergeld?

Dölling: Die Bundesagentur für Arbeit wird natürlich überhäuft mit Anfragen zur Kurzarbeit. Es sind nur ganz wenige Bescheide bislang in den Betrieben angekommen, das Geld ist noch nicht geflossen. Jetzt stehen aber die Löhne an, denn es hat einige Zeit gedauert, bis die Betriebe die Bewilligungsbescheide und dann auch das Kurzarbeitergeld erhalten haben, so dass die Betriebe in Vorlage gehen mussten, sie bekommen das Geld dann später erstattet. Unsere Betriebe aber haben häufig keine Liquidität, müssen zur Bank, entweder ihren Kontokorrentkredit erhöhen oder einen Finanzierungskredit beantragen. Der aber muss irgendwann zurückgezahlt werden. Die Gastronomie das Gastgewerbe erlebt ihre seine schwerste existenzielle Krise.

Umsätze sind im Keller

Viele gastronomische Betriebe erzielen auch nach der Öffnung nur einen Bruchteil ihrer früheren Einnahmen, berichtet der Branchenverband Dehoga NRW. Laut einer Umfrage erwirtschafteten rund 77 Prozent der Gastronomen maximal die Hälfte der Umsätze im Vergleich zu einer Mai-Woche im Vorjahr. Nur 8 Prozent erreichten mehr als 75 Prozent ihres damaligen Umsatzes. Ein ähnliches Bild ergab eine Blitzumfrage der IHK Nord Westfalen, wonach der Umsatz bei der Hälfte der Unternehmen unter 25 Prozent des normalen Umsatzes bleibe. „Die massiven Umsatzeinbußen sind besorgniserregend und zeigen, dass das Gastgewerbe ebenso wie etwa der Handel trotz Wiedereröffnung noch längst nicht über den Berg ist“, resümiert IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Fritz Jaeckel.

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7418595?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker