Corona-Schutzmaßnahmen
Regeln für Altenheime in der Praxis kaum umsetzbar

Münsterland -

„Nett gedacht, aber in der Praxis in kaum einem Heim möglich – sowohl wegen der baulichen Situation als auch mangels Personal.“ So kommentiert Caritas-Sprecher Harald Westbeld die Regeln, die derzeit für Seniorenheime gelten. Er ist nicht der einzige, der sie für nicht praktikabel hält.

Donnerstag, 07.05.2020, 09:40 Uhr
Eine Seniorin sitzt hinter der Scheibe, während sie sich Fotos auf einem Handy anschaut.
Eine Seniorin sitzt hinter der Scheibe, während sie sich Fotos auf einem Handy anschaut. Foto: dpa

Der Sohn ist jedes Mal traurig, wenn er seinen Vater besucht hat. „Der steht auf dem Balkon und winkt. Das macht den echt fertig. Daran stirbt der eher als an Corona.“ Altenheime sind in diesen Wochen unterschiedlich vorsichtig, wenn es um den Schutz ihrer Bewohner geht.

Die mussten ihre Einrichtungen bislang in drei Bereiche aufteilen, um Bewohner mit nachgewiesener Infektion, mit einem Verdacht und gesunde Bewohner penibel voneinander zu trennen. Das soll weitere Ansteckungen vermeiden und war nach den Worten von Caritas-Sprecher Harald Westbeld „nett gedacht, aber in der Praxis in kaum einem Heim möglich – sowohl wegen der baulichen Situation als auch mangels Personal“.

Dreiteilung aufgehoben

Zur Erleichterung von Natalie Albert aus dem Referat Altenhilfe und Sozialstationen beim Diözesancaritasverband ist die Dreiteilung der Heime inzwischen aufgehoben. Bewohner können zur Quarantäne in ihre Zimmern, müssen nicht umziehen. Außerdem dürfen sie ausschließlich mit einem negativen Testergebnis aus einem Krankenhaus entlassen werden und können durch diese Regelung in ihr vertrautes Zimmer zurückkehren.

„Das bedeutet mehr Sicherheit für die anderen Menschen in den Einrichtungen. Bleibt die Frage, wie zuverlässig solche Testergebnisse sind“, sagt sie. Schwierig bleibe, dass die Leitung der Einrichtungen entscheiden müsse, wie viel Freiheit sie ihren Bewohnern gönnen kann.

Ideale Bedingungen für das Virus

Wenn das Virus erst mal in so eine Einrichtung eingedrungen ist, bleibt das Gefühl von Heimat, Vertrautheit und Geborgenheit schnell auf der Strecke. Dann stehen Schleusen zwischen den verschiedenen Bereichen. Pflegekräfte tragen Masken und Schutzkittel. „So bricht das gewohnte Lebensumfeld zusammen“, sagt ein Experte.

Eine große Wahl haben die Heime nicht: Überträger sind oft symptomfrei, Pflegende in der klassischen Altenhilfe nicht vermummt, die Bewohner essen in der Regel gemeinsam im Speisesaal und sitzen und plaudern anschließend auf Parkbänken. Ideale Bedingungen also für das Virus.


„Kaserniert“ oder gut geschützt?

Einzelne Bewohner fühlen sich im Angesicht der Schutzmaßnahmen schnell ungerecht behandelt. Ein Bewohner des Tibusstifts in Münster hat sich an unsere Zeitung gewandt und berichtet, „kaserniert“ zu sein. Wer das Gebäude alleine verlasse, müsse 14 Tage in Quarantäne. Bewohnern werde Angst bereitet und Druck gemacht.

Der Senior ist nach eigenen Angaben seit sechs Tagen nicht mehr draußen gewesen. „Das ist doch nicht möglich, dass wir nicht mal in der Apotheke gegenüber Hustenbonbons kaufen dürfen“, schimpft er. Mitarbeiter durchsuchten Pakete, weil sie prüfen, ob Angehörige Lebensmittel hineinschmuggeln. „Vor einem halben Jahr habe ich noch gesagt, dass ich mich hier zu Hause fühle. Jetzt muss ich hier ausharren, bis ich sterbe“, sagt der Bewohner. Allerdings: Die Aussagen sind nicht repräsentativ. Viele Mitbewohner finden die Maßnahmen auch richtig.

Vor einem halben Jahr habe ich noch gesagt, dass ich mich hier zu Hause fühle. Jetzt muss ich hier ausharren, bis ich sterbe

Ein Bewohner des Tibusstifts in Münster

Nach den Worten eines Sprechers der Ergo-Group, die das Tibusstift betreibt, bestehe eine „tägliche Herausforderung darin (…), die berechtigten Sorgen und Ängste der Angehörigen und Bewohner mit unserer Verantwortung für den Schutz der Gesundheit aller bei uns lebenden Menschen in Einklang zu bringen“. Unter anderem dürften die Bewohner das Gebäude nur noch mit einem Mitbewohner verlassen. Im Tibusstift heißen die „Reisebegleiter aus der Bewohnerschaft“. Wer ohne Begleiter das Haus verlässt, darf die nächsten 14 Tage nicht das Restaurant oder Café nutzen. Solche Regeln gelten sowohl für Bewohner des „Pflegewohnbereichs“ als auch des „Servicewohnbereichs“, in dem nach den Worten des Sprechers „mopsfidele“ Bewohner leben, die „in keinster Weise“ eine Betreuung bräuchten.

Mit den gesetzlichen Vorgaben ist das nicht vereinbar. In einer entsprechenden Nachfrage beim Landesgesundheitsministerium heißt es, dass die Coronaschutzverordnung unter anderem für Krankenhäuser und Rehakliniken gelte, aber ausdrücklich nicht für Betreutes Wohnen.

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